Samstag, 7. Dezember 2013

Morgens um sieben ist Gretes Welt in Ordnung

Morgens um sieben ist Gretes Welt in Ordnung

Früh war sie heute schon auf. Das Fräulein Grete Meier. Durch ihre Küche zog der Duft von Kaffee und Rührei. Draußen dämmerte es bereits, aber noch immer warfen die Straßenlaternen ein besseres Licht ab als der nahende Morgen. Die Grete stand im Morgenmantel  mit einer Tasse Kaffee am offenen Küchenfenster und rauchte. Nach dem Sturm der letzten zwei Tage lag die Straße friedlich vor ihr. An der Bushaltestelle gegenüber trudelten nach und nach einige dick vermummte Gestalten ein. "Ist schon ein Segen", dachte die Grete, "dass ich Samstags nicht arbeiten muss." Sie drückte die Zigarette im Aschenbecher aus, schloss das Fenster und setzte sich an den Tisch. Gestern abend hatte sie mit Lieschen telefoniert, die voll im Umzugsstress steckt. Doch daran wollte sie jetzt nicht denken. Nicht an den Abschied. Der kommt, Grete, der kommt. Aber nicht heute. Nicht jetzt. 
Das Rührei schmeckte gut zu dem selbstgebackenen Brot von der Frau Korters. Die hatte ihr gestern Abend noch einen halben Laib vorbeigebracht. Wie so oft in letzter Zeit. "Ein ganzer ist zu viel für mich, Frau Meier, trocken mag ich es dann auch nicht mehr."
Kurz vor sieben. Grete schaltete das Radio ein. Wie immer WDR2. Somebody that I used to know... Grete mag das Lied. Leise summte sie es mit. 
Du bist einfach nur noch jemand, den ich glaubte zu kennnen. Wie oft mag das wohl passieren, fragte sich die Grete. Dass nicht mehr übrig bleibt als so ein Satz. Wie oft täuscht man sich im Leben in einem Menschen. Glaubt ihn zu kennen und dann passieren Dinge, die alles in Frage stellen. Vor allem das eigene Urteilsvermögen. Kann man wirklich frank und frei behaupten: Ich kenne dich? Ist es nicht vielmehr so, dass man nur meint, den anderen zu kennen? 
Grete goss sich eine zweite Tasse Kaffee ein. Während sie ihn in kleinen Schlucken trank, ließ sie ihren Gedanken freien Lauf. Dabei schmunzelte sie. Langweilig wäre es doch das Leben, wenn man alles und jeden genau kennen würde. Keine Überraschungen gäbe es dann. Gut, auf die negativen könnte man verzichten, aber diese vielen kleinen positiven Dinge, die sich oft auftun, die möchte Grete nicht missen. Die Susi fiel ihr ein. Immer ein bisschen sorglos, fast schon oberflächlich. So sehr auf ihr Äußeres fixiert. Und dann die Wandlung, als sie sich in Simon verliebt hat. Ach was, Wandlung. Das steckte schon vorher in ihr drin, nur keiner hatte es bemerkt. Auch nicht sie. Ja, dachte die Grete, Susi ist so jemand, den man zu kennen glaubt und der dann für Überraschungen sorgt.  Für gute wohlgemerkt. Was die gestern alles über Nelson Mandelea wusste! Grete war noch immer fasziniert von dem gestrigen Gespräch in der Firma. Ach was, Gespräch. Susi hat fast allein geredet. Hat die gesamte Lebensgeschichte erzählt. Wirklich erzählt und nicht nur alles, wie auswendig gelernt, heruntergerasselt. Später hatte die Grete dann mal nachgefragt bei der Susi. Die ist in der Schule auf das Thema Apartheid gebracht worden und das hat sie so beschäftigt, dass sie sich immer über die ganze Thematik auf dem Laufenden gehalten hat. "Und, Frau Meier, ich weiß auch alles über die Rassengeschichte in den USA und über Martin Luther King." Ganz still ist da die Grete geworden. "So sehr kann man sich in jemandem täuschen" - genau das hatte sie danach gedacht. Und der Susi dann auch gesagt. 
Jetzt, so in der Küche, morgens um kurz nach sieben, fielen der Grete noch viel mehr solcher Momente ein, in denen sie sich in anderen Menschen getäuscht hatte. Komischerweise nur positive Momente dieser Art. Grete gönnte sich einen dritten Kaffee und öffnete das Küchenfenster ganz weit. Tief sog sie die klare Morgenluft ein. Die Bushaltestelle war inzwischen leer, der Himmel hellgrau. Grete lehnte sich aus dem Fenster und schaute die Straße hinab. In vielen Fenstern blinkten weihnachtliche Dekorationen. Hier bin ich zuhause, dachte sie zufrieden. Hier in dieser Stadt. Hier in dieser Straße. Bei Menschen, die ich mag und die ich glaube zu kennen. "I´m dreaming for a white christmas..."



Kommentare:

  1. da hatte die Grete aber einen sehr schönen nachdenklichen Morgen, "gefällt mir" würde es nun bei facebook getacktet heissen, wer es denn dort zu lesen bekäme...so entstehen selbige einige Gedanken über ein Thema das eben neu aufgeworfen ist...Nelson Mandelas Abschied ist in aller Munde und Gedanken und man merkt im Gespräch wer sich (überhaupt ein wenig ) mit der Apartheit auseinandergesetzt und dafür interessiert hat ( so vor Jahren)....wer sich interessiert für andere Kulturen und Menschen und merkt viele sinds ( leider ) nicht, - ich lese gerne im Blog von Lieschen und der Grete denn dort wird gedacht und ausgesprochen was vielebeschäftigt und wenige Zeit haben näher durchzudenken weil die Oberflächlichkeit der Zeit wieder greift....
    war das jetzt wieder zuuu kompliziert gedacht?.,grübel...

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    1. Kompliziert? Nein keineswegs. Ich freue mich immer, wenn sich jemand mit Gretes Themen auseinandersetzt. Dafür blogge ich. Genau dafür.
      Gruß ins Wochenende vonner Grete

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  2. Liebe Grete,
    ich muss leider heute arbeiten und träume mich gerade an deinen Frühstückstisch. :D

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    1. Liebe EmKa, dann wünsche ich dir einen schönen Arbeitstag. Ohne Stress.
      Gruß vonner Grete

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  3. sich in Menschen täuschen - wenn es denn positiv ist, dann ist es herrlich. Ich mag den heutigen Beitrag sehr gern lesen, er ist sehr harmonisch und ausgeruht, tut gut.

    Ich wünsche dir von Herzen weiße Weihnacht - Geli

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    1. Tja, liebe Geli ...vielleicht sollte man öfter mal am WE so früh aufstehen und Radio hören... Manche Texte haben es in sich ... Gedanken, Erinnerungen und sonst auch so einiges.
      Danke dir.
      Gruß vonner Grete

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  4. Da hört Grete so eine Lied und aus einer Zeile wird ein Gedankenspiel.
    Ich empfinde sie oft als wunderbar, diese Mußestunden am frühen Morgen.

    Kann man einen Menschen wirklich kennen? Ich denke, das geht nur, wenn man über eine sehr lange Zeit vieles teilt, nicht nur das Leben, sondern auch die Gedanken und die Gefühle, wenn man ehrlich ist.

    Menschen, die uns begegnen, können uns vertraut werden, dennoch ist meist tief einiges verborgen, das man nicht ahnt.
    Ich war jetzt auch sehr überrascht, was Susi angeht. Die meisten tragen doch nur einen Teil von sich nach außen. So können immer neue kleine Puzzleteile hinzukommen.
    Das finde ich - wie Grete - auch sehr spannend.
    Schön, dass ihr an diesem Morgen nur die positiven Überraschungen eingefallen sind.
    Das Negative gibt es ja, aber daran sollten wir uns nicht klammern.

    Der Schluss von Gretes Gedanken, die letzten Sätze berühren mich sehr. Das ist doch ein wunderbares Gefühl.

    Ich wünsche ein schönes, ruhiges 2. Adventwochenende
    Liebe Grüße
    Enya

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    1. Das Leben ist spannend. Die Natur, die Menschen, einfach alles... Man muss sich nur die Zeit nehmen ab und an mal genauer hinzuschauen. Vielen Dank Enya, für deinen schönen Kommentar.
      Gruß vonner Grete

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  5. Grete, heute hätte ich mit dir am Tisch sitzen können. Ich habe mir auch sehr früh bei einer Tasse Kaffee Gedanken gemacht, wie man selbst gesehen wird. Du hast ja so recht: Wie oft täusht man sich in einem Menschen - aber nicht nur positiv auch negativ. Und gerade die negativen Erfahrungen hinterlassen Narben, je älter man wird. Susi ist ein großartiges Beispiel für die positive Erfahrung. Ehrlich gesagt, das hätte ich ihr auch nicht zugetraut. Aber gerade die Rassenfrage ist so enorm spannend - und Mandela war ein großer Held, wie auch Martin Luther King.
    Ich habe im Laufe meines Lebens gelernt, niemals zu gutgläubig zu sein. Und doch falle ich immer wieder rein. Man kann einen Menschen niemals ganz kennen. Es sei denn, man geht den Lebensweg seit mehr als 60 Jahren gemeinsam - wenn auch kleine Pausen eingebaut waren. Ich kenne meine Freundin schon aus dem Sandkasten und wir haben uns auch heute noch viel zu sagen und zu erzählen. Auch wenn unser Leben ganz entge- gengesetzt verlaufen ist. Das macht aber nichts.
    Ich dachte, ich sei gegen Schein gefeit. Aber manchmal ist man geblendet. Gottseidank erkennt man es früh genug und kann sich dezent zurückziehen. Das sind dann die negativen Erfahrungen.
    Grete, schön, dass du deinen Gedanken hier freien Lauf lässt. Ich lese immer wieder sehr gern hier.
    Einen schönen 2. Adventabend wünscht dir
    Irmi

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    1. Liebe Irmi, ich dene, je älter man wird, desto weniger lassen wir uns blenden. Lebenserfahrung - und die macht bekanntlich klug.
      Gruß vonner Grete

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  6. Grete denkt nach, das bei Kaffee und Radiomusik. Die frische Luft durch das geöffnete Fenster macht den Kopf klar von berührenden Geschehnissen.
    Ich glaubte auch schon jemanden zu kennen, aber wußte am Ende doch nicht viel, so täuscht man sich.Am Ende ist es ja positiv, man lernt nie aus.
    Grete weiß trotz allem zu schätzen, wie gut es ihr geht und vergißt nicht das Leben anzunehmen so wie es ist.
    Nelson Mandelas Erbe wird bleiben und unvergessen, wie das von Martin Luther King.
    Die Spuren sind riesengroß und es wird hoffentlich Menschen geben die weiterkämpfen wie diese großartigen Männer, damit die Apartheit ein Ende hat, überall in der Welt.
    L.G. Klärchen

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  7. Hallo Grete,
    ich betreibe wahrscheinlich zu wenig Psychologie, um in andere Menschen hinein zu schauen. Geht mir übrigens ähnlich wie Dir, dass Kaffee meine Lebensgeister weckt. Beim Kaffee entstehen ähnliche Gedankenketten, die Du schön in diesem Text festgehalten hast. Bei mir verfliegen sie allzu oft, ohne dass ich etwas damit gemacht hätte.

    Gruß Dieter

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    1. Ohne Kaffee geht morgens nix. Und gegen das verlieren von Gedanken hilft ein Notizblock ungemein..
      Gruß vonner Grete

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    2. Ja, habe ich mir inzwischen angewöhnt mit dem Notizblock. Daraus entsteht dann auch ein gewisser Ideen-Pool für meine Posts. Ist halt nur morgens mit meiner Familie so, dass ich nicht unbedingt auf meinem Notizblock herumschreiben will, wenn ich mit meinen Lieben frühstücke ...

      Gruß Dieter

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Da freut sich die Grete aber, dass du was zu sagen hast ...