Dienstag, 15. September 2015

Von einem Stich und blauen Freunden

Von einem Stich und blauen Freunden 

Aufgeregt wuselte das Fräulein Grete Meier durch ihre Wohnung. Schob hier etwas zurecht und da etwas. Zupfte an der zartgelben Tischdecke und rückte wohl zum hundertsten Mal das Besteck gerade. Zwischendurch immer der Blick zur Uhr. Wo zum Henker ist denn nur das Feuerzeug! Grete zog planlos eine Schublade nach der anderen von ihrem Sidebord auf. Nichts. Küche vielleicht? Da fand sie zwar die Zigarettenschachtel, aber kein Feuerzeug. Grete fummelte eine Zigarette heraus und klemmte sie sich zwischen die zart rosé gefärbten Lippen. 24 - Stunden Lippenstift. Sauteuer, aber er war sein Geld wert. Kein rosa Abdruck an den Zigaretten und auch nicht an Glas oder Kaffeetasse. Und er überstand jedes Essen. Ohne Nachziehen. Sogar Rot geht damit. Aber nachdem die Heidi Seelig im Büro mal getönt hatte, dass Rot auf den Lippen ab 40 vulgär aussieht, fristete der rote Lippenstift sein Dasein neben dem blauen Lidschatten (O- Ton Susi: "Total out, Frau Meier!") in der Karnevalskiste. Wegschmeißen kam für die Grete nämlich nicht in Frage. Hat doch schließlich mal was gekostet. Von Blau war sie danach auf bescheidens Beigebraun umgestiegen. Und eben zu Rosè. Ah, da war es ja, das Feuerzeug. Auf der Fensterbank. Rasch zündete die Grete ihre Zigarette an. Doch noch vor dem ersten Zug klingelte es an der Wohnungstür. Ohne zu zögern versenkte die Grete die brennende Zigarette im Blumentopf mit dem Kaktus. Die einzige Grünpflanze in der Wohznung übrigens, die sich permanent hielt. Trotz, oder vielleicht auch, wegen der gelegentlichen Tabakdüngung. Nee, mit Pflanzen in der Wohnung hat die Grete nie Glück. Auf dem Balkon die Geranien dagegen. Ein Traum. In Rot. Das wird ja wohl nicht verboten sein. auch nicht mit Ü 50.  Grete eilte zur Tür. Soll ja keiner sagen, dass geladene Gäste bei der Grete zwei Mal klingeln müssen.

Gretes Stimme überschlug sich fast. Oder ganz, nach Lieschens Gesicht auf  Gretes Bildschirm zu urteilen.  "Jetzt weißte Lieschen, warum du mir unbedingt deinen Tee schicken musst. Alle isser, ausgerechnet heute! Das halt ich im Kopp nich aus!" Grete verdrehte die Augen.  
"Nu mal langsam Grete", antwortete Lieschen. "Hol mal tief Luft und dann erzählste mir alles von vorne. Ich hab kaum etwas verstanden. Nur, dass Herr Heinevetter und dein Holzmann zum Kaffee da waren. Und dass sie einen Stich hatten." 
"Na", empörte sich die Grete, senkte dabei aber etwas die Stimme. "Das kannste laut sagen. Die hatten einen Stich, aber sowas von. Dabei habe ich es nur gut gemeint!" 
Lieschen lachte. "Grete, wenn du schon was gut meinst ...Also, was war los?" 
Grete beugte sich vor und sah direkt in die Kamera. "Ich hatte dir doch erzählt, wie sauer der Heinevetter war, dass ich den Holzmann duze und ihn nicht, wo wir uns doch schon viel länger kennen. Gar nicht mehr geredet hat er mit mir. Guck nicht so, ich habe mich ja entschuldigt bei ihm. Und dann hab ich mir gedacht, ich lad den Holzmann und den Heinevetter mal zusammen zum Kaffee ein. Damit die sich mal kennenlernen. Ich hab extra Pflaumenkuchen gebacken. Und dann, du musst dir diese Peinlichkeit mal vorstellen, dann hatte die Sahne einen Stich!"
Lieschen war verwirrt."Die Sahne? Hast du nicht eben gesagt, die zwei Männer hatten einen Stich? 
"Mensch Lieschen, du hörst aber auch gar nicht zu. Zuerst war es die Sahne und dann der Heinevetter und kurz danach auch der Holzmann. Die haben Lieder gesungen und sogar Brüderschaft getrunken  Stell dir das mal vor! Es war entsetzlich. Der Heineveter wollte sogar mir mir tanzen und der Holzmann hat sich eine der Rosen aus der Vase geschnappt und sie sich zwischen die Lippen geklemmt. Zwei Tassen und ein Teller sind kaputt. Ich brauch den Tee, Lieschen, dringend!"
"Grete!", Lieschens Stimme klang streng. "Grete, du hast doch nicht etwa den Mirabellenschnaps von Tante Heidi ..." Sie redete nicht weiter.
"Naja!", kam es recht kleinlaut von der Grete. "Ich dachte, weil doch die Sahne einen Stich hatte .. so für den Magen ... woher sollte ich denn wissen, dass die nicht Mal ein, zwei Schnäpse vertragen! Kann ich doch auch."
"Das sind wohl eher vier, fünf gewesen laut deinen Schilderungen, gell?"
Grete versank regelrecht in ihrem Schreibtischstuhl. Sie traute sich kaum noch das Lieschen anzublicken. "Nun, da kannste recht haben. Wenn ich so recht überlege, war die Flasche fast voll. Nu isse leer. Und irgendwie geht es mir jetzt gerade gar nicht gut.. Mir dreht sich alles. Aber sowas von ..."




Kommentare:

  1. Was muss ich da lesen? Die Grete und die beiden Männer haben sich ordentlich einen hinter die Binde gekippt? Na sowas aber auch!!! - Und alles nur, weil die Sahne einen Stich hatte. Tststs!!! - Ich wünsche dir einen gemütlichen Abend! Martina

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  2. ich lache jetzt noch über deine geschilderte geschichte.....
    ja so ists, wenn man das Schnapserl zu dicht an sich ran lässt und nicht aufpasst bei der Dosierung wird man durchn Schnaps - schnell blau...lacht:))

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  3. Das war ja wieder einmal eine Geschichte so richtig zum Schmunzeln. Schnaps kann ganz schön gefährlich werden. Die können sich ganz sicher nicht mehr erinnern, dass die Sahne einen Stich hatte.
    LG
    Astrid

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  4. Da hätt ich ja wohl Glück gehabt, liebes Fräulein Grete,

    ich mag nämlich keinen Schnaps… und auch keine Sahne ;o))

    Herzlichst, die Traude

    http://rostrose.blogspot.co.at/2015/09/irland-reisebericht-bantry-und-bantry.html

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Da freut sich die Grete aber, dass du was zu sagen hast ...