Montag, 23. September 2013

Das Fräulein Grete Meier ist traurig



Das Fräulein Grete Meier ist traurig

Manchmal sitzen auch bei der Grete die Tränen ganz lose. Denn manchmal wird sie von der Vergangenheit eingeholt. Dann weint sie und möchte sich am liebsten im Bett verstecken.  Heute ist wieder so ein Tag. Und weil die Grete wusste, dass heute so ein Tag sein wird, hat sie sich freigenommen.  Schließlich hat ja keiner was davon, wenn sie den ganzen Tag nichts auf die Reihe kriegt im Büro. Arbeit soll ja ablenken, aber bei Grete funktioniert das an solchen Tagen nicht. Da reicht ein Lied im Radio, eine kleine Bemerkung, eine Farbe, ein Geruch und die Grete weint.  Auch wenn der Tod ihrer Eltern schon sehr lange her ist, die Grete vermisst sie jeden Tag. Die Zeit heilt alle Wunden, haben viele ihr gesagt oder geschrieben. Grete wollte das damals nicht glauben. Jetzt, rückblickend betrachtet, sieht sie das ebenfalls so. Die Wunden verheilen, die offensichtlichen. Aber es bleiben Narben zurück, die immer mal wieder aufbrechen. Sie gehören zur Grete ebenso wie die Finger an ihren Händen. Sie haben sie geformt und zu der Person gemacht, die sie heute ist.

Tante Heidi hat heute Morgen schon ganz früh angerufen und mit der Grete geweint. Auch mit Onkel Günther, der immer noch im Krankenhaus liegt, hat sie telefoniert. Ein wenig konnte er sie aufheitern durch einige Anekdoten, die er zum Besten gab, von früher. So war es zu ihrer Jugendzeit schon gewesen. Immer wenn die Grete besonders traurig war, hat der Onkel Günther Geschichten von früher erzählt. Und irgendwann gelang es der Grete auch über ihre Eltern zu sprechen, ohne Tränen und noch viel später sogar ohne einen Kloß im Hals zu haben.

Heute allerdings sah die Sache anders aus. Es war das erste Mal in all den Jahren, wo das Fräulein Grete Meier am Todestag alleine zum Friedhof gehen musste. Natürlich war sie schon sehr oft alleine dort gewesen, manchmal auch mit dem Lieschen oder der Frau Korters. Aber am Todestag immer in Begleitung von Tante Heidi und Onkel Günther.

Schon gestern Abend konnte die Grete nicht richtig einschlafen. In solchen Nächten laufen die damaligen Geschehnisse wie ein Film vor ihren Augen ab. Keine Chance für sie, ihn anzuhalten. Dementsprechend gerädert fühlte sie sich auch am Morgen. Müde und unendlich traurig. Das Frühstück ließ sie sausen, es hätte ihr ja doch nicht geschmeckt. Stattdessen nahm sie sich die Wohnung vor, und rauchte zwei Zigaretten mehr als sonst mit dem Herrn Heinevetter auf dem Balkon. Das lenkte sie ein wenig von ihrem Kummer ab.

Nachmittags setzte sie sich dann ins Autochen, steuerte ein Blumengeschäft an, kaufte eine Schale mit gelbblühenden Pflanzen und eine große Sonnenblume. Letztere im Auftrag von Tante Heidi. " Tu das für mich bitte Kindchen, sie mochte doch Sonnenblumen so gern."

Auf dem Friedhof war es still. Nur Vögel zwitscherten fröhlich um die Wette, nicht ahnend welch Leid hinter manchem Stein verborgen liegt.  Die Sonne schien auf das Grab. Grete legte die Sonnenblume mittig darauf, die Schale stellte sie an den Rand. Dann zündete sie die Kerze an, die windgeschützt in einem steinernen Halter verborgen war. Sie erzählte, leise vor sich hin murmelnd, alles was in den letzten Tagen so passiert war. Und weinte. Lange. Bis die Trauer langsam wich  und einem tiefem Gefühl der Verbundenheit Platz machte. Hände tauchten vor ihr auf. Sie hörte die tiefe Stimme ihres Vaters, wenn er nach ihr rief und das mitunter grelle Lachen ihrer Mutter. Und sie spürte Liebe, die ihr von beiden entgegengebracht wurde. Ganz ruhig war die Grete jetzt. Und losgelöst von aller Trauer dieser Welt. Und allen Tränen. Noch einmal strich sie über den Grabstein, lächelte, drehte sich um und verließ den Friedhof. Im Autochen rauchte sie noch in aller Ruhe eine Zigarette, bevor sie losfuhr. Nein, nicht nach Hause. Sie fuhr direkt zu ihrem Lieblingsmittwochscafé. Gönnte sich eine Tasse Kaffee und ein großes Stück Schokoladentorte. Auch in aller Ruhe. Dabei dachte sie an früher, an Tante Heidi und Onkel Günther, die sich so selbstlos ihrer angenommen hatten. Ihr Herz wurde dabei ganz warm. Der Chef schlich sich in ihre Gedanken, die Susi, die Berta und die Heidi Seelig. Sie dachte an Eido, und an all die anderen Kollegen in ihrer Firma. Und daran, welch nette Nachbarn sie doch hatte. Auch wenn der Herr Heinevetter manchmal nervt, missen möchte sie ihn nicht.

Mir geht es gut, dachte die Grete. Richtig gut. Ihre Gedanken schweiften zu Lieschen und ihrem Herrmann. Wie schön, dass Lieschen jemanden an ihrer Seite hat und wie schön, dass trotz Herrmann das Lieschen für mich da ist, wenn ich sie brauche. Auch wenn wir oft nicht einer Meinung sind. Alles ist gut, und alles ist richtig. So wie es jetzt ist.

Hier angekommen hielt die Grete nichts mehr im Café. Noch nicht mal mehr Schokoladentorte. Sie wollte nur noch nach Hause. Auf den Balkon zu Herrn Heinevetter und zum Telefon. Schließlich hatte sie mit Lieschen noch gar nicht über den, in ihren Augen unsäglichen, Ausgang der Wahl gesprochen.





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Kommentare:

  1. Heute habe ich mich einmal wieder sehr mit der Grete verbunden gefühlt, denn ganz ähnlich laufen meine Gedenktage ab, wenn mein Vater Geburtstag hat, der mittlerweile schon über zwanzig Jahre tot ist.

    Herzliche Grüße
    Regina

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  2. Erst einmal:
    Das ist so einfühlsam und lieb geschrieben, so empathisch, dass einem beim Lesen ja fast selber die Tränen kommen.
    Wer kennt sie nicht, diese Narben, die immer wieder aufbrechen, gerade auch die seelischen.
    Und dann diese besonderen Tage, bei denen die Erinnerung ganz eigene Wege geht.

    Ich sage immer (und habe es auch so erlebt), dass der bittere Stachel des Schmerzes irgendwann der schönen Erinnerung Platz macht, nicht mehr so sticht, weich wird. Man spürt ihn noch, aber eben ganz zart. Doch manchmal formt sich dann wieder die Spitze und man spürt den Schmerz, als sei alles gerade erst gewesen und der Verlust ist so real und überdeutlich.
    Dann finde ich es richtig, dem auch nachzugeben, zu weinen, wie Grete es macht.
    Einfach zulassen, diese Trauer. Sie gehört doch zum Menschen dazu, so wie die Freude, die Wut und andere Gefühle auch.
    Und manchmal kann es einfach wieder befreien, diese Trauer so unmittelbar zu erleben.

    Als Leser bin ich hier ganz bei Grete, fühle mich ihr nah, weil ich genau dieses Erleben auch kenne. Aber zum Glück bin ich am Ende auch irgendwie erlöst.
    So wie Grete es erlebt, so fühlt es sich auch für mich gut an.

    Und all die Menschen, die zählen im Leben – jeden Tag – wie die Nachbarn, der Chef, die Kollegen und Heidi und Günther vor allem und natürlich das Lieschen – wie schön, dass Grete sich auch in solch traurigen Momenten an sie erinnert.

    Liebe Grüße
    Enya

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  3. Frau Grete, Du Liebe,
    ich kann dir nachfühlen. Weiß, wie es ist, wenn man allein mit seinen traurigen Gedanken
    ist. Und ich weiß auch darum, welche Ruhe von einem Grab ausgehen kann. Nein, die Zeit heilt nicht alle Wunden. Sie macht sie milder. Und der Schmerz gehört auch zu
    unserem Leben. Wir müssen ihn ertragen. Er macht uns stärker.
    Einen guten Start in die neue Woche wünscht
    Irmi

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  4. Ich hätte den Beitag vorher lesen sollen, er ist so schön zart und lieb geschrieben und rührt mich sehr. Jeder von uns braucht jemanden in traurigen Momenten und es ist schön, es hier so zu lesen. Danke dafür
    Geli

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  5. Liebe Grete die Geschichte hast du einfühlsam in Worte gefasst. Der Schmerz in unserer Seele macht uns stark und gibt uns neue Kraft. Auch wenn die Wunden ganz verheilen, die Narben bleiben zurück.

    Liebe Abendgrüße
    Angelika

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  6. Vielen Dank, ihr Lieben. Für Zuspruch und überhaupt.
    Gruß und eine Umarmung für alle vonner Grete

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Da freut sich die Grete aber, dass du was zu sagen hast ...