Sonntag, 1. Dezember 2013

Das Fräulein Grete Meier ist baff

Das Fräulein Grete Meier ist baff

Das Fräulein Grete Meier ist ganz geplättet. Nichts, aber auch gar nichts hat in den letzten Wochen darauf hingewiesen. Konnte es ja auch nicht. Der Tod kündigt sich niemals an. Er kommt, wenn er meint, dass es an der Zeit ist. Dass ein entfernter Onkel von Herrmann verstorben ist, das hatte das Lieschen erzählt. Aber erst eben ist sie dann damit rausgerückt, dass besagter Onkel dem Herrmann in Venedig ein Haus vererbt hat.  "Grete, das musste verstehen. Der Hermann möchte dahin. Und mein Wunsch ist das auch. Wir haben lange geredet, der Hermann und ich. Du kennst mich doch Grete. Wenn nicht du, wer dann?"
Ja, so oder ähnlich hatte es das Lieschen der Grete heute nachmittag in ihrer Küche gesagt. An den genauen Wortlaut kann sich die Grete nicht mehr so richtig erinnern. Nur, dass das Haus hier vermietet wird und Lieschen noch vor Weihnachten mit dem Herrmann fahren wird. Ganz aufgeregt war sie gewesen. "Du glaubst gar nicht Grete, was wir noch alles erledigen müssen!"
Dabei hatte sich die Grete so auf den Adventskaffee mit Lieschen gefreut. Den ganzen Samstag hatte sie in der Küche verbracht, einen Gewürzkuchen und Plätzchen gebacken. Fünf Sorten. Heute mittag hat sie dann alles hergerichtet. Den Adventskranz auf dem Küchentisch platziert und alles festlich eingedeckt. Sogar das gute Geschirr mit dem Goldrand hatte sie aus der Vitrine geholt. 
Und nun das. Grete saß total matt in ihrem Sessel und starrte an die Wand. Lieschen war schon längst nach Hause gefahren. Nach einer Weile betrachtete sie das Foto in ihrer Hand. Lieschen hatte es auf den Küchentisch gelegt, um der Grete zu zeigen, wo sie zukünftig leben wird. Herrmann hatte es gemacht bei seinem letzten Besuch dort. Eine Träne löste sich aus Gretes Augen und tropfte darauf. Vorhin, mit Lieschen in der Küche, da hat sie nicht geweint. Zu sehr hatten Lieschens Augen gestrahlt, als sie der Grete von ihrer neuen Heimat erzählt hat. Grete versuchte sich zu erinnern, was Lieschen alles erzählt hat. 
Burano! Davon hat die Grete noch nie etwas gehört. Natürlich weiß sie wo Venedig ist. Aber Burano? Gut, dass es Wikipedia gibt. Und Google Earth. Lieschen hat ihr alles auf dem Computer gezeigt, nachdem die Grete sich augenscheinlich von dem ersten Schreck erholt hat. Eine Insel ist das, in der Nähe von Venedig. Mit vielen bunten Häusern. Und eines davon gehört jetzt dem Herrmann. Und dem Lieschen. 
Grete lachte leise vor sich hin. "Alles so schön bunt hier", fiel ihr ein. Eine Textstelle aus einem Lied von Nina Hagen. "Ja, Lieschen", sagte sie laut. "Da passte hin. Bunt ist immer gut." 
Energisch wischte sie sich die Tränen ab. Ebenso energisch griff sie nach dem Telefon. Lieschen nahm direkt ab, als wenn sie darauf gewartet hätte. "Weißte Lieschen, ich vermiss dich jetzt schon. Kein Mittwochskaffee mehr, schwer vorstellbar.  Aber dafür gibbet ja skype. Und Burano ist ja nicht aus der Welt. Bestimmt habt ihr ein Gästezimmer. Also, was ich dir eigentlich sagen will: Recht tuste. So eine Chance kriegt man nicht wieder. Und ich freu mich für dich und den Herrmann. Vorhin Lieschen, vorhin war ich einfach zu traurig, um dir das zu sagen." 
 Burano


Kommentare:

  1. Gut, dass Grete am Ende doch noch diese positiven Gedanken hatte. Ob Lieschen sie gespürt hat? ich denke schon, denn zwischen so dicken Freundinnen braucht es nicht immer viele Worte.
    Das leben geht manchmal seltsame Wege in den merkwürdigsten Momenten. Fast musste ich jetzt mit Grete ein paar Tränchen vergießen.
    Aber es ist schon richtig so: Lieschen passt dorthin, wo es wunderbar bunt ist.
    Und aus der Welt ist Lieschen ja nicht.
    Ich finde, neben diesen zuweilen merkwürdigen Wegen, die das Leben uns aufzeigt, richtet es doch oft alles ganz gut ein.
    Wenn ich mir das Foto von Burano anschaue, sehe ich Lieschen da stehen mit dem Hermann. Das fühlt sich ganz richtig an.

    Eine sehr gelungene Wendung, die man nicht bedauern muss.
    Auch aus der Ferne kann man sich nah sein.

    Lieben Gruß zum Abend
    Enya

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    1. Ja, liebe Enya, es fühlt sich alles richtig an.. Jede Entscheidung birgt einen neuen Weg.
      Gruß vonner Grete

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  2. Hallo Grete,
    ich finde auch, dass dies ein tränenreicher Abschied ist. Italien, das ist in der Tat extrem weit weg. Wir werden zwar immer globaler, aber ein Gespräch von Gesicht zu Gesicht kann Skype nicht ersetzen ...

    Gruß Dieter

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    1. Leben isso, Dieter. Jeder hat seinen Weg, den er gehen muss. Und das ist gut so.
      Gruß vonner Grete

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  3. Italien ist gut. Skype ist gut. Mittwochskaffee allein ist schlecht. Da muss noch ein Ersatz gefunden werden. Und - Tasmanien ist extrem weit weg, Italien nicht - die Idee mit dem Gästezimmer unbedingt festhalten. Schließlich gibt es in Bella Italia auch hervorragenden Kaffee und wundervolles Gebäck. Das Fräulein Grete hat mein volles Mitgefühl!

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    1. Vielen Dank Drago, aber ich glaube die Grete weiß sich einzurichten. Mal schauen.
      Gruß vonner Grete

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  4. Ach Grete, auf der einen Seite sehr traurig - auf der anderen Seite schön für Lieschen.
    Du hast es richtig erfasst: Es gibt Skype - und Italien ist nicht aus der Welt.
    Auf dem Foto sieht der ort serh schön aus. Lieschen passt eigentlich dort hin.
    Einen schönen Restabend wünscht dir
    Irmi

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    1. Ja, liebe Irmi, Lieschen passt dahin. Hoffe, du bist wieder ganz ok..
      Gruß vonner Grete

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Da freut sich die Grete aber, dass du was zu sagen hast ...