Sonntag, 3. November 2013

Von Balkonsängern, Fröschen und reinem Gewissen



Von Balkonsängern, Fröschen und reinem Gewissen


Super gut gelaunt war die Grete am Samstag in der Frühe. Total relaxt von ihrem Entschleunigungstag. Den ganzen Vormittag summte sie vor sich hin. Während des Putzens, beim Einkaufen und sogar unter der Dusche. Obgleich sie die ja nicht gerne benutzt. Lieber liegt sie in einem Schaumbad. Doch zum Summen eignet sich die Dusche eben besser. Findet die Grete. An Liedern fehlte es ihr nicht. Wenn die Grete einmal summt, dann quer Beet. Dann springt sie von "Moonlight Shadow", über "Top of the world" zu "The Final Countdown" und wieder zurück zu "Verdammt lang her".  Sogar zu "Hoch auf dem gelben Wagen" und "Aus grauer Städte Mauern" lässt sie sich hinreißen. Sie summt alles was ihr durch den Kopf geht. Nicht immer so ganz astrein, manches ist schief, aber das macht nix. Wenn die Grete fröhlich ist, ist ihr sowas egal. Hört doch eh keiner. Außer vielleicht der Herr Heinevetter, weil die Balkontür offen steht.  Musser aushalten, denkt dann die Grete und summt weiter.
Grund der ganzen Summerei war die erste richtige Ausfahrt mit ihrem neuen Wagen. Mal eben zum Einkaufen zählt für die Grete nicht. Ein weiterer Grund, das Lieschen. Also genaugenommen, die erste richtige Fahrt mit dem Wagen zusammen mit Lieschen.

Der Tag war herrlich. Völlig untypisch für den 1. November. Sechzehn Grad zeigte das Thermometer. Kaum Wind und die Sonne schien auch zeitweise. Der Motor war so leise, dass die Grete an einer roten Ampel schon dachte, er sei ausgegangen. Lieschen wartete schon vor der Haustür. Natürlich bewunderte sie den Wagen ausgiebig, bevor sie einstieg. Grete weiß das zu schätzen. Sie kennt ja Lieschens Einstellung zu Autos. Ein paar Minuten überlegten sie, welches Ziel man anpeilen sollte.  Da das Wetter nach einem Spaziergang förmlich schrie, entschlossen sie sich zum Schlosspark zu fahren. Ein weitläufiges Gelände mit wunderschönen Spazierwegen. Grete war schon lange nicht mehr dort gewesen. Während der Fahrt tratschten sie über dies und das. Grete, die immer noch Musik im Kopf hatte, war ganz begeistert von einer Idee, die in Berlin umgesetzt wird. "Da wäre ich gern mal dabei Lieschen. Die Nacht der singenden Balkone. Das machen die in Friedrichshain. Jeder der will, meldet sich an und singt dann von seinem Balkon aus. Da machen sogar professionelle Opernsänger mit. Und Leute wie du und ich. Das ist bestimmt ein wundervolles Spektakel. Organisiert wird das alles von Polly&Bob, einer Art Nachbarschaftshilfeverein. Die haben eine Internetseite. Nachbarn helfen Nachbarn. Also Babysitten, Einkaufen und vieles mehr. Ich habe mir die Seite mal angeschaut. Echt toll, was die alles so auf die Beine stellen. Großstadt ist doch nicht immer gleichzusetzen mit -Keiner kennt Keinen -, da geht richtig was ab."

Großstadt versus Kleinstadt oder Dorf, Leben in der Stadt versus Leben auf dem Land. Sind Nachbarn gut, oder geht es besser ohne. Da hatten die zwei nun ein Thema, welches den ganzen Nachmittag füllte. Die Grete könnte nie ohne Nachbarn auskommen, Lieschen dagegen eher. Vielleicht nicht immer, aber für eine Weile ganz sicher. "Du brauchst das eben, Grete, den Trubel, das Chaos und die Probleme anderer. Dich selber vergisste oft dabei. Gesund ist was anderes." Grete hört in solchen Momenten immer still zu. Sie weiß, dass Lieschen recht hat. Zugeben, dass es vom Ansatz her so ist, fällt ihr jedoch schwer. Deshalb schweigt sie lieber. Du hast ein Helfersyndrom, hat schon Tante Heidi früher zu ihr gesagt. Und auch: Gut ist das nicht. Immer wenn die Grete dann mal eine schlechte Erfahrung gemacht hat, hat sie an diese Worte gedacht. Und sich stets vorgenommen, etwas zu ändern. Manchmal hat sie es auch dann tatsächlich geschafft. Was nicht immer ohne schlechtes Gewissen stattfand. Und ein schlechtes Gewissen erträgt die Grete nicht. Irgendwann hat sie dann beschlossen, sich so anzunehmen wie sie ist. "Lieschen, auch wenn du vielleicht recht hast, ich muss mir im Spiegel begegnen können, reinen Gewissens. Ich ganz alleine."

Gut, dass es neben den ernsten Themen auch vieles zu Lachen gab. Ulkige kleine Frösche, kaum größer als eine Walnuss, hüpften über die Waldwege, Menschen in den abenteuerlichsten Bekleidungen begegneten ihnen, und der ein oder andere Gesprächsfetzen, der an ihre Ohren drang, bot ebenfalls Anlass zu Gekicher. Insgesamt war es ein vergnüglicher Nachmittag.

Als die Grete das Lieschen wieder zuhause absetzte, wollte die dann doch  noch etwas wissen. "Sag mal, die ganze Zeit sagt du WAGEN und nicht mehr Autochen. Was´n los?"  

"Nix, Lieschen, der ist doch jetzt neu. Autochen war alt und eben Autochen. Gibt es nur einmal. Aber, ich werd mir einen Namen überlegen. WAGEN ist langweilig, da haste recht. Aber sowas von!"



Was Lieschen davon hält könnt ihr hier nachlesen ---> KLICK
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Bei Interesse  Polly&Bob

Kommentare:

  1. Zwei Freundinnen, ein neues Auto und die erste gemeinsame Fahrt zusammen. Das ist herrlich. Schön, dass die beiden eng zusammen wohnen und sich sehen können. Ein Satz gefällt mir besonders,
    ich muss mir im Spiegel begegnen können. So sehe ich es auch, wer sich ehrlich gegenübertritt hat den klaren Blick.
    Wieder ein schöner Beitrag zum Sonntagabend. Geli

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  2. "Musser aushalten" :-)

    Hält er gerne aus, der Dingefinder. Wieder schön!

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Da freut sich die Grete aber, dass du was zu sagen hast ...