Dienstag, 1. April 2014

Das Fräulein Grete Meier wird im Stich gelassen

Das Fräulein Grete Meier wird im Stich gelassen

"So peinlich war das, Herr Heinevetter, sowas von peinlich. Und das mir!" Noch immer konnte das Fräulein Grete Meier nicht fassen, dass ausgerechnet ihr das passiert war. Sie zog heftig an ihrer Zigarette. "Ich hätte es doch schon am Sonntagmorgen merken müssen. Niemals wache ich erst um neun Uhr auf. Ehrlich, ich habe mich zwar darüber gewundert, aber keinen weiteren Gedanken daran verschwendet." 
Herr Heinevetter lächelte milde. "Kann doch jedem passieren, Frau Meier. Mit zunehmendem Alter wird man eben vergesslich. Das ist der Lauf der Dinge. Kein Grund sich zu ärgern. Hamse eigentlich schon gehört ...?" Weiter kam Herr Heinevetter nicht. War sicherlich auch besser so, denn Gretes Stimmung kippte nach seinen Worten wie eine schiefstehende Leiter in sekundenschnelle  ganz nach unten. "Alter? Nu hörense aber mal genau zu. Ich mag zwar schon ein wenig die Fünfzig überschritten haben, aber deswegen bin ich noch lange nicht verdötscht. Und ihr blödes "Hamseschongehört" könnense sich sonst wo hinschieben." Damit drehte sich die Grete auf dem Absatz um, stürmte in ihre Wohnung und ließ einen völlig verdutzten Herr Heinevetter auf dem Nachbarbalkon zurück. 
Erst in ihrer Küche kam die Grete etwas zur Ruhe. Automatisch kochte sie sich einen Lieschenberuhigungstee. Dabei stellte sie fest, dass ihre Vorräte fast aufgebraucht waren. Sie nahm sich vor, Lieschen beim nächsten Telefonat um Nachschub zu bitten. "Heut aber nicht, du dummes Ding. sonst heulste Lieschen nur was vor." Bei dem Gedanken daran, wie Lieschen ganz sicherlich die Augen verdrehen würde, musste die Grete beinahe lachen. "Gib zu Grete, das hätteste verdient!" Fast schon mit sich und der Welt wieder versöhnt, lehnte sich die Grete auf ihrem Küchenstuhl zurück. Sie trank einige Schlucke von dem Tee und schloss die Augen. Wohlige Wärme stieg in ihr auf und ihre wutblaue Welt wurde langsam wieder bunt. "Gleich nachher, entschuldige ich mich bei Herrn Heinevetter." Als sie nach ein par Minuten die Augen öffnete fiel ihr Blick auf die Küchenuhr, die immer noch die falsche Uhrzeit zeigte. "Nee, Grete nicht schon wieder", murmelte sie vor sich hin. Sie sprang auf, schnappte sich die Uhr und stellte sie um. Auf die Sommerzeit. Ebenso verfuhr sie mit der Uhr im Wohnzimmer. Danach nahm sie sich den unsäglichen Wecker vor. Den, der sie morgens so schmählich im Stich gelassen hatte. Im Grunde war sie alles selber schuld, das wusste die Grete sehr wohl. Wie immer hatte sie Sonntags den Wecker nicht gestellt. War einfach so wach geworden und gut gelaunt, weil ausgeschlafen, aufgestanden. Bei einem kurzen Blick auf ihr Handy, hatte sie sich zwar gewundert, dass es schon kurz nach neun war, aber eben nicht weiter darüber nachgedacht. Hätte sie mal machen sollen, dann wäre ihr nämlich aufgefallen, dass die weiteren Uhren in ihrer Wohnung die Zeit völlig anders sahen. Da Grete sich den ganzen Sonntag hingebungsvoll der äußerlichen Verschönerung einer kleinen Kommode widmete, blieben Computer und Fernseher aus. Lediglich ihr Leiblingssender war eingeschaltete. Aber im Renovierungseifer bekam sie da halt so einiges nicht mit. So kam es, wie es kommen musste, Grete erschien am Montagmorgen eine volle Stunde zu spät im Büro. Obwohl Grete ja immer viel früher als die anderen mit ihrer Arbeit begann, war es doch nicht unbemerkt geblieben. Zumal Grete erst nicht glauben wollte, dass sie wirklich die Zeitumstellung verpasst hatte.  Den ganzen Tag musste sie die Feixereien der Kollegen über sich ergehen lassen. "Frau Meier, könnense mir mal sagen wie spät es ist", tönte wohl an die hundertmal durch das Vorzimmer. Selbst der Chef beteiligte sich an der Fopperei. 
Tja, dachte Grete, während sie den Wecker wieder auf ihrem Nachttisch platzierte, wer den Schaden hat ... 
Spontan griff sie nach Jacke und Handtasche, die neben dem Bett auf einem Stuhl lagen. Bevor sie die Wohnung verließ gönnte sie dem Wecker noch einen letzten Blick. "Auch wenn de keine Schuld hast. Jetzt wirste ausgetauscht. Gegen so ein modernes Weckding, mit Radio und Funk. Die stellen sich nämlich von alleine um!"





Kommentare:

  1. Ja, wer den Schaden hat, der braucht usw usw.... Es wird vielen so gehen, obwohl es inzwischen Funkwecker gibt. Ich habe eine innere Uhr und die Zeitumstellung kapiert sie recht schnell. Ich hoffe, Herr Heinevetter war nicht böse über diese Abfuhr. LG Geli

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  3. ich muß gestehen, ich bin um 6.30 am sonntag aufgestanden, weil ich laufen wollte.
    aber da war nun mal dann 7.30 uhr. aber ich bin trotzdem laufen gegangen. der tag war aber auch recht schnell rum.
    ich gehöre wohl zu den wenigen, die die sommerzeit gut finden. irgendwo habe ich gelesen, man soll dann früher aufstehen. ich finde es toll, dass es abends so lang hell ist, da kann ich aufstehen, wann ich will, um 22.00 uhr ist es oft noch so toll hell.

    lg eva

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  4. ich bin eigentlich auch ein großer fan der sommerzeit...abends länger hell und alles. nur dieses ganze hin und her zwischen sommer und winter nervt. von mir aus, könnten wir immer "sommerzeit" haben.
    übrigens wird das leben auch mit funkuhr und smartphone nicht besser: ich wusste samstag nacht (war feiern) iwie nie, wie spät es wirklich ist, weil ich nicht sicher war, ob meine uhr sich jetzt schon umgestellt hat, oder ob sie dafür erst mal das internet anmachen muss^^

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  5. Ich glaube meine innere Uhr hatte sich schon drei Wochen vorher eingestellt. Ich bin immer schon zur richtigen Stunde von alleine aufgewacht. meine Uhren haben gefunkt und meine hunde noch geschlafen. bei denen hat die innere Uhr nicht funktioniert. ich hoffe die Arbeitskollegen haben sich beruhigt und der Spott hat ein Ende.
    Grüssle von der morgenmunteren Marie-Claire

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  6. Ja,die Sommerzeit.Eigentlich mag ich sie nicht obwohl es schön ist wenn es Abends länger hell.Dieses Jahr hatte nur am Montag meine Probleme.Ich finde es auch blöd,das Morgens noch dunkel ist,da ich immer sehr zeitig aufstehen muß.Der Post hat mir gut gefallen,ich habe herzhaft gelacht.Ein toller Schreibstil.Habe dich gerade erst entdeckt und mich sofort als Follower angemeldet.
    Liebe Grüße aus Kassel Pippi

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  7. Ich brauche die Sommerzeit nicht, weil es dann abends länger hell ist. Bei uns gibt es schon Strom. Und ich wache sowieso immer um die gleiche Zeit auf. Da ist völlig egal, was der Wecker gerade anzeigt (oder anzeigen soll). Aber der Herr Heinevetter war eben einfach nur zur falschen Zeit am verkehrten Ort, der Ärmste, hihi.

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  8. Grete, und was sagt uns das: Die Sommerzeit bzw.die Uhrumstellerei ist so überflüssig
    wie ein Kropf.
    Liebe Grüße
    Irmi

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Da freut sich die Grete aber, dass du was zu sagen hast ...