Sonntag, 10. November 2013

Von Kopfhörern und einer diebischen Elster



Von Kopfhörern und einer diebischen Elster

So hatte sich das Fräulein Grete Meier den Samstag nicht vorgestellt. So nicht. Auf gar keinen Fall. "Ich wäre doch niemals mit Tante Heidi in das Einkaufszentrum gefahren, wenn ich gewusst hätte was da passiert!" Sichtlich empört wanderte die Grete in der Küche von Frau Korters auf und ab. Die schloss erst mal die Wohnungstür und folgte dann der Grete. Grete war nämlich einfach in die Küche durchgestürmt, nachdem Frau Korters ihr geöffnet hatte. So aufgeregt hat sie die Grete schon lange nicht mehr gesehen. "Nu setzen sich doch hin, Frau Meier. Ich koch einen Kaffee und dabei könnense mir erzählen, warumse so verstört sind."

Die Grete ließ sich mit einem lauten "Ach, sie ahnen ja nicht" auf die Eckbank plumpsen. Während der Kaffee durchlief schilderte die Grete der Frau Korters ihr samstägliches Erlebnis.

"Also, Onkel Günther wollte Kopfhörer haben. Sie wissen schon, seit meine Tante Hörgeräte trägt, ist ihm der Fernseher zu leise. Mit Kopfhörern kann ich die Lautstärke selber regeln - hat er gesagt. Jedenfalls bin ich dann am Samstag mit Tante Heidi los. Ins Einkaufszentrum, zu Saturn. Wir haben dann einem Verkäufer das Problem geschildert und der hat uns dann auch einen Kopfhörer empfohlen. Wir wieder nach Hause. Das war ein Drama, sag ich ihnen. Wir haben ihn  angeschlossen, aber nix hat sich getan. Kein Ton kam aus den Dingern. Onkel Günther hat die Bedienungsanleitung vom Fernseher vor und zurück gelesen. Blieb uns ja nichts anderes übrig, als die Dinger wieder zurückzubringen. Natürlich war der Verkäufer von vorhin nicht mehr da. Diesmal bediente uns ein junger Bursche. Der wollte ständig irgendwelche technischen Daten von dem Fernseher wissen. Tante Heidi hat so gut es eben ging die Fragen beantwortet. Sogar einen ähnlichen Fernseher hat sie ihm gezeigt. Zum Schluss hat der junge Mann uns andere Kopfhörer mitgegeben. Mit anderen Anschlüssen. Und uns genau erklärt, in welche Buchse wir ihn einstecken müssen. Onkel Günther hatte da wohl nicht alles richtig gemacht. Wieder zurück, hat Onkel Günther natürlich gleich die umgetauschten Kopfhörer ausprobiert. Und was glaubense … "

"Wieder kein Ton?", antwortete Frau Korters, sichtlich gespannt auf die Fortsetzung. "Nee, Ton war jetzt da, aber nur in den Dingern. Jetzt konnte Onkel Günther zwar hören, aber meine Tante nicht. Ein Dilemma, ich sag es ihnen. Dabei ist das doch logisch. Der Ton wechselt doch nur den Ausgangskanal von Lautsprecher auf Kopfhörer. Ich hab das ja dem Verkäufer gleich gesagt, dass das so bestimmt nicht geht. Und Onkel Günther auch. Aber der weiß ja immer alles besser. Zumindest jetzt, hat er es wenigstens eingesehen." Grete schüttelte noch nachträglich über so viel Unverstand den Kopf. Frau Korters legte ihren Kopf schief und sah die Grete neugierig an. "Und deshalb sind sie so durcheinander? Wegen einem falschen Kopfhörer?"

"Ach was", wehrte die Grete ab. "Doch nicht deswegen. Wegen dem Raub!" Irgendwie kam Frau Korters nun nicht mehr mit. "Wassen fürn Raub? Sie haben die Kopfhörer doch nur umgetauscht!" Grete setzte mit Schwung ihre Tasse ab. "Das ist es doch, was ich ihnen die ganze Zeit erzählen will. Bin ja mit Tante Heidi dann nochmal zurückgefahren. Wieder ein anderer Verkäufer, aber der hat gleich gewusst, dass das so nicht funktioniert, wie sich Onkel Günther das vorstellt. Hat auch die Kopfhörer wieder zurückgenommen. An die Kasse sollten wir dann, damit wir das Geld wieder kriegen. Und da ist es dann passiert. Tante Heidi wollte gerade ihre Börse verstauen, wir standen schon draußen vor der Tür, da wurden wir angerempelt. Ich hab mich natürlich gleich umgedreht. Aber zu spät. Tante Heidi stand ohne Tasche da. Einfach aus der Hand gerissen, von einem jungen Mädchen. Stellen sie sich das mal vor!" Frau Korters wollte sich das augenscheinlich nicht vorstellen, denn sie hielt sich die Hände vor das Gesicht. "Wie schrecklich, Frau Meier. Wie schrecklich!"

"Nix schrecklich. Ich bin sofort hinterher und hab mir das Mädel am Kragen gepackt. Was soll ich ihnen sagen, geschrien hat die wie am Spieß. Und dann standen plötzlich zwei Polizisten da. Alle mussten wir zur Wache. Stunden hat das gedauert, bis die alles zu Protokoll genommen hatten. Die Göre hat doch allen Ernstes behauptet, das wäre ihre Tasche. Na, der hab ich was erzählt. Immerhin stellte sich heraus, dass sie polizeibekannt ist. Vierzehn Jahre und so abgebrüht. Wo leben wir eigentlich. Einer alten Frau die Tasche stehlen. Wir konnten dann nach einer Weile gehen. Das Mädchen musste dableiben. Die  Mutter war wohl schon auf dem Weg. Komm ich nich drüber, Frau Korters, so jung!"

Auch Frau Korters war reichlich entsetzt. "Hört man ja immer wieder, Frau Meier. Deshalb halt ich meine Tasche immer fest und lass sie nicht aus den Augen. Und mein Geld hab ich um den Hals hängen. Da kommt keiner dran."

Das gefiel der Grete. Geld nicht in der Tasche aufbewahren, sondern in einem Beutel um den Hals. "Ich muss eh gleich noch mit meiner Tante telefonieren, damit sie weiß, dass ich gut nach Hause gekommen bin.  Die war danach total neben der Spur. Und Onkel Günther hat sich auch aufgeregt. Da werd ich das mit dem Beutelchen gleich mal vorschlagen."



Tante Heidi jammerte zwar noch ein bisschen, aber die Grete konnte nach dem Telefonat wenigstens sicher sein, dass sie, außer einem Schrecken, nichts davon getragen hat. Sie selber war längst von jeglichem Zorn befreit. Denn trotz allem denkt die Grete, dass es ganz sicher irgendeine Geschichte hinter der Geschichte gibt. Vielleicht eine traurige, denn warum sollte sonst ein junges Mädchen versuchen eine Handtasche zu rauben. 



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Kommentare:

  1. Ach herje liebe Grete was für ein aufregener Samstag....
    Erst das Drama mit den Köpfhörern und dann noch der Raub.
    Gut das Frau Korters erst einmal einen guten Kaffee gekocht hat.

    Ja heute muß man immer auf der Hut sein und seine Tasche gut festhalten, junge Diebe gibts überall, selbst in Bahnhöfen und U-Bahnen wird durch Lautsprecher vor dieben gewarnt, die dort bandenmässig auftreten, Da war ich in Köln ganz erstaunt als die Durchsage kam. Bin ja selten in einer großen Stadt, wohne auf dem Land.

    Einen schönen und erholsamen Abend und liebe Grüße
    Angelika

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    1. Ja, Köln ist schlimm. Besonders am Bahnhof. Da halte ich auch immer meine Tasche fest am Körper. Danke dir
      Gruß vonner Grete

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  2. Das war ein aufregender Einkauf mit Hindernissen, was sich lustig anhört ist bitterer Ernst und so leicht steckt man das nicht weg.
    Sicherlich sollte man auch Mitleid empfinden, ich bin da gemischt in meinem Denken. Es gibt eine Geschichte das ist richtig, aber trotzdem rechtfertigt das Diebstahl nicht.
    Geli

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    1. Da gebe ich dir vollkommen recht. Vielen Dank für den Kommentar.
      Gruß vonner Grete

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  3. Das war ja ein aufregender Samstag.
    Erst falsche Kopfhörer und dann der krönende Abschluss.
    Das muss heftig sein,wenn man urplötzlich die Handtasche weggerissen bekommt.

    Und Grete lenkt für sich gleich wieder ein, ganz im Stillen, denkt, dass es eine Geschichte hinter der Geschichte gibt.
    Hätte sie das auch gedacht, wenn ein fies aussehender Typ die Handtasche an sich gerissen hätte? Ich denke, es gibt immer eine Geschichte und man kann Gründe suchen.

    Klar,das junge Mädchen kann in Not gewesen sein, aber auch zu einer Bande gehört haben, die Kinder losschicken und denen das extra antrainiert haben.
    Grete wird es vermutlich nicht rausbekommen, was der Hintergrund ist.

    Ich denke aber,für einen selber ist es vielleicht leichter zu ertragen, wenn man nicht das Schlechteste annimmt.

    Gut, dass Tante Heidi den größten Schock überwunden hat und gut, dass Frau Korters da war (zum Reden, das hilft beim Abreagieren).

    Lieben Gruß
    Enya

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    1. Das mit den Banden finde ich besonders schlimm. Die Kinder werden regelrecht missbraucht.
      Dank an dich
      Gruß vonner Grete

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Da freut sich die Grete aber, dass du was zu sagen hast ...