Dienstag, 25. August 2015

Von einem Bohrer und einem armen Tier

Von einem Bohrer und einem armen Tier

Das Fräulein Grete Meier litt. Und wie. Mit schmerzverzerrtem Gesicht hockte sie auf ihrer Couch, die Knie angezogen, eingemummelt in eine Decke, die rechte Hand an die ebensolche Wange gedrückt. Während sie die dampfende Tasse mit Kamillentee die vor ihr auf dem Tisch stand beobachtete und darauf wartete, dass die Flüssigkeit endlich abkühlt, schüttete die Grete kübelweise Mitleid über ihr Haupt aus. Grete hätt dat ärme dier, wie Onkel Günther jetzt ganz sicher anmerken würde. Selbstmitleid kann er nämlich nicht so gut leiden. Zumindest bei anderen nicht. Ein Grund mehr von der Grete lieber allein zu leiden. Nicht weils schöner ist, sondern eher um gutmütigem Spott aus dem Weg zu gehen. 
Grete hatte Zahnschmerzen. Gewaltige Zahnschmerzen. Und das schon seit Tagen. Zuerst war es nur ein leichtes Ziehen gewesen. Was Grete natürlich nicht beachtet hatte. Dann fing es an zu klopfen und schmerzhaft zu pochen. Auch diese Alarmzeichen verhallten ungehört. Wozu gibt es denn Schmerztabletten. Erst als es gar nicht mehr ging, sprich die Grete alle zwei Stunden nach einer Tablette greifen musste und nachts keinen Schlaf finden konnte, wurde ihr der Ernst der Lage bewusst. Sie musste zum Zahnarzt. Da half alles nix. Immerhin, sie bekam gleich einen Termin. Und der hatte es in sich. 
Unter einer ihrer Kronen, hatte sich eine Wurzel entzündet. Also, Betäubung rein, Krone runter und dann ... Wurzelbehandlung. So etwas Unangenehmes hatte die Grete noch nie erlebt. Aber, immer in der Hoffnung, dass danach der Schmerz im Nirwana verschwindet, ließ sie widerstandlos alles über sich ergehen. Zwar mit dicker Backe und provisorischer Krone, aber schmerzfrei, hatte sie gegen mittag die Praxis verlassen. Nur um drei Stunden später dort wieder auf der Matte zu stehen. Mit gefühlt noch mehr Schmerzen als vor der Behandlung. Der Zahnarzt wollte das Provisorium wieder runternehmen. Keine Chance. Das saß einfach zu fest. "Ist aber nicht schlimm, Frau Meier. Dann bohren wir halt." 
Bohren? Das war nun gar nicht nach Gretes Sinn. "Wie jetzt, bohren, durch das Prosisorium? Das geht?" Der Zahnarzt lachte. "Ja, das geht, Frau Meier. Und glauben Sie mir, davon spüren sie nichts. Ich bohre ja nicht in einem richtigen Zahn."
Das war der Grete egal. Bohren geht bei Grete nämlich gar nicht. Nicht, weil sie Angst vor den Schmerzen hat, dafür gibt es ja die Betäubung, nein, sie mag das Geräusch einfach nicht. Findet es gräßlich. Schon als Kind war ihr deshalb jeder Zahnarztbesuch ein Gräuel gewesen. Noch Tage später hatte sie das Geräusch des Bohrers in den Ohren gehabt.  Überhaupt, alle Geräusche, egal von welchem zahnärztlichen Instrument, empfindet die Grete als äußerst unangenehm. Zahnreinigung. dieses Kratzen und Schleifen. Gruselig. Dennoch, Grete geht regelmäßig zum Zahnarzt. Widerwillig zwar, aber sie geht. 
Der Tee war abgekühlt und Grete trank ihn in vorsichtigen Schlucken. Die Betäubung hatte nachgelassen und der Zahn schmerzte bereits wieder. "Das kann ein, zwei Tage noch dauern, Frau Meier. Der Zahn muss sich erst wieder beruhigen", hatte der Zahnarzt gesagt.  Grete jammerte vor sich hin. "Immer ich, warum eigentlich, ausgerechnet heute, womit habe ich das nur verdient, das ist gemein und überhaupt alle sind gemein ... keiner kümmert sich um mich ..." Gretes Magen knurrte vernehmlich. "Wenn das so weiter geht, verhungere ich noch ..."
Ein leichtes Sirren ertönte, steigerte sich und mündete in einem ohrenbetäubenden Geräusch ... Grete konnte es nicht fassen. Wer um alles in der Welt ...? Grete sprang von der Couch, raste zur Tür und öffnete sie. Sie lauschte. Natürlich, Herr Heinevetter. Wer denn sonst. Rasend vor Wut, schlug sie mit der Faust gegen die Tür ihres Nachbarn. Das Dröhnen der Bohrmaschine erstarb. Schritte näherten sich der Tür. "Wollen sie mich umbringen?", schmetterte sie einem völlig verdutzten Herrn Heinevetter entgegen, als sich die Tür öffnete. 







Kommentare:

  1. Ohje liebe Grete, das Bohren mag ich auch gar nicht und Zahnschmerzen sind für mich wirklich ganz arg schlimme Schmerzen, da leide ich gleich mit Dir. Ich wünsche Dir, dass der Zahn ganz schnell zur Ruhe kommt und Du bald wieder kraftvoll zubeissen kannst.

    Liebe Grüße
    Kerstin

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  2. Oh was sind diese Geräusche fies! Ich leide mit Dir und wünsche dass der böse Zahn schnellstens wieder Ruhe gibt. Nicht dass Du uns noch verhungerst.
    LG
    Marle

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  3. Ohje, liebe Grete, ich kann Dir nachfühlen. Zahnarztbesuche hasse ich. Ich habe immer schreckliche Angst davor. Obwohl, ich lasse immer ohne Betäubung bohren, wenn es denn mal sein muss. Auch die professionelle Zahnreinigung empfinde ich als schrecklich. Ich bin immer froh, wenn ich die Tür wieder von außen schließen kann.
    LG
    Astrid

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Da freut sich die Grete aber, dass du was zu sagen hast ...