Dienstag, 16. Dezember 2014

Von Glühweinleichen und einem freudigen Ereignis

Von Glühweinleichen und einem freudigen Ereignis

Das Fräulein Grete Meier zuckte zusammen als urplötzlich Susi vor ihrem Schreibtisch stand. Ganz in Selbstmitleid versunken, hatte die Grete das Öffnen der Bürotür komplett überhört. Jegliche Nervenfaser schaltete in Sekunden auf eines. ABWEHR!
Dementsprechend grantig klang auch ihre Stimme. "Was is nu schon wieder! Hat man denn niemals Ruhe hier in diesem Büro?" Grete rieb sich ihre schmerzenden Schläfen. Was würde sie jetzt alles für ein Bett und eine Kopfschmerztablette geben ...
Susi öffnete den Mund, nur um ihn gleich darauf wieder zuzuklappen. Das schien ihr wohl ratsamer angesichts Gretes Laune. "Dann eben nicht!", brachte sie dann doch noch heraus, bevor sie sich umdrehte und fluchtartig das Vorzimmer verließ. "Scheiß was drauf!"
Ärgerlich sah Grete ihr hinterher. Doch bevor sie sich über den Ton von Susi weiter aufregen konnte, klingelte das Telefon. 
Grete fertigte den Kunden gezwungenermaßen freundlich ab und widmetet sich dann wieder hingebungsvoll ihrem Selbstmitleidsbad. Der Sekt im Büro, dann Weihnachtsmarkt, Glühwein ... Grete war es todschlecht. Erst als der Chef im Türrahmen erschien, ebenfalls mit Leichenbittermiene und ebenso unausgeschlafen wie die Grete, riss sie sich etwas zusammen. "Kaffee, Frau Meier ... stark .. und bitte, bitte, besorgen sie mir doch Kopfschmerztabletten." Sprachs und verschwand in seinem Büro.
Grete seufzte. Nun, immerhin stand sie mit ihrem Glühweinkater nicht alleine da. Der war aber auch zu lecker gewesen. So schön süß ... Grete drehte sich der Magen um. Gerade noch so schaffte sie es auf die Toilette.

"Echt jetzt, Frau Meier, sie haben gekotzt?" Herr Heinevetter grinste wie ein Schuljunge. Grete sah ihn strafend an, während sie ihm eine Tasse Tee eingoss. "Na und? Kommt in den besten Familien vor. Aber das wollte ich ihnen ja auch gar nicht erzählen."
Herr Heinevetter griff nach einem von Gretes selbstgebackenen Zimtsternen. "Was kommt denn noch? Hmmm ... lecker! Hat der Chef auch die Schüssel geküsst?"
"Soweit kommts noch!" Die Grete lachte. "Nee, nicht der Chef. Die Susi! Na, klickts bei ihnen?" Erwartungvoll beugte sich die Grete zu ihm herüber. Allerdings blickte ihr nur absolutes Nichtverstehen entgegen aus Herrn Heinevetters Gesicht. 
"Susi? Kotzen?", versuchte sie es noch einmal. 
Herr Heinevetter schüttelte den Kopf. "Was issen daran jetzt so merkwürdig. Die war doch auch mit auf dem Weihnachtsmarkt. Und die jungen Leute trinken doch auch ganz gerne mal einen über den Durst. Ist doch nix Neues. Also, ich könnte ihn da Geschichten erzählen ..."
Die Grete unterbrach ihn. "Genau das isses doch. Die Susi hat nichts getrunken. Also etwas schon. Wasser und Apfelsaft. Nur eben keinen Glühwein. Hatte mich gestern abend schon etwas gewundert, aber in dem ganzen Trubel ... "
"Na, vielleicht hat se was falsches gegessen. Was man da alles so hört. Ich könnte ihnen da Geschichten erzählen ..."
Wieder unterbrach ihn die Grete. "Papperlapapp, mit dem Essen war alles in Ordnung. Ganz bestimmt." So langsam wurde die Grete ungeduldig. "Sie sind heute aber wirklich schwer von Begriff. Nochmal von vorne. Susi, Kotzen ... na klingelts jetzt endlich?"
Immer noch völlige Verständnislosigkeit bei Herrn Heinevetter. Er zuckte mit den Schultern. "Nu sagense doch schon, was mit dem armen Ding los ist?"
Vor soviel Unwissenheit musste die Grete sich erstmal ein Zigarette anstecken. Männer, dachte sie. Typisch. Genüsslich zog sie an ihrer Zigarette und blies den Rauch theatralisch in die Luft. Dann platzte es aus ihr heraus. "Schwanger isse, unsere Susi. Im August kommt das Kindchen. Na, was sagense dazu?"
Herr Heinevetter sagte erstmal für eine Weile gar nichts. Er sah die Grete nur durchdringend an. "Und das wollte sie ihnen wohl erzählen, heute morgen im Büro? Und sie habense verscheucht? Die arme Susi, schwanger, so kurz vor der Abschlussprüfung."
Grete senkte den Kopf. "Wo ich do so Kopfschmerzen hatte", versuchte sie sich zu verteidigen. Aber im Grunde wusste sie genau, dass Herr Heinvetter nicht ganz unrecht hat.
Wenn sie so darüber nachdachte, war die Susi die ganze letzte Woche über außergewöhnlich still gewesen. Doch in der Firma geht es vor Weihnachten meist drunter und drüber und die Grete hatte überhaupt keine Zeit gehabt, sich Gedanken darüber zu machen.
"Ein glücklicher Zeitpunkt ist es ja nun wirklich nicht. Die Susi hat auch ganz schön geweint, als sie es mir dann erzählt hat. Ihr größtes Problem war allerdings der Simon, dem hatte sie nämlich noch nichts gesagt. Weil sie Angst hatte, wie er reagieren würde. Schließlich ist er ja auch noch nicht mit der Ausbildung fertig. Mädchen habe ich gesgat, Mädchen, nix wird so heiß gegessen wie Muttern es gekocht hat. Und zu so nem Baby gehören immer zwei. Also eben auch der Simon. Und jetzt trockneste dir die Tränen und dann gehste zum Simon und sagst ihm, dass er bald Windeln wechseln darf. Du wirst sehn, hab ich gesagt, der freut sich nen Loch innen Bauch. Und alles andere, das regeln wir in Ruhe nach den Feiertagen. Den Chef überlass mal mir. Jawoll, das habe ich der Susi gesagt."
"Und?" Vor lauter Aufregung zerkrümelte Herr Heinevetter eines von Gretes kostbaren Zimtsternen. Großzügig sah Grete darüber hinweg. "Und ... und ...natürlich hat sich der Simon gefreut. Ein Honigkuchenpferd war gar nichts dagegen. Und das mit dem Chef ... na, das kann warten bis nächstes Jahr. Schließlich kommt son Baby ja auch nicht über Nacht. Und von gestern is der Chef ja nun auch nicht!"






  



Kommentare:

  1. Wie schön ist das denn? Ein Baby, das gefällt mir aber gut. Glühweinkater lach... Ich mag diesen Glühwein gar nicht.
    Ich freue mich für Simon und Susi - die Grete wird den Beiden helfen, da bin ich sicher.
    LG Geli

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  2. Hui...Glühweinkater...ja, man wird nicht jünger ;) (äh...ich halte mich dann auch besser mal etwas ruhiger zurück... )
    Glückwunsch an Susi und Simon. Bezüglich meiner Masterarbeit kommt mir da aber eh grade nur ein thema in den Sinn: Vereinbarkeit von Familie und Beruf. - Hoffe, das läuft in eurer Firma einigermaßen. ;)

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  3. Kinners aber auch! Das die immer kommen müssen, wenn es gerade so gaaar nicht passt. Wie gut, dass sich der Simon gefreut hat - dann wird bestimmt alles gut! LG Martina

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  4. Ach ja, so fix ist manches Kind entstanden ;-)

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Da freut sich die Grete aber, dass du was zu sagen hast ...