Dienstag, 9. Februar 2016

Das Fräulein Grete Meier haut auf den Putz

Das Fräulein Grete Meier haut auf den Putz 

Das Fräulein Grete Meier rollte mit den Augen. "Nicht schon wieder", knurrte sie vor sich hin. Stand dann aber doch von ihrem Schreibtisch auf. 
Ich mag sie, ich mag sie - tickte es wie ein Uhrwerk in ihrem Kopf, während sie gemessenen Schrittes zum Büro des Chefs ging. Dennoch, so sehr sie sich auch bemühte ruhig zu bleiben, mehr als ein genuscheltes "Was´n los", brachte sie nicht über die Lippen, als sie die Tür öffnete. 

"Und dann", schnaubte die Grete zehn Minuten später in der Küche, "dann hat Madame doch tatsächlich verlangt, dass ich einen Termin beim Friseur und anschließend noch einen Termin zur Massage machen soll. Sie bräuchte unbedingt Entspannung nach der vielen Arbeit. Entspannung .. das ich nicht lache ... viel Arbeit ... jajaja ... Fingernägel lackieren ist ja sowas von anstrengend!" 
Berta Kalt sah sie mitleidig an. "Hab schon von der Seelig gehört, dass es wohl keine so gute Idee war vom Chef, seiner Frau die Leitung zu übertragen während er in der Reha ist. Die is auch schon mit den Nerven fertig. Gestern hat sie die Warenbestelllisten zig mal über den Haufen geworfen." 
Grete nippte an ihrem Kaffee. "Scheiße, heiß .. das auch noch!" Sie rieb sich die schmerzende Lippe. "Es ist zum Mäusemelken. Ich fand die Frau vom Chef immer so nett. Ich hätte nie gedacht, dass das so ein Drachen ist. Keine Ahnung von nix, aber immer was zu kamellen. Was hat der sich nur dabei gedacht?"
"Wahrscheinlich nix", antwortete Berta. 
Grete prustete und schüttelte den Kopf. "So sieht es auch aus. Und jeden Abend lüg ich ihm die Hucke voll, wenn er anruft. Chef, sag ich dann immer. Chef, alles in bester Ordnun. Ihre Frau hat alles im Griff. Ha, von wegen. Aber ich sach dir Berta, heute abend ...."
"Besser nich, Grete", wurde sie von Berta unterbrochen. " Aufregung ist Gift für ihn. So ein Schlaganfall ist kein Zuckerlecken. Der braucht Ruhe und nochmals Ruhe. Wenn du dem was sagst, kommt der glatt direktemang aus der Reha zurück. Nee, nee, reiß dich besser zusammen."
Grete schüttete den restlichen Kaffee in den Ausguss. "Hast ja recht, Berta, dennoch ... so kann es nicht weitergehen! Ich muss jetzt auch wieder zurück. Rechnungen durchgehen. Eigentlich sollte sie das ja machen, aber das Computerprogramm ist ihr zu schwierig. Dabei hat der Simon es ihr gestern erst zigmal erklärt. Bis später dann."

Wieder zurück in ihrem Büro musste Grete sich erstmal mittels Schokolade stärken. Während sie sich ein Stück nach dem anderen in den Mund schob, rasten ihre Gedanken wie ein Kettenkarussell im Kreis herum. Was für ein Dilemma, dachte sie. Irgendwas muss ich doch machen können. Grete, denk nach. Was würde Lieschen in soner vertrackten Situation tun? 
Beim Gedanken an Lieschens Art, stets geradeheraus zu sein, hielt das Karussell endlich an. Ja, so mache ich es. 

Grete zog an ihrer Zigarette und lächelte in die Kamera. "Und dann hab ich an dich gedacht, Lieschen. Also was du da so tun würdest. Hab meinen ganzen Mut zusammen genommen und bin in ihr Büro. Und hab ihr alles gesagt. Das es so nicht weitergeht und alle schon ganz wuschig sind in der Firma."
Lieschen, am anderen Ende der Welt, lachte lauthals los. "Echt jetzt Grete? Das haste ihr alles gesagt?" Dann wurde sie ernst. "Ich hoffe, in ruhigem Ton, oder Grete?
Grete tat empört. "Was denkst du denn von mir! Ich war ruhig. Aber sowas von. Und, ich habe ihr nicht nur alles gesagt, sondern ihr auch meine Hilfe angeboten. Und die von Berta, der Seelig, dem Eido und ..ach einfach von allen. Und ich sag dir was. Die war total erleichtert. Frau Meier, hat se gesagt, Frau Meier, ich bin ihnen ja so dankbar. Ich habe mich nie um die Firma gekümmert, weiß gar nicht wo ich hier anfangen soll. Ich will ja alles richtig machen und alles lernen. Und auf keinen Fall will ich meinen Mann enttäuschen. Ehrlich Lieschen, die hat nur die Chefin raushängen lassen, weil sie sich geschämt hat, dass sie im Grunde keine Ahnung von dem hat, was ihr Mann alles so leistet."
Lieschen hate ihr interessiert zugehört. "Irgendwie verständlich. Sowas habe ich mir schon gedacht. Und nu?"
Jetzt war es die Grete, die lachte. "Also als erstes habe ich nochmal das Rechnungsprogramm erklärt. Dann haben wir alle Rechnungen zusammen fertig gemacht. Und morgen, stell dir mal vor, morgen will sie es ganz alleine versuchen. Und mit der Seelig hat sie auch noch geredet und sich entschuldigt. Was sagste nun ...?" Zufrieden lehnte sich die Grete zurück.
"Was willste jetzt von mir hören, Grete?  Das du alles richtig gemacht hast? Ja, das haste, aber ... du hättest das schon früher machen sollen, anstatt dich so aufzuregen und alles in dich reinzufressen. Dennoch, Hut ab, besser spät als nie!"

Lange saß das Fräulein Grete Meier später noch, als sich das Lieschen längst verabschiedet hatte, vor dem dunklen Bildschirm. Lieschen hat ja recht, sinnierte sie. Hätte ich früher auf den Putz gehauen .. . nächstes Mal mache ich es besser. Dann sag ich gleich was.








Kommentare:

  1. Gratuliere! Das nenn ich Rückgrat
    Herzlichst
    yase

    AntwortenLöschen
  2. Siehste Grete, man muss sich nur trauen was zu sagen.
    LG
    Astrid

    AntwortenLöschen
  3. in sich *reinfressen* und schweigen geht auf Dauer gar nicht liebe Grete, ich denke, das stellt jeder von uns irgendwannmalbeisichfest* und ärgert sich später darüber dass ers überhaupt getan hat*.
    Gut, dass du dich überwunden hast denn es fällt manchmal nicht so leicht dazu zu stehen was man meint nicht aussprechen zu dürfen..(egal aus welchem Grund)
    hinterher stellt sich immer heraus; gut dass man was gesagt hat...
    Bravo liebe Grete, Hut ab vor dir

    AntwortenLöschen

Da freut sich die Grete aber, dass du was zu sagen hast ...