Sonntag, 2. Februar 2014

Das Fräulein Grete Meier mistet aus

Das Fräulein Grete Meier mistet aus

 

Rumms! Mit einem lauten Knall, begleitet von Gepolter und Getöse, war es zusammengebrochen. Das Bücherregal. Mitten in der Nacht. Genauer gesagt um kurz nach dreiundzwanzig Uhr. Gerade als das Fräulein Grete Meier sich den Schlafanzug im Badezimmer anzog. Für ein paar Sekunden blieb die Grete stocksteif stehen, die Schlafanzughose auf halb acht. Sie horchte. Totenstille.

"Ja und dann, Herr Heinevetter, haben sie ja auch schon geklingelt. Man war ich froh. Ich habe wirklich gedacht, dass da irgendwo eine vergessene Bombe hochgegangen ist. Liest man ja immer wieder." Die Grete goss Kaffee in die Tassen. "Stellense sich mal vor, nur zehn Minuten früher, und das Ding hätte mich unter sich begraben. Ich bin immer noch geschockt. Hatte mir doch noch kurz vorher einen Rilkeband aus dem Regal gezogen. Ich les doch so gerne Gedichte vor dem Einschlafen!"
Herr Heinevetter schüttelte sich. Allein die Vorstellung, die Grete begraben und verletzt oder sogar noch schlimmer, unter hunderten von Büchern vorzufinden, bereitete ihm nachträglich Magenschmerzen. "Nicht auszudenken, Frau Meier, nicht auszudenken!"
"Das war ein Wink mit dem Zaunpfahl. Immerhin, das Regal ist ja schon mehr als zwanzig Jahre alt. Und mit den Jahren haben sich ja auch viele Bücher angesammelt. Das platzte ja nun wirklich bereits aus allen Nähten. Aber jetzt ist Schluss, jetzt wird ausgemistet. Ich war heute schon ganz früh im Baumarkt und habe mir Kartons geholt. Ich sach ihnen, lieber Herr Heinevetter, da war schon richtig was los. Und Sperrmüll habe ich auch schon angemeldet. Online. Das war ganz einfach. Find ich echt toll, dass sie mir helfen wollen."
Na, ob die Idee wirklich so toll ist, darüber war sich der Herr Heinevetter plötzlich gar nicht mehr so sicher. Er kennt die Grete eben. Und da kam es auch schon. "Und wenn ich schon mal dabei bin, dann miste ich auch alle Schränke aus. Wissense, nicht nur das Regal ist nämlich zwanzig Jahre alt, auch die anderen Möbel. Und überhaupt, neue Tapeten müssten auch mal her. Im Baumarkt habe ich schon so richtig schöne gesehen. Zartgelb. Das wär doch was. Nächsten Samstag fahr ich mal zu Ikea. Die haben doch immer so tolle Regale. Und bestimmt auch passende Schränke dazu. Und eine schicke Couchgarnitur mit Lesesessel."
Herr Heinevetter zuckte zusammen. Er ahnte bereits. "Und sie begleiten mich. So als männlicher Fachberater." Sie hatte ihn tatsächlich ausgesprochen. Diesen Satz. IKEA. Der Alptraum aller Männer schlechthin. Nicht, dass Herr Heinevetter nicht gerne schrauben würde. Nein, darum geht es nicht. Die Anleitungen zum Zusammenbau sind es, die ihm jetzt schon Kopfschmerzen bereiten. Und die  Dekoabteilung. Gruselig. Kerzen hier und Nippes da.  Vielleicht könnte er ... "Ach Gottchen, Frau Meier, ich hab doch zwei linke Hände. Und mein Rücken, sie wissen schon. Aber der Stefan, mein Neffe, der hilft ihnen bestimmt. Der hat Talent dafür, glaubense  mir. Und tapezieren kann der auch."
Das leuchtete der Grete ein. "Sie haben aber auch immer eine gute Idee parat. Aber nu kommense mal, packen wir es an. Die Kisten sind extra für Bücher. Handlich klein. Das mach ich. Und sie kümmern sich um die Überreste des Regals. Die kommen bis zum Spermülltermin in den Keller."

Vier Stunden und zwei Zigarettenpausen später war alles erledigt. Klare Sache, die Grete wäre schneller fertig geworden, wenn es ihr nicht so schwer gefallen wäre zu entscheiden, welche Bücher sie behalten würde und welche weg können. Dreimal hatte sie die Kisten neu sortiert. Mindestens hundertmal geseufzt. So schwer hatte sie sich das nicht vorgestellt. Zweiunddreißig Kisten standen nun vor der Grete. Tränen blitzten in ihren Augen. "Nu nu, Frau Meier, sind doch nur Bücher", versuchte Herr Heinevetter sie zu trösten. "Sie müssen das so sehen. Sie hatten ihre Freude daran und nun machen sie damit anderen eine Freude. Geht doch nix auf den Müll. Die Leiterin vom Seniorenheim hat sich doch richtig gefreut, als sie heute morgen angerufen haben."
Wo er recht hat, hat er recht, dachte die Grete. Viel Zeit zum Trauern blieb ihr auch nicht, denn keine fünf Minuten später stand auch schon Herr Heinevetters Neffe vor der Tür. Nach drei Touren mit seinem PKW war alles erledigt. Lediglich vierzehn Kisten blieben zurück, die fein säuberlich gestapelt an der leeren Wand standen. 
Als Grete sich im Wohnzimmer umsah, empfand sie plötzlich eine ungeheure Freude. Ja, es überfiel sie sogar so etwas wie Abenteuerlust. Sie setzte sich an ihren Computer und wies Mr. Google an, sie auf die Webseite von IKEA zu führen. Und da war er dann endlich auf dem Bildschirm. Der IKEA-Homeplaner. Hach, wie aufregend.









Kommentare:

  1. Sorry...noch einmal:

    Ausmisten, Entrümpeln...das macht irgendwie nicht nur in den Räumen Platz, sondern auch im Kopf. Gut, dass Grete darauf gestoßen wurde durch den Crash. Und gut, dass ihr nichts passiert ist, hätte ja wirklich bös ausgehen können.
    Wie es Gretes Art ist, hat sie dann aber die Ärmel hochgekrempelt und gehandelt.
    Bei den Büchern hätte ich mich auch schwer entscheiden können.
    Aber die Lösung mit dem Seniorenheim ist doch super. Muss ich mir mal merken.

    Die Gefühle und Gedanken von Herrn Heinevetter kann ich mir lebhaft vorstellen.
    Aber wer kann sich Grete schon entziehen?
    Und Gretes Freude erst...

    Ich finde, wenn man erst einmal den Abnfang gemacht hat, ist das Ausmisten eine feine Sache. Bin gespannt, was IKEA da alles für Grete zu bieten hat...

    Ein wieder toll beschriebenes Erlebnis aus Gretes so gar nicht alltäglichem Alltag!

    Lieben Gruß zum Sonntag
    Enya

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    1. Hallo Enya, so manches Seniorenheim ist dankbar. Auch Krankenhäuser haben meist eine kleine Bibliothek und nehmen gerne Bücher an. Einfach nachfragen. Und Ikea... da macht die Grete bestimmt noch ihre ureigenen Erfahrungen mit.
      Danke dir.
      Gruß vonner Grete

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  2. Liebe Grete,
    manchmal bedarf es eben eines Anstsoßes - in diesem Fall der Zusammenbruch des Regals - bis man an die Aufräumarbeiten geht. Von Büchern habe ich mich bislang noch nicht trennen können - aber es muss sein. Ich werde auch eine caritative Einrichtung fragen, ob sie einige Bücher haben möchte. Ich muss auch an meine Schränke gehen. Sie bersten - und doch habe ich nichts anzuziehen. Es gibt Dinge, die hebt man auf, weil man an ihnen hängt - und anziehen tut man sie doch nicht mehr. Also weg damit - zum Roten Kreuz. Mir fehlt ein Herr Heinevetter. Wenn man immer alles allein bewerkstelligen muss, ist das schon nicht ganz so einfach. Aber ich mache immer weiter - Tag für Tag ein kleines bisschen. So kommt man auch zum Ziel.
    Ich kann mir Herrn Heinevetter gut vorstellen, wie er bei dem Gedanken an das Ikea-Mobiliar gezittert hat. Aber der Neffe ist doch die Lösung schlechthin. Grete, du schaffst das und bald erscheint bei dir alles in neuem Glanz.
    Eine schönen Sonntag wünscht Dir
    Irmi

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    1. Auf den neuen Glanz freut sich die Grete auch schon tierisch, liebe Irmi. Und Herr Heinevetter .. na, der wird es sicherlich überleben. Darf ja beim Zusammenbau danebenstehen. Kommentare sind da ganz gewiss..
      Gruß vonner Grete

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  3. ich habe gegrinst. ob allerdings dieregale von ikea die vielen bücher aushalten, weiß ich auch nicht.
    nu ja, ich habe auch die malm kommode, die man fast in jedem blog sieht. so werden die
    wohnungen immer ähnlicher, fast so wie die einkaufsstraßen in den städten, weil immer dieselben geschäfteketten sich wiederfinden. schade eigentlich, es gibt doch auch andere möbelhäuser, als ikea.
    nix für ungut gruß vonner eva

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    1. Hallo Eva, du hast sicherlich recht.. es gibt noch andere Möbelhäuser. Malm wird auch bei mir Einzug halten. Ist eben geräumig und praktisch.
      Gruß vonner Grete

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  4. Mann oh Mann, 32 Kisten !!! Ich besitze wohl in Summe keine 32 Kisten Bücher, doch da hätte ich mich extrem schwer getan. Zum ich für meine Posts immer wieder in meinen Büchern herum stöbere.

    Gruß Dieter

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    1. Hallo Dieter, hätte ich alles Bücher behalten, die ich je mein eigen nennen durfte, dann würde ich wohl in der Besenkammer hausen müssen. Platzmangel.
      Dank an dich
      Gruß vonner Grete

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  5. ich lach misch mal wieder echt schlapp über die Grete, zuuu köstlich dieser Bericht...der sooo photografisch ist...
    ich sehe förmlich wie die Bücher und Lesezeichen aus den Schränken quellen, s e u f z, wer kennt das nicht ( wer ne Leseratte ist und zudem sich etwas schwertut" im wegschmeissen, !ich glaube da können sich so einige Blogleser hier an die eigene Nase fassen wenn ich es mir recht überlege und nachlese über all diese Freuden!...:)).
    aber der IKEABESUCH auf den bin ich echt gespannt, mit oder ohne Herrn heinevetter bin ich mir sicher, die Grete wird was finden was zu Wohnung und Stil hargenau bei der Grete reinpasst, - freu...

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Da freut sich die Grete aber, dass du was zu sagen hast ...