Dienstag, 14. April 2015

Das Fräulein Grete Meier und der Butt

Das Fräulein Grete Meier und der Butt

Die obligatorische Feierabendzigarette auf dem Balkon, in Gesellschaft mit Herrn Heinevetter, war geraucht, die Küche aufgeräumt und die Tageszeitung gelesen. Das Fräulein Grete Meier saß auf der Couch, vor sich ein Glas Bier, ein Schüsselchen mit Nüssen und ein Stapel mit Büchern. Bier trinkt die Grete zwar selten, aber irgendwie schien ihr das heute passend. Passend zu Günther Grass. Besser gesagt, zu seinen Büchern. Seinem literarischen Erbe. 
"Die Blechtrommel" wog schwer in Gretes Hand. Planlos blätterte sie darin herum. Hin und wieder blieb ihr Blick an einem Satzfetzen hängen. "Die Blechtrommel" war das erste Buch gewesen, welches sie von Grass gelesen hatte. Lange, bevor der Film herausgekommen war. Und ganz sicher lange, bevor sie alles richtig verstehen konnte. Grete versuchte sich zu erinnern. "Muss auf jeden Fall vor meinem 15. Gburtstag gewesen sein", sagte sie laut in die Stille des Wohnzimmers. Damals hatte sie einfach alles gelesen, was ihr unter die Finger kam. Schwer war das nicht, da Gretes Mutter Buchhändlerin gewesen war und es dementsprechend ständig Nachschub an Lesematerial gegeben hatte. Die "guten" Bücher hatten immer im Regal gestanden. Wohlbehütet von der Mama. Trivialliteratur war nach dem Lesen meist in den Keller gewandert. Grete schmunzelte. Wenn sie an ihre Mutter dachte, dann immer in Verbindung mit Büchern. Da hatte es diesen einen bestimmten Sessel gegeben. Ihren Sessel. Niemand sonst hatte darin sitzen dürfen. Nur sie, mit Buch. Und auch wenn nebenbei der Fernseher lief, stets hatte sie den Büchern den Vorrang gegeben. Und dennoch alles auf dem Bildschirm mitbekommen.
Grete nahm einen Schluck Tee und legte "Die Blechtrommel" wieder auf den Stapel. 
Sie mochte Günther Grass. Seine besondere Art zu schreiben, den Menschen Grass, der immer, wieder Zeit seines Lebens, polarisierte und für den ein oder anderen Skandal gesorgt hatte. Irgendwie war es ja damals in gewesen, Grass und Thomas Mann zu lesen. "Der Zauberberg" ... auch so eine schöne Erinnerung.
Grete griff sich das nächste Buch vom Tisch und musste sofort grinsen, als sie den Titel las. "Manntje, Manntje, Timpe Te, Buttje, Buttje in der See, myne Fru de Ilsebill, will nich so, as ik wol will", murmelte sie vor sich hin. Natürlich hat das Märchen "Vom Fischer und seiner Frau" nichts mit Günther Grass Roman "Der Butt" zu tun. Dennoch, unweigerlich fallen der Grete diese Zeilen ein, wenn sie den Titel liest.
Mit diesem Werk von Günther Grass sind allerdings keine guten Erinnerungen verbunden. Schon so manches Mal hatte die Grete es deshalb dem Altpapier zuführen wollen. Es dann doch nie über das Herz gebracht.
Grete schlug es auf. Irgendwo in der Mitte. Und begann zu lesen. Einen Satz. Der ziemlich oben auf der Seite anfing und erst auf der nächsten Seite mittig endete. Und genau das war es gewesen, woran die Grete an diesem Buch gescheitert war. Nicht nur einmal. Das erste Mal hatte sie es auf ihr Alter geschoben. Eine 15-Jährige musste schließlich nicht alles verstehen. Immerhin, sie hatte es damals versucht. So für 100 Seiten. Jahre später der zweite Versuch. Nada, nichts, ein par Seiten mehr hatte sie zwar geschafft, aber verstanden davon nichts. So blieb "Der Butt" wieder unvollendet. Und dennoch im Regal. Einen weiteren Versuch hatte sie erst kürzlich gestartet. Und wieder aufgegeben. "Der Butt" blieb außerhalb ihres Verstandes und wurde ab sofort als "Der Fisch ohne Sinn und Verstand" bezeichnet und in die hinterste Ecke des Bücherregals verbannt. Außer Sichtweite. Denn wer will schon gerne ständig an das eigene "Versagen" erinnert werden. Grete jedenfalls nicht. "So alt und weise kann ich gar nicht werden, dass mein Verstand den Sinn dieses Werkes erfassen kann!" Herr Heinevetter hatte vorhin nur gegrinst, als Grete ihm davon erzählt hatte. "Dass sie mal aufgeben, Frau Meier, nee, dass ich das noch erleben darf!"
Grete legte das Buch mit dem teils schon vergilbten Leineneinband zurück. Für eine Sekunde spielte sie mit dem Gedanken es nun, nachdem Herr Grass nicht mehr unter den Lebenden weilt, zu entsorgen. Stellte es dann aber doch sorgfältig wieder zurück ins Bücherregal. Ganz nach vorne. Sichtbar, wie auf einem Ehrenplatz. Direkt neben den "Zauberberg".





Kommentare:

  1. Bestimmt wird die grete es noch mal versuchen den Butt zu lesen, wenn sie mal weniger arbeitet. immerhin hat Günter Gras einenEhrenplatz, den hat er auch ungelesen verdient. Die Blechtrommel gab es gestern im Fernsehen. Für mich war er ein großer Schriftsteller mit Siegfried Lenz zusammen.
    grüssle, Klärchen

    AntwortenLöschen
  2. Ich gerade zufällig vorbei gekommen und fand das Fräulein Grete Meier echt sympathisch. Ich denke auch, dass sie den Butt noch einmal versucht zu lesen, zu Ehren von Günther Grass und weil er jetzt ganz vorne steht und sie jeden Tag daran erinnert wird.
    Ich komme wieder und stöbere ein bisschen bei Dir hier rum.
    LG
    Astrid

    AntwortenLöschen
  3. Irgendwann wird auch Der Butt durchgelesen, bestimmt... ich kann mich ja gar nicht von Büchern trennen zur Freude meiner Tochter, die nach und nach sich altersgerecht jene aus dem Keller holt und verschlingt. So wie ich früher. Und irgendwann wird sie in den Bücherstapeln die noch im Keller warten auch die Blechtrommel finden (die mich damals doch etwas verstört zurück lies, war wohl auch noch zu jung dafür) und Manns Zauberberg, den ich ebenfalls geliebt habe.
    Liebe Grüße,
    Kebo

    AntwortenLöschen
  4. Na klar wird das noch was mit dem Lesen - spätestens dann, wenn die Grete in Rente geht! Einen schönen und sonnigen Tag! Klappt ja: 24° - mehr kann man im April wohl nicht erwarten! LG Martina

    AntwortenLöschen

Da freut sich die Grete aber, dass du was zu sagen hast ...