Mittwoch, 8. Januar 2014

Das Fräulein Grete Meier hat auch ein Coming-out

Das Fräulein Grete Meier hat auch ein Coming-out

Mann, war das heute mittag im Büro eine hitzige Diskussion gewesen. Fast im wahrsten Sinne des Wortes. Das Fräulein Grete lachte lauthals, als sie an die Reaktion von Susi dachte, als Eido mit der Nachricht, dass Thomas Hitzlsperger schwul ist, herausplatzte. "Kam eben in den Medien. Ganz schön mutig der Kerl, das muss ich schon sagen. Öffentlich darüber zu sprechen, als ehemaliger Fußballnationalspieler!" 
"Der ist schwul?" Susis entsetzter Gesichtsausdruck sprach Bände. "Nee, das kann ich nicht glauben. Ich fand den immer total interessant und klasse. Nee, ach wirklich, Eido, sag dass das ein Scherz ist, wo ich den doch früher immer angehimmelt habe!" Eido konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. "Kannste doch jetzt immer noch, mein Susilein." 
"Susilein, Susilein, ich bin nicht dein Susilein. Und was den Hitzlsperger angeht. Lass man stecken. Aus und vorbei! Schlimm genug, dass ich für einen Schwulen geschwärmt habe. Damit muss ich jetzt erstmal fertig werden." Dabei schüttelte sie mit dem Kopf. 
Ein bisschen erstaunt war die Grete schon über Susis Ausbruch. Aber naja, dachte sie, ist ein junges Ding, was weiß die denn schon. Trotzdem warf sie Susi einen mahnenden Blick zu. Was Susi nicht entging ( ist bei Gretes Blicken auch nicht möglich ). Knallrot im Gesicht kramte sie verlegen in ihrer Tasche. Mittlerweile waren Eido, Frau Seelig und der Chef mitten in einer Debatte über das Für und Wider eines solchen Outings, wenn man wie der Hitzlsperger Profisportler ist. In einer Sportart, die immer noch von Männern dominiert wird. "Ist doch schon komisch", warf Heidi Seelig ein. "Im Frauenfußball stört es wahrscheinlich niemanden, wenn das ein oder andere Mädel eventuell lesbisch ist. Die duschen auch zusammen!"
Ob es hier wohl nur um gemeinsames duschen geht, sei wohl mal dahingestellt, dachte die Grete. Da spielen ganz sicher andere Gründe eine weitaus größere Rolle. Imageverlust. Nicht von Hitzlsberger, aber vom Fußball im Allgemeinen. Männersport eben, von Männern für Männer. Deutlicher, von richtigen Männern für richtige Männer. Der Chef sprach dann auch aus, was in die Richtung von Gretes Gedanken ging. Den Imageverlust betreffend. "Also, ich hab wirklich nichts gegen Schwule. Aber, wüsste ich es von einem Spieler, ich glaube ich würde statt einem Mann, der versucht ein Tor zu schießen,  nur ein tänzeldes Etwas in einem rosa Tütü sehen. Fußball ist was für Kerle und nichts für Tunten." 
Grete bekam mal wieder Kopfkino, schmunzelte, rief sich aber selber sofort zur Ordnung. "Ehrlich Chef, das ist sowas von blöde, was sie da von sich geben. Da haben wir doch schon den Grund, warum betroffene Sportler schweigen. Vorurteile, nix als falsche Vorstellungen. Als ob jeder Schwule im rosa Tütü rumläuft. Quatsch mit Soße, aber ganz gewaltig." Nach Gretes Ausbruch kannte plötzlich jeder einen der schwul ist. Und in der Tat, niemand von denen rannte geschminkt, in Frauenkleidern, Lederklamotten oder im rosa Tütü herum, geschweige denn, dass derjenige komisch redete. Was immer man halt auch als komisch bezeichnen mag. "Aber irgendwoher müssen doch all die Vorurteile kommen", wagte sich Susi noch einmal vor. 
"Klar gibt es auch Ausnahmen. Und weil die eben dann besonders hervorstechen, wird das sogleich auf alle gemünzt", antwortete ihr die Grete. "Und die Medien", führte Eido Gretes Ausführungen weiter, "die Medien unterstützen das alles noch. In vielen Filmen werden Schwule genau so dargestellt. Da werden Vorurteile doch erst recht geschürt. Überleg doch mal, deine Freundin ist doch aus Russland. Ist sie deswegen eine Prostituierte? Oder ihr Vater, den du ja auch gut kennst, ein eiskalter Killer? In fast jedem Film, werden Russen aber so dargestellt. Ein Terrorist im Film? Klar, logisch, muss natürlich ein Moslem sein. Vorurteile, nix als Vorurteile, wohin man auch schaut." 

Recht hat er, der Eido, dachte die Grete, während sie ihren verdienten Feierabendkaffee in ihrer Küche trank. Und der Hitzlsperger? Hätte er recht damit getan, wenn er sich früher goutet hätte? Hätte das seinem Seelenfrieden wirklich was genützt? Muss man sich überhaupt outen? Blödes Wort, wer das nur erfunden hat! Aber, scheint wohl IN zu sein, so ein Coming-out. Zumindest was Stars und die Presse angeht. Obwohl ... der Hitzlsperger hat das bestimmt nicht wegen der Presse gemacht. Wurde ja auch wirklich mal Zeit, dieses Tabuthema im Sport zu brechen. Grete setzte ihre Tasse ab. Schon wieder so ein blödsinniges Wort. Tabuthema. Wer entscheidet denn, ob und was tabu ist. Nee, Grete, Schluss damit, Sonst kommste aus dem Gedankenquark nicht mehr raus. Räum lieber den Tisch ab.

Das machte die Grete dann auch. Ich oute mich jetzt auch, dachte sie dabei. Als "denSpülbisMorgenStehenlasserin". Auf dem Weg zum Balkon hörte sie auf einmal aus der Wohnung über ihr ein Geräusch. Klack, klack, klackklack, klack ... klackerdiklack. Grete blieb stehen und horchte. Da, da war es schon wieder. Klack, klack, klackklack ... das wird doch wohl nicht ... Gretes Herz machte einen Sprung. Schwungvoll riss sie die Balkontür auf.  "Hamse schon gehört, Frau Meier ..."




Kommentare:

  1. coming out - so oft hört man davon. Mir war es immer egal ob Mann und Mann oder Mann und Frau oder Frau und Frau, das ist so unwichtig, egal ob es sich um den heiligen Fußball oder einen Kochclub handelt. Es gibt so schlimme Dinge auf der Welt... Die Menschen sollen ihre Liebe ausleben können ohne Angst um den Arbeitsplatz oder ihr Image.

    Wieder einmal freue ich mich, dass die Grete was zu sagen hat, sie ist mir inzwischen richtig vertraut geworden LG Geli

    AntwortenLöschen
  2. Hallo liebe Geli .. an dem Thema konnte eben auch die Grete nicht einfach vorbeigehen. Es ist schon erstaunlich, was manche verheimlichen müssen, nur um einem "Ideal" zu entsprechen. Weil unsere komische Welt es so haben will. Das betrifft ja nicht nur sexuelle Vorlieben. Danke dir ..
    Gruß vonner Grete

    AntwortenLöschen
  3. Die Grete,
    Hallo!, wie schön, nochmal von Dir zu hören, also zu lesen! Ich hoffe es geht Dir gut. DenSpülstehenlasserin bin ich auch, außer meine Mutter ist zu Besuch, denn bei Ihr sieht die Küche selbst nach einem Essen für 10 Personen nach zwanzig Minuten wieder aus wie geleckt :-)
    Mach`s gut und bis bald wieder!

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Mir geht es gut. Das neue Jahr fing mit etwas beruflichem Stress an...deswegen auch die kleine Pause ...aber jetzt geht es weiter ..hier bei der Grete.
      Gruß vonner Grete

      Löschen
  4. Hallo Grete,
    ja, an diesem Thema kommt man und frau nicht vorbei!
    Schöne Diskussion, die sich da im Büro ergeben hat. Und sehr gut, dass die Grete dem Chef mal die Meinung gesagt hat!

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Das musste in dem Fall wohl sein.. Chef hin, Chef her.
      Danke dir.
      Gruß vonner Grete

      Löschen
  5. Das ist schon schwierig mit den Vorurteilen.
    Eine sehr interessante Diskussion, die sich da im Büro ergeben hat. Gretes Gedanken kann ich gut nachvollziehen.

    Die Sache mit der Homosexualität und dem Fußball wird natürlich von den Medien verschärft. Durch diverse Outings wird gerade hier ein „Ideal“ zerstört. Da bauen sich dann jene Bilder auf, die Grete zitiert aus dem Munde ihres Chefs. Ja, es sind schon merkwürdige Worte, die da kursieren. „Outen“ kann man sich wegen diversen Dingen. Grete als „denSpülbisMorgenStehenlasserin“ finde ich witzig.

    Im Grunde möchte jeder frei sein von Vorurteilen, doch keiner ist es.
    Der Mensch ist angewiesen auf schnelle Entscheidungen. Wir vertrauen hier auf das Bekannte, Fremdes macht Furcht. Das ist angelegt und eigentlich sinnvoll. So sind Vorurteile verankert in uns und in der Gesellschaft. Man ordnet seine Welt, mehr oder weniger stark.
    Häufig mangelt es an Detailwissen, man hat ein stereotypes Bild, in eine Schublade gepackt. Zudem wertet man sich - oder eine Gruppe - auf, indem man andere mit Vorurteilen belegt.

    Durchbrechen lässt sich dies nur, wenn wir offen sind, bereit unsere „Schubladen“ zu erweitern, anstatt Distanz aufzubauen. Kontakt, Wissen, Erfahrung lassen Vorurteilen weniger Chancen sich zu manifestieren.

    Auch wenn viele behaupten, frei von Vorurteilen zu sein – bei einer solchen Männerdomäne wie Fußball sind Statussymbole und die Angst vor Imageverlust wohl stärker.

    Ein Beitrag zum Nachdenken, aber wieder wunderbar locker dargebracht.

    Lieben Abendgruß
    Enya

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Hallo liebe Enya ..schön, dass du wieder zurück bist.
      "Im Grunde möchte jeder frei sein von Vorurteilen, doch keiner ist es."
      Ein wahrer Satz. Ich bemühe mich zwar immer, aber manchmal sind diese Bemühungen in der Tat nicht von Erfolg gekrönt. Wichtig finde ich, dass man so ehrlich ist, sich einzugestehen, wenn man sich "getäuscht" hat.
      Gruß vonner Grete

      Löschen
  6. da geb ich aber sowohl dem Gretchen als auch enya mehr als recht!....
    Vorurteile an sich...sind gelinde gesagt..Megasch...Pünktchen,Pünktchen...
    sollte man nicht haben, hat aber fast ein jeder!...auch wenn er sich lauthals ( die kommen ja aus dem hals gepurzelt) dagegen ausspricht und wehrt, behauptet er hätte keine...so ein Stuß aber auch, denn in jedem Moment kommt das nächste aus seinem Hals rausgepurzelt. und oft merkt man es nicht mal.
    Vorgefasste meinungen - gehören auch dazu
    eigene Erfahrungswerte mit ins leben der anderen mit reinwerfen und dann
    be und aburteilen, genauso ein beliebtes Ding das in die gleiche Schublade passt...seufz....nuix zu machen sagt Angel, da hält sie sich raus und dreht sich um...die lässt die anderen machen,. so wie sie sind...( hoffentlich, - lacht, - denn manchmal gelingt ja nicht immer...
    superguter beitrag vonner Grete....findet die Angel...

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Vielen Dank für deine Meinung zum Thema, liebe angelface. Eigene Erfahrungswerte ..das ist ein heikles Thema. Besonders, wenn man jemandem vor bitteren Erfahrungen bewahren möchte (Beziehung Eltern-Kinder z.B. )
      Gruß vonner Grete

      Löschen

Da freut sich die Grete aber, dass du was zu sagen hast ...