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Dienstag, 6. August 2013

Von Camillo, klappernden Scheren und farblosen Augenbrauen



Von Camillo, klappernden Scheren und farblosen Augenbrauen



Einmal im Monat lässt sich das Fräulein Grete Meier die Haare schneiden. Von der Sonja. Die hat nämlich einen mobilen Frisiersalon und besucht die Grete zum Haareschneiden zuhause. Super praktisch, findet die Grete. Und so richtig gemütlich. Die Sonja ist nämlich eine wirklich liebe Person. Mit der hält die Grete gerne ein Schwätzchen, so zwischen Scherengeklapper und Kaffeetassen. Heute war es dann auch mal wieder soweit. Pünktlich um 16.00 Uhr stand Sonja in Gretes Küche. Die Grete nimmt sich den Nachmittag extra dafür frei. Überstunden hat sie immer genug. Wieder so ein Ritual würde das Lieschen wohl sagen. Aber Grete mag das. Und sie spart noch Geld dabei. Denn der Haarschnitt bei der Sonja ist günstiger als im Salon. Von Sparen versteht die Grete was. Da guckt sie sich auch öfters beim Lieschen was ab.

Mit ihren Haaren ist die Grete sehr eigen. Jeden Tag werden sie gewaschen und geföhnt. Alles muss perfekt sitzen. Jedes noch so kleine Haar, sozusagen. Ansonsten ist mit der Grete nicht gut Kirschen essen. Schminke muss nicht (außer Wimperntusche) aber die Haare, die Haare müssen gepflegt aussehen. Und deshalb wird auch regelmäßig geschnitten. Von der Sonja. Die weiß nämlich ganz genau, wie Gretes Haarschnitt sein muss. Und macht das seit Jahren wirklich gut.

Wenn Sonja dann wieder weg ist, färbt sich das Fräulein Grete Meier die Haare. Das macht sie selbst. Da darf noch nicht mal die Sonja ran. Die Grete hat viel zu viel Angst vor einem Ergebnis, dass nicht ihren Wünschen entspricht. Früher hat sie oft die Haarfarbe gewechselt. Da macht sie schon lange nicht mehr. Braun deckt am besten graue Haare ab. Nachdem die Grete das festgestellt hat, ist sie bei der Farbe geblieben. Schokoladenbraun.

Seitdem die Grete allerdings diesen Farbton für sich entdeckt hat, seitdem mäkelt die Sonja einmal im Monat an der Grete rum. "Du musst auch deine Augenbrauen dazu passend färben, die sehen ja völlig farblos. So sieht doch jeder gleich, dass du dir die Haare färbst." Denn eigentlich sind Gretes Haare blond (früher mal, jetzt eher grau) und dementsprechend auch die Brauen.

Na, beim letzten Mal hat sich die Grete dann überzeugen lassen. Und heute war es dann soweit.

Nach der Haarschneideprozedur und zwei Tassen Kaffee packte die Sonja die Augenbrauenfarbe aus. Rührte sie an und hastenichtgesehen, waren Gretes Augenbrauen damit zugekleistert. "Jetzt drei Minuten einwirken lassen."

Während die Farbe einwirkte erzählte die Sonja der Grete von ihrem Hund. Der musste nämlich operiert werden. Grete fragte nach Einzelheiten. Und Sonja ließ sich nicht lange bitten. Ach, was das arme Tier alles durchmachen musste. So richtig an die Nieren ging der Grete das. Sonja zeigte der Grete dann auch gleich noch ein paar Fotos, die sie mit ihrem Handy gemacht hat. Camillo, so heißt der Hund, vor der Operation, während der Operation und nach der Operation. Grete goss noch Kaffee nach. Camillo auf dem Balkon, Camillo im Hundekörbchen, Camillo am Flussufer. Einen wirklich schönen Hund hat die Sonja. Grete war begeistert.  Weniger begeistert war sie dann aber, als die Sonja plötzlich wie von der Tarantel gestochen aufsprang und ihr mit einem Waschlappen durch das Gesicht fuhr. "Die Farbe, wir haben die Farbe vergessen. Die darf nur drei Minuten!"

Sonja schrubbte und schrubbte an Gretes Augenbrauen bis Grete ihr den Lappen aus der Hand riss. Und noch weniger Begeisterung herrschte vor, als die Grete in den Spiegel blickte. Kohlschwarze dicke Balken oberhalb ihrer Augen lugten die Grete frech an. Als wollten sie sagen: Das haste jetzt von deiner Schwatzhaftigkeit.

Das ganze sah so komisch aus, dass die Grete augenblicklich lachen musste. Erleichtert stimmte die Sonja mit in das Lachen ein. Rettete was noch zu retten war (ein dünner feiner Bogen wurde gezupft und mit Nagellackentferner wurde die Farbe auf der Haut entfernt) und versprach der Grete hoch und heilig, nie wieder die Farblosigkeit der Brauen zu erwähnen.