Donnerstag, 19. Juni 2014

Das Fräulein Grete Meier spielt nicht mit Yogi

Das Fräulein Grete Meier spielt nicht mit Yogi

Während die Stimmung in Gretes Wohnzimmer sich mehr und mehr hochschaukelte, also von Tor zu Tor immer lauter und ausgelassener wurde, wurde die Grete immer stiller. Sonst vorne immer mit dabei, wenn Yogis Jungs zu Höchstformen auflaufen, saß sie diesmal in ihrem Sessel wie ein Schluck Wasser in der Kurve und starrte mehr in die Luft als auf den Fernseher. Selbst Herr Heinevetters "Abseits" Schreie, die wie immer völlig ohne Sinn und Verstand durch den Raum tönten, tangierten sie nicht im Geringsten. Weder die Hebers, noch Herr Heinevetter bemerkten in ihrem Torrausch etwas von Gretes Desinteresse. Nur Marie, die eigentlich für Fußball nichts übrig hat, wohl aber für Klaus Wenig, der sich direkt neben ihr platziert hatte, warf der Grete ab und an einen fragenden Blick zu. 
Nach dem Abpfiff der ersten Halbzeit wurde Gretes Badezimmer gestürmt, eine Amtshandlung, der mehr als 80% aller Fußballfans fröhnen. Was einen sofortigen, sintflutartigen Anstieg desWasserverbrauches zur Folge hat. Grete indes verzog sich in die Küche, um die Schnittchenplatten wieder aufzufüllen. Marie folgte ihr auf dem Fuße. "Ma Grete, was iis los mit diisch?" Grete zuckte nur mit den Schultern. "Nix Marie, alles in Butter! Bin nur ein wenig müde." Wie zur Bekräftigung drückte sie Marie ganz fest. 
Was hätte sie auch sagen sollen, wusste sie doch selber nicht so recht, warum sie heute so gar nicht fußballmäßig bei der Sache war. Zum einen hing sie mit ihren Gedanken noch in Burano bei Lieschen, zum anderen verdarben ihr die Schreckensberichte über die Ausschreitungen in Brasilien die Lust auf die WM. Was schwerer wog, mochte und konnte sie nicht beurteilen. Zeit, in sich zu gehen, hatte sie eh nicht, denn Herr Heinevetter zog sie auf den Balkon, sobald sie die gefüllten Schnittchenteller auf dem Wohnzimmertisch abgestellt hatte. "Schnell noch eine rauchen, Frau Meier, bevor es weiter geht." 
Weiter ging es dann auch, mit Yogis Jungs, den Toren, dem Jubel und, dann doch nicht so ganz unbemerkt von der Grete, mit Marie und Klaus Wenig, die immer näher aneinander rückten. Grete schmunzelte, als sie sah, dass die Hand von Marie auf Herrn Wenigs Oberschenkel ruhte. "Na sieh mal an, Yogi", dachte sie. "Wozu deine Jungs alles gut sind. Nicht nur zum Toreschießen!" Die Ablenkung war aber nur von kurzer Dauer. Immer wieder glitten Gretes Gedanken zurück nach Burano. Zurück zu Lieschen. Was für wundervolle Tage das gewesen sind. Jede einzelne Minute mit Lieschen hatte die Grete genossen. Selbst die ständige Anwesenheit von Hermann hatte ihre Stimmung nicht trüben können. Zumal sie Hermann endlich mal besser kennenlernen konnte. Vielleicht war es genau das gewesen, dachte die Grete. Dieses "Besserkennenlernen". Denn in Deutschland war Grete mit Hermann nie so richtig warm geworden. Jetzt, so im Nachhinein betrachtet, musste sich die Grete eingestehen, dass sie auch nicht unbedingt versucht hatte, mehr von Hermann zu erfahren. Gut, Lieschen hat auch nie viel erzählt. Aber sie hätte ja fragen können. Grete schüttelte den Kopf.  Wie dumm ich mich verhalten habe. Wie ein Teenager, der seine liebste und beste Freundin plötzlich teilen muss. Dabei passte Hermann zu Lieschen wie das Deckelchen zum Topf. Die zwei ergänzen sich so wunderbar, das hat die Grete in den drei Wochen, die sie mit ihnen verbracht hatte, dann doch erkannt. Und, endlich verstanden, warum Lieschen ihrem Hermann, ohne wenn und aber, in die Ferne gefolgt ist. Nur gesagt hatte sie das alles Lieschen nicht. Und genau das war es, was Grete nun so beschäftigte. "Ich hätte es Lieschen sagen müssen! Das alles und vor allem, dass ich mich so dumm verhalten habe." Die Grete weiß genau, dass Lieschen im Grunde wusste, und trotz allem, nie etwas gesagt hatte, wenn die Grete bei der Nennung von Hermanns Namen oftmals das Gesicht verzogen hatte. "Nee, Grete, was hast du für eine tolle Freundin, das musste dir täglich hinter die Ohren schreiben."
Kurz vor Spielende hielt es die Grete nicht mehr in ihrem Sessel. Sie stand auf, schnappte sich Telefon und eine Zigarette, verzog sich damit auf ihren Balkon und wählte Lieschens Nummer.

Die hatte natürlich gewusst, hörte geduldig wie immer der Grete zu und unterbrach Gretes Redeschwall erst, als diese zum wiederholten Male sagte, wie leid ihr das alles tun würde. "Grete, dat is alles menschlich und glaub mir mal, auch der Hermann weiß das. Nu komma wieder runter. Es ist alles in bester Ordnung. Bei mir, und bei Hermann sowieso. Sach mal, guckste keinen Fußball?" Grete grinste von einem Ohr zum anderen. Typisch Lieschen. Immer wenn es bei der Grete so richtig emotional wurde, mal eben schnell das Thema wechseln. Aber, und das gestand sich die Grete ein, das war genau das Richtige um Grete wieder auf den weniger gefühlsüberladenen Boden zurückzuholen. Erst als Grete sichtlich erleichtert den Hörer aufgelegt hatte, fiel ihr ein, dass Lieschen und ihr Hermann ja auch immer Fußball schauen. "Und ich Dusseltier hab sie gestört. Dafür lieber Hermann, schreib ich dich ab jetzt ohne das doppelte R. Und nu guck ich mal was Yogis Jungs so machen."
Allerdings war es mit Fußball dann natürlich nix. Alles schon vorbei. Zumindest das Spiel. Bei Marie und Herrn Wenig fing es wohl gerade erst an. Das Spiel. Und da wollte die Grete von Abseits und einem Abpfiff mal so rein gar nichts wissen. Nee, lieber darauf warten, das Tore fallen.


Die Geschichten von Grete und Lieschen könnt ihr hier nachlesen.
Natürlich kostenlos.



Viel Vergnügen


Kommentare:

  1. Ach Frau Meier, freuen Sie sich doch das sie auch eine "Beste" haben, die spürt wie Sie denken.
    ALLE sollten so eine haben :-)

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  2. Grete, wenn diese Sorgen um Hermann und Lieschen von dir abgefallen sind,
    kannst du dich ja wieder dem Torrausch hingeben. Dann bist du sicher auch wieder
    für unsere Jungs.
    Es ist doch toll, was sich so alles entwickelt. Du wirst das sicher im Auge behalten
    und uns weiter berichten.
    Liebe Grüße schickt dir
    Irmi

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  3. Hallo Grete,
    schön rund um den Fußball erzählt. Ich glaube, bei meinen Geschichten ist mir dies nicht ganz gelungen, die eigentliche Geschichte in solch einen Rahmen hinein zu packen.

    Gruß Dieter

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Da freut sich die Grete aber, dass du was zu sagen hast ...