Sonntag, 17. November 2013

Das Fräulein Grete Meier hat keine Lust für nix

 Das Fräulein Grete Meier hat keine Lust für nix

Kopfschmerzen hatte das Fräulein Grete Meier heute. Den ganzen Tag. Zwar nur leichte, aber dafür diese fiesen, die jedwede Gedanken in Watte packen. Der Kaffee schmeckte morgens nicht und auch nicht die Zigarette auf dem Balkon. Alles nervte heute irgendwie. Das bekam auch der Herr Heinevetter zu spüren. So wortkarg hatte er die Grete schon lange nicht mehr erlebt. "Liegt wohl am Wetter", dachte er und zuckte mit den Schultern, als die Grete ihre Zigarette schon nach der Hälfte ausdrückte und wieder in ihrem Wohnzimmer verschwand. Kalt war es und zudem hing ein gruselig grauer Himmel tief über der Stadt.

Grete aß lustlos einen Joghurt im Stehen in der Küche. Das sonntägliche Kreuzworträstel lag ungelöst auf dem Tisch. Als das Telefon klingelte, nahm die Grete den Hörer nicht ab. Sie hatte einfach keinen Gesprächsbedarf. Stattdessen öffnete sie einen der Küchenschränke und begann ihre Teesorten von rechts nach links zu sortieren. Ohne Sinn und Verstand. Was sich da alles angesammelt hatte! Grete staunte nicht schlecht. Und was die teilweise für hochtrabende Namen haben. Gute Nacht, Wohlfühltee, Glücksmomente, Magie des Lebens, Gemischte Versuchung und noch so vieles mehr. Alles in bunten, passenden Verpackungen. Daneben nahmen sich die kleinen Tüten mit dem Lieschentee recht unscheinbar aus. Riechen auch nicht so gut, stellte die Grete fest. Helfen aber. Kurzerhand schnappte sie die Grete eine Mülltüte und entsorgte bis auf einen Magentee all die bunten Schächtelchen. "Ich muss bekloppt gewesen sein, all das Zeug zu kaufen", dachte sie. Sie wusch den Schrank aus und ordnete den restlichen Tee wieder ein. Sie warf einen Blick auf die Küchenuhr. Erst kurz vor zehn. Die Grete seufzte. Wieder öffnete sie den Kühlschrank. Ein Stück Salami fand den Weg in ihren Mund. "Nu is aber gut, Grete. Du kannst doch nicht den ganzen Tag essen!" 
Das neue Bildbearbeitungsprogramm fiel ihr ein. Sie schaltete den Computer ein und installierte das Programm. Ziemlich kompliziert erschien ihr das schon nach wenigen Minuten. Sie probierte ein paar Funktionen aus, hatte dann aber auch dazu keine Lust mehr. Sie konnte sich einfach nicht konzentrieren. Also ab auf die Couch, mit einem Buch. "Eine Handvoll Worte" von Jojo Moyes. Hatte ihr letzte Woche die nette Buchhändlerin aus der Bahnhofsbuchhandlung empfohlen. Schon nach ein paar Seiten wusste die Gete: Da komm ich nicht rein. Also in die Geschichte. Nicht heute. Sie klappte das Buch zu und döste. Aber auch das - stinkelangweilig. Wie alles heute. Vielleicht läuft ja was im Fernsehen. Grete klickte sich durch die Sender. Alles öde. Wieder musste der Computer herhalten. Gut das es Maxdome gibt. Dort findet die Grete meistens etwas was sie interessiert. Seicht musste es aber sein. Zumindest heute. Julia Leischik - Bitte melde dich. Grete machte es sich mit einer Decke in ihrem Schreibtischsessel bequem und schniefte sich durch neun Folgen. Sowas berührt sie immer sehr. In gleich zwei Sendungen ging es um Zwangsadoptionen in der ehemaligen DDR. Eine schlimme Sache, findet die Grete und heulte mit Müttern und Kindern, die sich teilweise nach mehr als 40 Jahren wieder in den Armen lagen, um die Wette.

Frau Korters dachte es wäre wer weiß was passiert, als die Grete mit dicken rotgeweinten die Türe öffnete. Wohlgemerkt erst nachdem sie mehrmals geklingelt und geklopft hatte. Grete klärte sie aber schnell auf und Frau Korters beruhigte sich wieder. "Ich wollte sie nur fragen, ob sie mit mir ein Ründchen spazieren gehen.  Es regnet nämlich nicht mehr und alleine ist immer so langweilig!" 
War es das, dachte die Grete später, nachdem sie von einem Spaziergang mit Frau Korters zurückgekehrt war und kopfschmerzfrei in ihrer Küche saß, das Alleinsein? Ruft das diese Lustlosigkeit und Langeweile hervor? Oder liegt es tatsächlich am Wetter. An der Tristesse des Novembers. 

Was Lieschen davon hält könnt ihr hier nachlesen ---> KLICK
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Kommentare:

  1. Es gibt diese Tage, an denen man mit Kopfweh aufwacht und nichts gelingen will. Man steht sich selber im Wege und alles was man anfängt lässt sich nicht beenden. Meist ist es schnell wieder vorbei und wenn der Spaziergang mit Frau Korters die Stimmung aufhält und den Kopfschmerz vertreibt, dann ist das sehr gut. Ich hatte gestern Kopfweh, erst meine Wanderung hat Abhilfe geschaffen..... Lieben Gruß Geli

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  2. Novemberblues und Menlancholie liebe Grete, geht vorbei, frische Lust und Bewegung hilft.

    Schönen Abend und liebe Grüße
    Angelika

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  3. Hallo Grete,
    klasse erzählt und ich bin hingerissen. Mir gefallen solche Geschichten, in denen entweder total banales oder gar nichts geschieht. So etwas spannend zu erzählen, dass ich Zeile für Zeile lese, ohne dass etwas großartiges geschieht, halte ich für eine hohe Kunst. Ich habe viel von Georges Simenon gelesen (Non-Maigrets), der in diesem Stil meisterhaft ist. In Bezug auf Deinen Stil muss ich mit meinem Stil noch einiges üben (wobei ich aber auch diverse Sachtexte dabei habe ... ).

    Gruß Dieter

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  4. Liebe Grete,
    diese Tage gibt es immer wieder. Ich habe heute auch geheult und das zu einem Anlass,
    der so banal war, dass ich mich im nachhinein gewudnert habe. aebr die Tränen wollten raus.
    Ich habe mir den evangelischen Gottsdienst im Fernsehen angeschaut, was ich ziemlich selten mache. Heute kam er aus der Petri- und Pauli-Kirche in Eisleben. Die Predigt hielt
    Frau Prof. Dr. Käßmann. Und ich saß da und heulte Rotz und Wasser. eine halbe Stunde lang. Warum? Ich weiss es nicht. Danach war mir aber etwas besser. Aber war mir vorher denn schlecht? Ich weiß es auch nicht.
    Einen guten Start in die neue Woche wünscht dir
    Irmi

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  5. Schon blöd, wenn man nix anzufangen weiß. Manchmal ist Gesellschaft dann genau das Richtige - und frische Luft sowieso. Muss man sich nur erstmal aufraffen...
    Liebe Grüße
    Christiane

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  6. Einer dieser typischen "Du-hast-doch-was"-"Ach-lass-mich!-Ich-hab-nichts"-"Jetzt-sag-schon-was-ist"-"JETZT-LASS-MICH!!"-Tage :-)

    Liebe Grüße
    Isis

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  7. Ob solche Stimmungen am Alleinsein, am Wetter, an der immer größer werdenden Dunkelheit in dieser Jahreszeit liegen, wer weiß das schon?
    Erforscht hat man ja den Zusammenhang mit Lichtmangel und vielleicht kommen solche „Tiefstimmungs- und Lustlosigkeitstage“ im Herbst öfter vor.
    Ich denke aber, es gibt sie das ganze Jahr über, wir nehmen sie nur in dieser düsteren Jahreszeit intensiver wahr und so blöd das klingt, ich finde sie auch wichtig. Sie geben uns Raum zum Innehalten, auch mal Unmut und Melancholie zu spüren, gegen die man doch sonst vehement angeht. Dabei kann so etwas dazu beitragen, nicht nur äußere unnütz geglaubte Dinge wegzuwerfen, sondern auch mal im Inneren aufzuräumen.
    Grete hat das bestimmt nicht bewusst gemacht, sondern das Weinen hat dazu beigetragen. So hat ein unbewusstes inneres Bedürfnis sich selbst seinen Weg gebahnt.
    Wäre es ein besserer Tag gewesen, wer weiß, vielleicht hätte Grete dann den Spaziergang mit der Frau Kortes abgelehnt, weil sie anderes zu tun gehabt hätte.
    Dabei war gerade dieser hier so wichtig.
    Ich denke, man muss nicht immer alles hinterfragen, was einen so ereilt.

    Toll geschrieben, ich finde mich so was von wieder. Trotz individuellem Erleben hat Grete hier ein sehr menschliches Problem geschildert, denn wer kennt sie nicht, diese Tage...

    Lieben Gruß
    Enya.

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Da freut sich die Grete aber, dass du was zu sagen hast ...