Dienstag, 18. November 2014

Das Fräulein Grete Meier ist ratlos

Das Fräulein Grete Meier ist ratlos 

Geahnt hatte es das Fräulein Grete Meier ja schon etwas länger. Aber nun, da das Offensichtliche, klar und wahrlich offensichtlich, vor ihr lag, wusste sie nicht mehr weiter. Unruhig lief die Grete in ihrer Küche auf und ab, fasste hier mal etwas an, da mal etwas, öffnete die Kühlschranktür, schloss sie wieder, klappte den Hängeschrank auf und holte sich eine Tasse  heraus. "Da kannste nich einfach zugucken, Grete", murmelte sie vor sich hin. "Nene, nee, da kannste nich die Augen zumachen. Da musste was unternehmen. Und das schnell. Nur was?" Völlig konfus öffnete die Grete ihre Kaffeedose, nahm sich einen Löffel, tauchte ihn in das Pulver und ... "Igitt, Bääh, was zum Teufel" ... dabei spuckte sie das Pulver quer durch die Küche. Auch das noch! 
Die Grete schnappte sich einen Putzlappen und befreite die Küche von den Kaffeepulverresten. Danach ließ sie sich schweratmend auf einen Stuhl sinken. "Nie ist er da, wenn man ihn braucht, der Herr Heinevetter!", grollte sie. Vielleicht könnten die Hebers ... ? Ja, das ist noch eine Möglichkeit.

Fünf Minuten später saß die Grete bei Hebers im Esszimmer. Vor lauter Aufregung verhaspelte sie sich ständig, als sie den Hebers von dem Problem berichtete. "Nu sagense schon, Herr Heber, was soll ich machen?" 
Herr Heber sah zu seiner Frau hinüber. "Also, wenn ich das jetzt richtig verstanden habe, geht es um unsere Frau Korters und darum, dass sie wegen ihren Rückenschmerzen momentan keine Zeitungen mehr austragen kann?" 
"Sag ich doch die ganze Zeit!" Grete fuchtelte mit ihren Händen in der Luft herum.
Jetzt schaltete sich auch Frau Heber ein. "Und wieso müssen Sie da unbedingt etwas unternehmen? Für Frau Korters ist es auf jeden Fall besser, wenn sie in ihrem Alter nicht mehr die schweren Zeitungspakete tragen muss."
"Aber das ist es doch Frau Heber. Die Rente reicht bei ihr doch vorn und hinten nicht. Sie war doch immer zuhause und hat sich um die Kinder gekümmert. Und weil ihr Mann so früh verstorben ist, ist ihre Rente sehr gering. Das Geld vom Zeitungsaustragen braucht sie doch. Und nu habense ihr gekündigt. Und nur, weil sie mal für 4 Wochen nicht zur Arbeit gehen konnte. Nie hat sie in den letzten 5 Jahren gefehlt. Sauerei sowas. Da muss man doch was tun."
Nun, etwas ruhiger, erzählte die Grete den Hebers, dass sie schon länger den Verdacht  hatte, dass mit Frau Korters etwas nicht stimmt. "Irgendwie ist sie immer schmaler geworden. Und heute nachmittag habe ich gesehen, dass sie in der Stadt Pfandflaschen aus den Mülleimern gefischt hat. Ich hab mich nicht getraut sie anzusprechen, bin aber eben bei ihr gewesen. Und da hat sie mir das mit der Kündigung erzählt. Flaschen sammeln! Unsere Frau Korters! Das geht doch nicht!" Grete war immer noch empört. 
"Seit wann ist sie denn gekündigt?" Jetzt war auch Frau Heber besorgt. "Nu", sagte die Grete, "wie sie mir erzählt hat, geht sie schon seit drei Monaten nicht mehr Zeitung austragen. Ich hatte sie ja mal gefragt, aber da hat sie mir gesagt, dass sie immer noch krankgeschrieben ist. Und ich dusselige Kuh habe ihr das geglaubt!"
"Was ist denn mit ihrer Familie? Der Sohn wohnt doch hier in der Nähe", wollte Herr Heber nun wissen. 
Grete stand kurz vor dem Platzen. "Ach der", wetterte sie. "Der macht sich doch keine Gedanken um seine Mutter. Zeitungen hat sie doch nur ausgetragen, um den Enkelkindern ab und an was Gutes zu tun. Von wegen, weil die andere Oma, doch soviel Geld hat. Da wollte sie nicht nachstehen. Im Grunde käme sie mit ihrer Rente ja hin. Keine Extras eben, auch keine großartigen Geschenke. Und nu? Ich sach ihnen ma was. Im Kühlschrank lagen nur Brot, Margarine und Marmelade. Die hat gehungert und Flaschen gesammelt, nur weil bald Weihnachten ist und sie das Geld für Geschenke braucht. So was von dumm!" 
Bestürzt schaute Frau Heber die Grete an. "Also, wenn das wirklich wahr ist, dann gebe ich ihnen recht. Da müssen wir was unternehmen. Schließlich ist Frau Korters eine von uns!" Grete nickte bekräftigend. In den nächsten Minuten jagte ein Vorschlag den nächsten. Vor allem, den Sohn zu informieren stand zur Debatte.
"Nu aber mal halblang, die Damen", mischte sich Herr Heber ein. "Ganz klar, wir sollten etwas unternehmen, aber was und wie, das will wohl überlegt sein. Hier geht es um unsere Frau Korters und die hat wie jeder andere auch ein Recht auf Willensfreiheit. Habt ihr mal überlegt, dass sie sich vielleicht schämt und gar nicht will, dass ihr Sohn davon erfährt?"

Jetzt war es an Frau Heber und der Grete beschämt zu Boden zu schauen. Keiner sagte mehr ein Wort. Grete fasste sich dann als erste. "Recht habense Herr Heber, helfen ja, aber dann auch richtig", sagte sie sichtlich geknickt.
"Is schon gut Frau Meier. Auf einen Tag kommt es nun auch nicht mehr an. Soll sich jeder von uns mal ganz in Ruhe Gedanken darüber machen, wie wir helfen könnne. Und morgen abend treffen wir uns noch mal alle hier bei uns. Ich red gleich morgen früh mal mit Herrn Wenig. Und  sie mit Herrn Heinevetter und mit Marie. Alle zusammen findne wir dann schon eine Lösung."

Zurück in ihrer Wohnung, goss sich die Grete erstmal eine Tasse Lieschentee auf. Während sie den Tee in langsamen Schlucken trank, dachte sie daran, wie gut sie es hier im Haus mit den Nachbarn doch getroffen hat. Jeder hilft jedem. Dass das nicht so selbstverständlich ist, weiß die Grete ganz genau."Echt jetzt Grete," murmelte sie. "Dafür kannste dankbar kein. Aber sowas von!"





 





Kommentare:

  1. Leider gibt es genug Menschen die das Schicksal so haben und ich sage auch so oft gut dass ich in so ein Haus jetzt wohne!
    Froh sein wenn sich andere sich intressieren und was bemerken wenns dem anderen schlecht!

    Ich hatte mal als Birefträgerin so einen Fall ich klopfte da sganze Haus zu sammen und sagte irgendwas stimmt da nicht da quillt der Briefkasten über und sie ist doch so alt schon sah sie sonst am Fenster, hat da nicht jemand was gesehen und betroffene Gesichter schauten mich an schüttelten den Kopf und ich wurde sauer meinte nah aber jetzt und ich klopfte rief, niemand rührte sich und so rief ich die Polizei an und die kamen und die Frau war schon einige Tage tot. Ja, ich war so traurig dass ich muss kommen als Briefträgerin weil die Nachbarn sich einen feuchten Dreck sich kümmerten.
    Deswegen eine gute Nachbarschaft ist Goldeswert!
    Lieben Gruss Elke

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    1. Danke Elke, für deinenBeitrag hier. Ja, eine gute Nachbarschaft ist die halbe Miete.
      Gruß vonner Grete

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  2. guten Morgen,
    klingt mir fast Romanmässig - ein schöner Roman halt.
    In der anonymen Stadt, wo man sich, wenn arbeitstätig, oft wochenlang überhaupt nicht sieht, ja sogar nicht einmal die anderen Parteien mit dem Namen kennt .. naja, hat das auch schon mal einen Vorteil, man hat Ruhe. Aber will man das?
    Schöne "Geschichte" jedenfalls wieder von dem Fräulein.
    Ich les sie gern.
    Liebe Grüße

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    1. Gretes Leben ist ein Roman ... wie unser aller Leben ...
      Vielen Dank für den Kommentar
      Gruß vonner Grete

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  3. Die Grete - sie hat wahrlich ein gutes Herz. Da schauen wir doch gespannt, wie diese 'Geschichte' ausgeht! LG Martina

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    1. Nächste Woche geht es weiter ..garantiert. Das Thema ist noch nicht vom Tisch.
      Dank an dich
      Gruß vonner Grete

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  4. Immerhin hat die Grete sehr viel Empathie für ihre Nachbarn. So muss die Geschichte ja weitergehen. Es finden bestimmt alle eine Lösung.
    Grüssle von Klärchen

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    1. So wird es sein, liebes Klärchen ..
      Danke dir
      Gruß vonner Grete

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  5. Die Grete macht sich sehr viele Gedanken um die Frau Korters, zeichnet sie aus. Da überlege ich gerade, wie oft sehe ich eigentlich unseren Zeitungsausträger ^^ meist ist er schon durch und die Zeitung stickt im Rohr.

    Vielleicht sollte man wirklich noch mehr Augenmerk auf seine Umwelt richten.

    Liebe Grüße und noch einen netten Abend
    Björn :)

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    1. Ja, einfach mal nicht nur geradeaus, sondern auch mal nach links und rechts schauen. Das kann viel bewirken.
      Danke
      Gruß vonner Grete

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  6. Ach, liebe Grete! Es ist schön, dass ihr aufeinander acht gebt! Wie viele Menschen werden in der heutigen Zeit einfach übersehen... Siehe der "liebe" Sohn, der sich so gar nicht um seine Mutter schert. Gebt gut acht, respektiert aber auch die Wünsche der lieben alten Nachbarin. Jeder Mensch hat schließlich das Recht auf ein selbstbestimmtes Leben...
    Ganz liebe Grüße,
    Frauke

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Da freut sich die Grete aber, dass du was zu sagen hast ...