Dienstag, 29. Oktober 2013

Von Reibekuchen und Notlügen

 Von Reibekuchen und Notlügen

Heute morgen, noch vor halb acht, saß das Fräulein Grete Meier bereits vor einer Suppe, die ihr zwar andere eingebrockt haben, aber die größten Brocken hat sie selbst hineingeworfen. Hinterhergeschmissen sozusagen. Vor ihrem Haus hat sie nämlich eine junge Mutter aus der Nachbarschaft getroffen, die gerade auf dem Weg zum Kindergarten war mit ihrer Tochter. "Morgen Frau Meier, wirklich ich freue mich schon total. Mir läuft jetzt schon das Wasser im Mund zusammen." Automatisch nickte die Grete. Ohne dass sie es aufhalten konnte, rutschte ihr "Freuen? Auf was denn?", heraus. "Na, auf ihre leckeren Reibekuchen am Samstag!" Die junge Frau merkte sehr wohl an Gretes Reaktion, dass etwas nicht in Ordnung war. Denn in Gretes Augen tanzten Fragezeichen. "Oder haben sie etwa keine Einladung bekommen?" Richtig enttäuscht klang das. "Doch, doch, natürlich, mir war das nur gerade entfallen, weil ich mit meinen Gedanken woanders war", beschwichtigte die Grete. "Ich muss dann jetzt auch weiter, schönen Tag noch."
Grete machte dass sie zum Autochen kam. Zwei Tage noch, dann würde hier ihr neuer Wagen stehen. Doch für den Moment schob sich vor die Vorfreude der Gedanke an die Reibekuchen. Natürlich hatte die Grete die Einladung vom Kindergarten bekommen zum Herbstfest. Wie jedes Jahr. Aber eben nur die Einladung. Kein Wort von Reibekuchen stand darin. Sicher, die letzten fünf Jahre hat sie den Kindergarten unterstützt. Mit ihren hausgemachten Reibekuchen. Handgerieben. Aber da hatte man sie auch vorher jedesmal gefragt. 
Im Büro griff die Grete gleich zum Hörer und rief die Kindergartenleiterin an. "Wie schön Frau Meier, dass sie anrufen. Wäre toll, wenn sie auch noch ein oder zwei Pfannen mitbringen könnten. Eine Mutter ist abgesprungen, deshalb haben wir zu wenig. 14.00 Uhr Frau Meier, wie jedes Jahr. Tut mir leid, ich würde ja gerne noch ein wenig plaudern, aber das Frühstück für die Kinder ist noch nicht fertig. Wir sehen uns ja am Samstag, dann holen wir das nach. Die Kinder freuen sich schon total auf ihre berühmten Reibekuchen. Bis dann Frau Meier, und denken sie an die Pfannen!" 
Grete konnte nur noch ein "JaJa" rausquetschen, bevor es am anderen Ende der Leitung ruhig wurde. Von Ruhe konnte man in Gretes Gedankengängen nicht sprechen. Dort tobte ein Sturm. Sie wusste nicht, ob sie lachen oder weinen sollte. Samstag! Samstag wollte sie doch mit dem neuen Wagen zu Lieschen fahren. Einen Ausflug wollte sie mit dem Lieschen machen, wenn das Wetter es zulässt. Einfach ins Blaue fahren. Gretes Gedanken überschlugen sich. Es passte einfach nicht, nein, ganz und gar nicht. So sehr sie es auch drehte und wendete. "Auch wenn ich nicht zu Lieschen fahre", überlegte sie laut, "ab Freitagnachmittag bin ich bei Tante Heidi und Onkel Günther und bin dann ja erst spät zuhause. Gut, die Kartoffeln und alles andere kann ich da kaufen. Aber ich muss ja auch alle reiben!" Bei dem Gedanken daran, für mehr als zweihundert Personen ganz alleine Kartoffeln zu reiben, wurde der Grete schwummerig. In den letzten Jahren hatte nämlich immer die Frau Korters geholfen. Und auch der Herr Heinevetter. Der hatte sich um die Zwiebeln gekümmert. Aber, da hatte man die Grete Wochen vorher schon gefragt, ob sie das machen würde. Und die Grete konnte planen. Jetzt war sie heillos überfordert. "Ich sag ab", murmelte die Grete vor sich hin.
Während sie sich einen Kaffee kochte, konstruierte sie in Gedanken einen Absagegrund nach dem anderen. Frauenbeschwerden ... ach nein, geht ja auch keinen was an ... Hand gebrochen ... geht auch nicht, wo soll ich denn einen Gips herkriegen ... Onkel Günther geht es schlecht ... Grete sah betreten auf den Boden. Unglück sollte man nicht heraufbeschwören. Also auch adacta. Dann fiel ihr die Lösung ein. Magen-Darm! Kann keiner nachprüfen und ist ansteckend. Erleichtert nippte die Grete am Kaffee. Leider schoben sich sofort traurige Kindergesichter vor Gretes Augen und Gretes Gewissen schwoll mächtig an. So sehr, dass sie sich für die Reibekuchen entschied. Und wenn die Grete sich erstmal entschlossen hat ... na ihr wisst ja. 
Sie griff zum Hörer und wollte Lieschen Bescheid geben, dass es am Samstag nichts wird. Nach drei gewählten Nummern hielt sie inne und legte auf. "Du bist bescheuert Grete!" Genauso würde das Lieschen reagieren. Volles Verständnis würde sie zeigen, den Ausflug verschieben, aber dennoch sagen: "Total bescheuert!" Und Recht hätte sie damit. Grete wählte erneut. "Hier ist Frau Meier, leider muss ich ihnen sagen, dass ich dieses Jahr keine Reibekuchen zum Herbstfest beisteuern kann. Sie haben nämlich völlig vergessen mich zu fragen. Jetzt bin ich anderweitig verplant. Nächstes Jahr gerne wieder, wenn sie mich früh genug fragen. Dann kann ich es bestimmt einrichten. Die fehlenden Pfannen bringe ich ihnen am Samstag vormittag vorbei, dass schaffe ich noch vor meiner Verabredung. Ihnen noch einen schönen Tag." Bevor man ihr antworten konnte, legte die Grete schnell auf. Angst vor der eigenen Courage hatte sie dann doch ein bisschen.
Den restlichen Tag stolzierte die Grete mit hocherhobenem Kopf und leise vor sich hinsummend durch die Firma. Und hin und wieder klopfte sie sich heimlich auf die Schulter.





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Kommentare:

  1. Hut ab, das war mutig, ich hätte mich nicht getraut abzusagen. Gerade Frauen halten sich immer für unersetztlich und wollen oft gebraucht werden. Mal Nein sagen liegt ihnen nicht. Ich habe es auch lernen müssen und es fällt mir immer noch sehr schwer. Warum eigentlich? Es ist doch in Ordnung nicht immer dabei zu sein und ganz vorne mitzuwerkeln.
    Auf jeden Falle esse ich gern Reibekuchen die bei mir Kartoffelpuffer heißen. Ich reibe sie auch immer selber, ein Geheimrezept meines Vaters. Mir knurrt der Magen... LG Geli

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    1. Ich reich dir Schwarzbrot und Rübenkraut nach. So essen wir sie zuhause.
      Gruß vonner Grete

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  2. Puh, da bin ich aber erleichtert, jetzt, nachdem ich zu Ende gelesen habe.
    Ich dachte anfangs schon: Grete wird doch nicht etwa....
    Wäre ihr ja zuzutrauen gewesen, so gutmütig wie sie immer ist und dann noch das Bild der enttäuschten Kinder....
    Nun bin ich aber zufrieden und ergänze Gretes eigenes Schulklopfen mit Freuden.

    Wunderbar nachvollziehbar, dieser Konflikt, das Suchen nach Ausreden, die alle nicht taugen bis hin zur Entscheidung (da hat wohl der imaginäre Lieschensatz ein wenig geholfen) der klaren Absage.
    Prima gemacht. Wer so blöd und irgendwie ignorant ist, nicht zu fragen, sondern Menschen mit aller Selbstverständlichkeit zu verplanen, der hat es nicht anders verdient.
    Ich denke und hoffe, sie werden daraus lernen im Kindergarten.

    Ich erinnere gerade Lieschens Gedanken über die Fremdbestimmung. Das hier passt hervorragend und Grete hat genau dem etwas entgegengesetzt, das ihr nun ein gutes Gefühl gibt.
    Wir lassen uns doch viel zu oft und leicht in eine Ecke drängen und sagen JA, wenn wir NEIN meinen.
    Man muss sich trauen und es sich vor allem selbst wert sein, dann klappt es auch.
    Und die Kinder werden auch so Spaß haben, sie sind noch nicht so festgefahren in ihren Erwartungen.

    Also Hut ab, liebes Frl. Grete für deine konsequente Entscheidung. Kannste stolz sein.

    Wieder eine Begebenheit, die uns im Leben oft begegnet - auf die eine oder andere Art - ich erkenne mich wieder, aber so was von...
    Danke und Grüße in den Abend
    Enya

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  3. Frl. Grete, das nenn ich Zivilcourage. Es ist schon richtig: Man darf nicht einfach über unseren Kopf hinweg bestimmen! Lieschen hat sich lang und breit über die Fremdbestimmung ausgelassen. Du hast dich aufgelehnt und das ist gut so. Lieschen wird richtig stolz auf die sein.
    Übrigens: Ich esse Reibeplätzchen auch mit Schwarzbrot und Rübenkraut. Obwohl das hier nicht üblich ist. Hier isst man Apfelmus dazu.
    Einen wunderschönen Abend wünscht dir
    Irmi

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  4. Guten Morgen liebe Grete,
    ich war auch erleichtert, als du so couragiert abgesagt hast. Habe mich an deiner Stelle stehen und überlegen sehen: Was machst du jetzt bos??? Ausflüchte liegen mir auch nicht. Aber mir fehlen in solchen Situationen leider oft die richtigen Worte. Dann bin ich so aufgeregt dass in meinem Kopf ein großes Durcheinander herrscht. Auch wenn ich mir vorher zurechtlege, was ich sagen möchte. Ich werde versuchen an dich zu denken, wenn es wieder mal so weit ist. Schade, dass es bei mir keine Lieschen-Freundin gibt……

    Einen schönen Tag für dich und alle die hier reinschauen
    Uschi

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  5. Knifflige Situation - ich wär vielleicht beim Gedanken an die traurigen Kindergesichter weich geworden...
    LG
    Christiane

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  6. Hallo Grete,
    ich hätte mich ähnlich schwer getan abzusagen. Was für Dich Kindergarten und Reibekuchen sind, das ist für uns zum 1. Advent der Weihnachtsmarkt und Plätzchen. Mein Schwager ist geistig behindert und für deren Stand backen wir jedes Jahr jede Menge Plätzchen. Es hat aber Jahre gegeben, da haben wir nichts oder sehr wenig gebacken. Ist Tradition und wir bekommen keinen Anruf (oder etwas schriftliches) dass wir Plätzchen backen sollen. Wenn wir nichts oder sehr wenig gebacken haben, war das auch nicht schlimm.

    Gruß Dieter

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Da freut sich die Grete aber, dass du was zu sagen hast ...