Sonntag, 6. Oktober 2013

Das Fräulein Grete Meier versteht die Welt nicht mehr



Das Fräulein Grete Meier versteht die Welt nicht mehr



Der Besuch bei Tante Heidi und Onkel Günther verlief für die Grete wesentlich ruhiger als letzte Woche. Keine ständige Lauferei und kein Genöhle von Onkel Günther. Grete vermutete, dass dafür wohl Tante Heidi mit einer Standpauke gesorgt hat. Verstehen kann sie den Onkel ja. Ist eben nicht so einfach für aktive Menschen wie ihn, so ganz plötzlich zur Untätigkeit verurteilt zu sein. Die Verbrühungen an Tante Heidis Arm sind einigermaßen abgeheilt und sie kann jetzt wieder selber kochen. Auch das mag zur Steigerung von Onkel Günthers Laune beigetragen haben. Ist ja schön, dass die Nachbarin jeden Tag gekocht hat, aber Tante Heidis Essen schmeckt ihm einfach besser. "Da kommt keiner ran, meine Heidi hat es drauf. Alleine die Kartoffeln. Immer richtig gesalzen."

So konnte die Grete schon am späten Samstagabend wieder nach Hause fahren und den Sonntagmorgen so richtig genießen. Früh ist sie aus den Federn, die Wohnung wurde ausnahmsweise im Schnelldurchgang geputzt. Mit Kaffee und einem opulenten Frühstück machte die Grete es sich in ihrer Küche bequem. Letzte Woche war sie kaum dazu gekommen, Zeitung zu lesen. Das holte sie jetzt nach. Neben all den Tagesmeldungen und diversen "Werwilldasschonwissenartikeln" beschäftige sie eine Sache dann doch sehr nachhaltig. Nicht nur, weil es so schrecklich ist, sondern auch, weil die Grete es einfach nicht verstand. Es wollte nicht in ihren Kopf hinein. Nicht ein bisschen.

Da fliehen Menschen vor einem politischen System, welches untragbar ist für sie, vor Hunger und aus Angst vor dem Tod und müssen 500 Meter vor der rettenden Freiheit den grausamen Tod des Ertrinkens sterben. Und warum? Weil skrupellose Schlepperbanden am Elend dieser Menschen verdienen wollen. Grete erinnerte das alles an das Hörspiel "Das Schiff Esperanza" von Fred von Hoerschelmann. Pflichtlektüre damals in der Schule.  Genauso schlimm findet die Grete, dass  die Einwanderungsgesetze in manchen Länder so verschärft sind, dass Hilfe erst viel zu spät kommt. Als die Grete dann noch lesen musste, dass die Überlebenden mit einer Anklage und einer hohen Geldstrafe rechnen müssen, kochte sie vor lauter Fremdschämerei. Da half auch nicht, dass in manchen Zeitungen stand, dass die Gesetze jetzt, nach diesem Unglück, überarbeitet werden.  Grete war sauer. Immer muss erst was Schlimmes passieren, bevor jemand reagiert. Und solch ein Unglück hat es ja vor Lampedusa nicht erst einmal gegeben.  

Sie brauchte eine Zigarette und jemandem mit dem sie darüber reden konnte. Aber Herr Heinevetter war nicht auf dem Balkon. Zu Frau Korters wollte sie so früh nicht hoch, die schläft nämlich immer bis Elf. Sonntags musste diese nämlich keine Zeitung austragen und nutzte das dann auch aus. Bei den Hebers klingelte sie selten. So eine junge Familie braucht doch Zeit für sich. Also schnappte sich die Grete ihre Jacke und ging ein wenig spazieren. Um nachzudenken.

Kein Mensch war auf der Straße unterwegs und alles um sie herum sah vollkommen friedlich aus. Einzig ein paar Spatzen zankten sich um ein Stück weggeworfenes Brot. Wie trügerisch das doch alles ist, dachte die Grete. Wir leben hier im Überfluss in einem Land ohne Hunger und Not. Hier gibt es keine Sklaverei und die Regierung ist doch im Grunde auch ok. Immerhin dürfen wie sie wählen. Der Staat schützt uns vor Verbrechen, soweit es möglich ist, ich kann in die Kirche gehen oder auch nicht, und niemand muss mit Repressalien rechnen wenn er mal anderer Meinung ist. Wir haben Zeit, um uns über den Bohlen aufzuregen und können die Presse vollstopfen mit allen möglichen Meldungen, die keine Sau interessiert, aber dennoch gerne gelesen werden. Und auf der anderen Seite der Welt?

Warum nur ist das dort nicht möglich? Liegt es wirklich  nur an der anderen Kultur? Grete weiß genau, dass es auch in Deutschland mal ganz anders war. Da mussten Millionen ihr Leben lassen, viele flüchten. Vor einem unmenschlichen System.  Aber es wurde was verändert. Zum Vorteil. Warum geht das nicht auch in anderen Ländern? Brauchen die Menschen etwa Katastrophen, Elend und Krieg um so eine Veränderung herbeizuführen?

Grete drehte sich immer mehr im Kreis und fand für sich einfach keine Antwort. "Welt, ich lebe in dir. Und das ganz gut, aber verstehen, nein, verstehen kann ich dich einfach nicht!" Sie betrachtete noch einmal den Kampf der Spatzen um das Stück Brot. "Euch kann ich auch nicht verstehen. Warum muss es dieses Stück Brot sein? Seht ihr nicht, dass keine zwei Meter weiter noch mehr Stücke liegen?"

Grete musste wohl laut gesprochen haben, denn die Spatzen stoben auseinander. "Geht doch", dachte die Grete. "Geht doch. Man muss nur mal den Mund aufmachen!"

Schalt sich aber zwei Minuten später selber. "Als wenn das so einfach ist!"




Lieschens Meinung dazu könnt ihr spätestens morgen hier lesen ---> KLICK 
Das E-Book zu den Blogs - Doppelt gebloggt hält besser - KOSTENLOS HIER

Kommentare:

  1. Die Welt verstehen ist sicherlich kaum möglich, man kann sie akzeptieren. Uns geht es wirklich gut, aber es ist so wie mit Anschaffungen, man genießt sie ein paar Tage, dann wird es Gewohnheit. Deswegen kaufe ich mir wenig, ich mag Gewohnheit nicht. Ich hätte nie gedacht, dass das Schiff Esperanza überhaupt bekannt ist. Ich habe es in guter Erinnerung und auch die Bilder der letzten Tage. Wie viel Leid kann ein Mensch ertragen? Vielleicht müssen wir alle mehr Mitleid haben und uns nicht immer selbstgefällig auf die Schulter klopfen. LG Geli

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Bleibt in ewiger Erinnerung. Ebenso wie "Die Judenbuche" von Annette von Droste-Hülshoff. Gelbe Reclamhefte ... ich mochte Deutschunterricht immer gerne. War Pflichtlektüre. Heut wohl nicht mehr
      Gruß vonner Grete

      Löschen
  2. http://de.wikipedia.org/wiki/Die_schwarze_Spinne_%28Novelle%29
    Hat mich auch damals wie heute sehr beeindruckt.

    AntwortenLöschen
  3. Frl. Grete,
    wie sollen wir die Welt vertehen? Wir verstehen uns ja kaum. Ja früher, da wurden diese Dinge in der Schule noch gelehrt. Da wurden Gedichte gelernt und alles hatte noch einen etwas anderen Wert. Ich kann auch schon bald nicht mehr hinhören. Es ist doch schlimm, dass auf dem Meeresboden noch viele zig Tote liegen. Dass die Fischer, die zur Hilfe eilen wollten, mit Repressalien zu kämpfen haben. In was für einer Welt leben wir? Ich habe gerade vor ein paar Tagen "Das Totenschiff" von Traven wieder einmal gelesen. Das Los des Seemanns läßt mich auch nicht mehr los und passt gut zu unseren Überlegungen.
    Der Vergleich mit den streitenden Spatzen ist sehr gut.
    Einen schönen Abend wünscht dir
    Irmi

    AntwortenLöschen
  4. Ja liebe Grete, da kann man die Welt nicht mehr verstehen. Täglich in den Nachrichten spielen sich irgendwo auf unserer Erde Dramen ab, kommen Menschen zu Tode, ich mag schon gar keine Nachrichten mehr hören.

    Liebe Abendgrüße
    Angelika

    AntwortenLöschen
  5. Oft hat man wirklich den Eindruck, dass Menschen so dumm sind wie Spatzen - oder dümmer noch...
    Liebe Grüße
    Christiane

    AntwortenLöschen
  6. Hallo Grete,
    den Vergleich mit dem Dritten Reich bzw. dem umgekehrten Fall fand ich treffend, dass deutsche Auswanderer Zuflucht in anderen Staaten bekommen haben. Im Fall Lampedusa kriegen wir das allerdings nicht auseinanderdividiert, welche Flüchtlinge von neuen Hitlers verfolgt werden und welche Flüchtlinge nicht direkt in ihrem Herkunftsland mit ihrem Leben bedroht sind. Syrien sollte eindeutig sein, dass wir Flüchtlinge aufzunehmen haben. Aber Ghana, Elfenbeinküste, Marokko ... ? Lieschen Müller hatte ich eben kommentiert, dass unser Staat irgendwann handlungsunfähig wird, wenn wir alles, was auf der Flucht ist, in unser Land hereinlassen.

    Gruß Dieter

    AntwortenLöschen
  7. Die Welt verstehen? Geht das überhaupt?
    Die Menschen verstehen oder besser den Menschen mit all seinen Unzulänglichkeiten, mit der ihm oft innewohnenden Dominanz, teilweise Arroganz – wie oft habe ich mich gefragt, warum nicht Gerechtigkeit und Frieden herrschen kann.
    Grete fragt sich das auch und bestimmt so viele andere Menschen und dennoch ist es nicht möglich.
    Braucht es Elend, Unterdrückung, Krieg, damit Gerechtigkeit und Frieden möglich werden?
    Egal welche Gründe man im Einzelnen anführt, letztlich sind es immer Geld- und Machtstreben von Privilegierten, darauf läuft es hinaus. Kulturelle Unterschiede spielen sicher eine Rolle, aber auch da werden oft Gründe (wie religiöse) vorgeschoben.
    Lampedusa, das ist schlimm.
    Sehr schlimm. Vorschriften, restriktive Gesetze und verkrustete Verwaltungsvorschriften werden über die Menschlichkeit gestellt. Die Schlepper verdienen sich eine goldene Nase.
    Jetzt wird diskutiert. Warum erst nachdem ein solches Unglück passiert ist? Grete fragt sich das zu Recht.
    Uns geht es wahrlich gut hier. Wir sehen all das Elend durch die Medien, nichts ist mehr fern. Dennoch – vielleicht stumpft man ab, ist kurz erschrocken angesichts solcher Meldungen und dann schiebt man es wieder weg. Das nächste Elend wartet schon...
    Oft fängt es schon im Kleinen an. Auch wenn es uns gut geht – Streben nach Anerkennung, neid, unmittelbar erwartete Bedürfniserfüllung, Konsumdenken – all das beherrscht unsere Gesellschaft.
    Die Frage ist jedoch: Was ist jeder Einzelne bereit zu geben, beizutragen.
    Mitleiden allein....das wird leider nicht helfen.
    Ich weiß, es gibt sie, die Silberstreifen am Horizont, es gibt Menschen, die sich wirklich bemühen. Das aber Schlimme ist: Scheint man Lösungsansätze für ein Problem gefunden zu haben, tut sich irgendwo in der Welt das nächste auf.
    „Das Schiff Esperanza“ – auch ich habe es in der Schule behandelt. Heute scheint es meist als „Pflichtlektüre“ aus den Lehrplänen verschwunden, dabei bietet es doch hervorragende Ansätze für aktuelle Problematik.

    Man fühlt sich ganz klein, dazu mit Wut und Ohnmachtsgefühlen belastet angesichts dessen, was Grete hier schildert, was sie selber spürt.
    Sehr nachdenkenswert und auch betrüblich, was Grete hier darstellt durch ihre ureigenen Überlegungen.

    Lieben Gruß
    Enya

    AntwortenLöschen

Da freut sich die Grete aber, dass du was zu sagen hast ...