Dienstag, 1. März 2016

Das Fräulein Grete Meier ist enttäuscht

Das Fräulein Grete Meier ist enttäuscht 

"Sowas, nein sowas ... !" Mit hängenden Armen, innerlich noch immer aufgewühlt, stand das Fräulein Grete Meier auf ihrem Balkon. "Ehrlich Herr Heinevetter, ... niemals nie nicht hätte ich das von dem Kunze gedacht. So ein feiner Herr ... und immer sooo höflich. Nee, nee, ich bin total enttäuscht. Aber sowas von!" 
Herr Heinevetter reichte der Grete eine Tasse mit Kaffee über die Brüstung. "Nunu, Frau Meier, das is nu ma so. Manchmal täuscht man sich eben in einem Menschen. Und jetzt sagense se nicht ..Ich nicht. Auch sie können nur vor den Kopp gucken ...!"
Grete schluckte das, was ihr tatsächlich in dieser Richtung auf der Zunge lag, schnell runter. "Aber ausgerechnet der Kunze. Wo der mir doch immer Pralinen mitgebracht hat. Wartense mal ..ich hab da doch noch ..." Grete stellte ihre Tasse ab und eilte ins Wohnzimmer. Verwundert sah ihr Herr Heinevetter nach. 
Zwei Minuten später stand Grete wieder auf dem Balkon. "So, die wären im Müll! Kein Stück will ich davon haben. Nicht von dem!" Trotzig verschränkte die Grete ihre Arme. "Und dem Chef werd ich auch noch was dazu sagen. Guter Kunde hin oder her. So nicht!"
Herr Heinevetter verdrehte die Augen. "Meinense nich, dass sie etwas übertreiben? Wenn er doch so ein guter Kunde ist, dann muss man halt auch mal auf die Zähne beißen. Geht ja schließlich ums Geschäft. Und das gehört nicht Ihnen. Also ich glaub ja nicht, dass ihr Chef ..."
Grete unterbrach ihn. "Hier geht es um Anstand und Ehre. Also, wenn sie dabei gewesen wären ... also, was der da so vom Stapel gelassen hat ... von wegen alle Flüchtlinge sind Vergewaltiger und Schmarotzer. Nehmen uns aus wie eine Weihnachtsgans. Ach, ich kann das alles gar nicht wiederholen. Sprachlos war ich ... sowas, nee!" Vor lauter Empörung wurde die Grete knallrot im Gesicht. "Und dann hat er noch was von Lagern gefaselt und einem sauberen Reich. Ich krieg die Krätze!"
"Is schon starker Tobak, Frau Meier, aber mussten sie ihn deshalb gleich aus dem Büro werfen?" 
Jetzt wurde die Grete so richtig wütend. "Fenster wäre besser gewesen", schnauzte sie. "Zehn Meter ... direkt auf den Asphalt. Genau zwischen die Mülltonnen. Da gehört so ein brauner Sack hin."
"Na, Frau Meier", versuchte Herr Heinevetter sie zu beschwichtigen. "Schon mal was von Meinungsfreiheit gehört?"
Grete packte ihn am Arm. "Meinungsfreiheit? Damit kommen die doch alle gleich umme Ecke, wenn man was gegen diese verqueren Ansichten hat. Nee, nee, bei mir zieht das nicht. Nicht, wenn man sone Meinung hat. Punktum .. und dabei bleib ich.  Das ist asozial. Aber sowas von!" Grete redete sich sichtlich in Rage. 
Herr Heinevetter befreite sich aus Gretes Klammergriff und trat vorsichtshalber einen Schritt zurück. "Ich mein ja nur. Was man da so liest ... einige von den Flüchtlingen  machen da schon reichlich viel verkehrt."
Grete schnaubte, begann sich dann aber zu beruhigen. "Sicher, sie haben ja recht. Da gibt es solche und sohne. Aber die gibt es überall. Doch das wollen einige nicht wahrhaben. Vor allem der Kunze nicht. Und was da so alles in den Zeitungen steht und in den Medien verbreitet wird ... alles soll man eben nicht glauben. Wird auch viel aufgebauscht." 
"Mag ja sein, Frau Meier. Dennoch, viele haben einfach Angst."
"Angst? Vor was denn? Wir leben hier doch wahrlich gut in Deutschland. Das ist doch lächerlich. Wie kann man denn vor Menschen Angst haben, die die Hölle hinter sich haben und froh sind, in Sicherheit zu sein. Angst habe ich da eher vor solchen Leuten wie dem Kunze." Grete zündete sich eine Zigarette an und nahm einen tiefen Zug. "Ist eine schwierige Zeit, keine Frage. Viel zu klären. In der Haut von uns Angela möchte ich nicht stecken. Ich glaub nicht, dass die ruhig schläft momentan."
"Klar, Frau Meier, dennoch, was können wir schon tun?"
Jetzt grinste die Grete diabolisch. "Leute wie den Kunze aus dem Büro schmeißen. Achtkantig!"






Kommentare:

  1. ..mit einem Tritt in den Allerwertesten....
    Gut gemacht, Fräulein Grete
    Herzlichst
    yase

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  2. Liebe Grete,
    Ich mag solche Sprüche auch nicht. Aber einiges liegt schon im Argen.
    Keine 10 Minuten von mir entfernt sind 150 Flüchlinge untergebracht.
    Am Wochenende war ein Großeinsatz dort. Mir 67 Mann vom SEK. Da
    wird einem schon anders.
    Einen angenehmen Mittwoch wünscht dir
    Irmi

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Da freut sich die Grete aber, dass du was zu sagen hast ...