Dienstag, 13. Januar 2015

Das Fräulein Grete Meier hat Angst

Das Fräulein Grete Meier hat Angst

In sich gekehrt saß das Fräulein Grete Meier in der Bahn. Sie war so sehr mit sich beschäftigt, dass sie weder die lauten Handygespräche einiger Mitfahrer störten, noch der alte Mann neben ihr, der ständig hustete. Ohne sich natürlich die Hand vor den Mund zu halten. Normalerweise hätte die Grete ihn freundlich aber bestimmt zurecht gewiesen, ihm sogar ein Taschentuch in die Hand gedrückt. Aber heute war eben nichts normal. Zumindest nicht für die Grete. Und das lag keinesfalls daran, dass ihr Auto zur jährlichen Inspektion in der Werkstatt war und sie deshalb mit Bus und Bahn unterwegs war. Es waren vielmehr die Ereignisse vom Wochenende, die das Fräulein Grete Meier so intensiv beschäftigten. Wenn sie nur schon daran dachte, packte sie das nackte Grauen. 

Freitag war sie sofort nach Büroschluss nach Hause gefahren. Eine Tasse Kaffe war schnell gemacht und dann wurde der PC eingeschaltet. Denn aufgewühlt von den Radioberichten, über das was in Frankreich gerade vor sich ging, wollte sie auf dem Laufenden bleiben. Ist ja heutzutage nicht weiter schwierig. Liveschaltung nach Paris über n-tv. Gebannt hockte die Grete vor dem Bildschirm und verfolgte eine Reportermeldung nach der anderen. Ständig wurde vom Studio entweder direkt nach Paris geschaltet oder nach Dammartin-en-Goële, wo sich jeweils Außenreporter befanden. Hatte gerade eben noch die Außenreporterin, die sich vor der Druckerei in Dammartin-en-Goële positioniert hatte, gesagt, dass es jetzt dämmert und man sich auf eine lange Nacht einstellen müsste, überschlugen sich plötzlich die Ereignisse. Im Hintergrund war Rauch zu sehen, Lichtblitze folgten, begleitet von Schusssalven. Die Grete war völlig schockiert. Dann die Schaltung nach Paris. Live. Detonationen, Rauch, rennende Menschen. 

Erst Stunden später wurde der Grete bewusst, dass sie das alles live mitbekommen hatte. Wenn auch nur live im übertragenen Sinne. Natürlich hatte sie schon vorher solche Bilder irgendwo gesehen. Es passieren ja immer wieder solche schrecklichen Anschläge und Attentate. Leider. Jetzt so im Nachhinein musste sie doch zugeben, dass es etwas völlig anderes ist, wenn man die Bilder nach dem eigentlichen schrecklichen Geschehen als Zuschauer sozusagen aus der Dose serviert bekommt, als wenn man irgendwie mittenmang dabei ist. Das Geschehen ließ die Grete das ganze Wochenende nicht mehr los. 

Und auch jetzt, in der Bahn, musste  sie ständig daran denken, immer die Schüsse im Ohr und die rennenden Menschen vor Augen. Wo wird das alles enden? Eine Frage, die sich sich momentan ständig stellt und auf die sie keine Antwort findet. Eine Frage, die ihr Angst macht. 




Am Rande des Himmels

Wind streichelt die verdorrte Erde,
ein Schlaflied für die Toten.
Summt mit dem Untergang der Roten,
auf dass es Nacht nun werde.
Über allen Kirchen dieser Welt
hängt blass die Silberscheibe.
Mit nichts als Tränen noch am Leibe,
bis auch sie zu Staub zerfällt.

Das goldene Kalb ist längst schon tot,
doch alle Sternlegionen
lobpreisen ihre Religionen.
Selbst noch in höchster Not.


Und am Rande des Himmels
steht ein Gott und weint.

© Perdita Klimeck






Kommentare:

  1. Ich bin immer entsetzt wenn Menschen sinnlos sterben. Es nimmt mich mit und hinterlässt Spuren. Ist die Welt grausam oder sind es die Menschen?

    Das Gedicht macht mich wortlos - es ist so passend. Vor allem die letzten beiden Zeilen. Wo wird das alles hinführen. LG Geli

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  2. Warum? Die Antwort kenne ich nicht! -
    Dein Gedicht - es berührt. Danke! Martina

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  3. Ach Grete, mir fehlen die Worte. Du hast es wundervoll in Worte gekleidet! Fühl dich umarmt!

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  4. sitze schon länger sinnend vor diesem beitrag und hab ich mir nun schon zum Dritten Mal, das letzte Mal laut, vorgelesen....
    ja, es nimmt einen mit! Und wie - mich auch! wen nicht? frage ich mich dann wenn ich in die oberflächlich steinernen gesichter um mich schaue die es fast nicht wagen das Thema durchzusprechen, sagen, was Sie dabei empfinden wenn die neuesten Greuel live über den Bildschirm rauschen, man wird sprachlos wenn man entdeckt - wie viel Heute - gestern - Morgen - TOTE man entdeckt die nur noch als Zahlen eine Bedeutung haben...
    die Menschen sind es die so menschenverachtend grausam sind wenn sie ihre Gier nach Macht und geld nicht zügeln können...und unschuldige andere Menschen als Opfer hinterlassen...
    bitte lass mich noch ein Weilchen still vor mich hinsitzen und weinen............die Ohnmacht macht fast krank............

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Da freut sich die Grete aber, dass du was zu sagen hast ...