Donnerstag, 23. Januar 2014

Von einen Unfall und dem gewissen Blick

Von einen Unfall und dem gewissen Blick 

Mittwochskaffee. Ohne Lieschen. Nix für mich, dachte das Fräulein Grete Meier und schob den leeren Kuchenteller von sich. Aber immerhin, Lieschen, ich habe es probiert. Ehrlich, wärst du hier, du würdest mir beipflichten. Total langweilig isses nämlich so ganz alleine. Nicht mal Lust auf eine Zigarette hatte ich.
Grete winkte den Kellner heran, zahlte und machte sich auf den Heimweg. Im Auto drehte sie das Radio auf kaum noch erträgliche Lautstärke. Aber das brauchte sie jetzt einfach. Volle Dröhnung. "Keine Angst, Lieschen", brüllte sie gegen OneRepublic`s "Counting stars" an. "Echt jetzt nicht, ich lass mir für den Mittwoch schon was einfallen. Versauern gilt nicht!" 
Zehn Minuten später war das Radio zwar etwas leiser, dafür grölte die Grete lauthals bei "Next to me" von Emeli Sandé mit. Den Song noch im Ohr und ihn leise vor sich hin summend, schloss sie die Haustür auf. Im Flur kam ihr eine aufgeregte Marie in Jeans und Sweatshirt engegen. Ohne Klackerdiklack, denn die zierlichen Füße von Marie steckten in roten Turnschuhen. "Ma Gretee, ma Gretee, vite vite, sie müüßen `elfen!" Sie griff nach Gretes Hand und zog sie die Treppe hinauf in den zweiten Stock. Aus der offenen Wohnungstür der Hebers drang herzerweichendes Geheule von Luis, begleitet von der tröstenden Stimme von Frau Heber. Marie eilte voraus und öffnete die Küchentür. Eine seltsame Szenerie bot sich der Grete, als sie völlig außer Atem im Türrahmen stand. Herr Heber saß mit schmerzverzerrtem Gesicht auf der Eckbank, sein linkes Bein lag ausgestreckt auf dem Stuhl vor ihm. Luis hatte sich unter dem Tisch verkrochen und heulte in einem fort. Frau Heber war gerade dabei eine Salbe auf den nackten Fuß von ihrem Mann aufzutragen. Sie redete dabei in einem fort. Wobei sie ständig den Tonfall wechselte. "Luis, nicht weinen, dem Papa geht es gleich wieder gut - Halt doch mal still, so kann ich den Verband nicht anlegen - Luis, ist alles nicht so schlimm - Dass du aber auch immer so stur bist. Du musst ins Krankenhaus - Ich mach dir gleich einen Kakao, Luis - Das sieht doch ein Blinder, dass das nicht nur eine Verstauchung ist - ... Erst jetzt bemerkte sie die Grete. "Ach Gott sei Dank, Frau Meier. Mein Mann ist heute morgen auf einer Baustelle ausgerutscht. Der Fuß ist schon ganz lila, aber er will einfach nicht ins Krankenhaus. Männer!" 
Grete, die sich mittlerweile Luis geschnappt hat und beruhigend auf ihn einredete, fackelte nicht lange. Sie drückte Luis Marie in den Arm, schob beide auf die andere Seite der Eckbank, und betrachtete dann in aller Seelenruhe den geschwollenen, farbenfrohen Fuß von Herrn Heber. "Krankenhaus, aber sofort. Entweder gebrochen oder ein Bänderriss." Sie setzte sich und sah Herrn Heber abwartend an. Der verzog nur das Gesicht. "Keine zehn Pferde kriegen mich die Treppe runter. Ich bin froh, dass ich es bis in die Wohnung geschafft habe. Und dass mir es keiner wagt, deswegen einen Krankenwagen zu rufen." 
"So geht das schon seit Stunden, Frau Meier, ich seh ja, dass er Schmerzen hat und die Treppe ein Hindernis ist. Tragen können wir ihn ja schlecht. Ach, was machen wir nur, der Fuß sieht schlimm aus!" 
Der Meinung war die Grete auch. Herr Heber musste ins Krankenhaus. Zur Not mit einem Krankenwagen. Gretes Stirn legte sich in Falten. Vielleicht, dachte sie, vielleicht ... 

"Na, und dann Herr Heinevetter", erzählte sie zwei Stunden später auf dem Balkon, "dann hatte ich die rettende Idee. Ein bisschen Glück war aber doch dabei. Herr Wenig war nämlich in der Tat zuhause. Mit seiner Hilfe und mit Unterstützung einer Krücke, die ich noch von meiner Knieverletzung im Keller hatte, haben wir es dann geschafft den Herrn Heber die Treppe runter, in mein Auto und ins Krankenhaus zu bringen. Und was sag ich ihnen, Bänderriss! Von wegen - nur verstaucht!"
"Wie spannend. Da ist mal was los hier im Haus", nörgelte Herr Heinevetter, "und ich bin nicht da. Isser denn jetzt wieder zurück, der Herr Heber?" Grete musste schmunzeln. Typisch Herr Heinevetter, dachte sie. "Isser, lieber Herr Heinevetter. Mit Schiene. Schonen muss er sich. Bein hochlegen. Vier bis sechs Wochen hat der Arzt gesagt. Und spannend? Nee, das nicht. Spannend ist höchstens was anderes! Wie spannend, na das wird sich noch zeigen." Richtig geheimnisvoll hörte sich die Grete an. Herr Heinevetter beugte sich über das Mäuerchen. "Wassen los? Nu spannen se mich mal nich auf die Folter."
Machte die Grete aber, zu ihrem Vergnügen und zum Verdruss von Herrn Heinevetter. "Sie werden schon sehen, ich mach mir jetzt erstmal ein par Schnittchen. Hab ich mir verdient!" Noch ehe Herr Heinevetter darauf reagieren konnte, war die Grete in ihrem Wohnzimmer verschwunden. Verdutzt schaute Herr Heinevetter ihr nach. 
Grete indessen, lachte sich halbtot. "Mal sehen, was die nächsten Wochen so bringen", kicherte sie. Sie hatte ihn nämlich ganz genau gesehen. Den Blick. Diesen einen ganz bestimmten. An den sie sich noch ganz genau erinnern konnte.  Allerdings galt er dieses Mal nicht ihr. Und er kam auch nicht von Rolf. Aber von Herrn Wenig, als er Marie in der Küche sitzen sah, mit Luis auf dem Schoß.





Kommentare:

  1. Liebe Grete, ganz schön unvernünftig, der Herr Heber. Worauf hätte er denn warten wollen? Zum Glück gibt's patente Frauen im Haus. Und offenbar bahnt ich da auch noch was an...
    Einen schönen Abend und herzliche Rostrosengrüße,
    Traude
    *♥♫♫♥**♥♫♫♥**♥♫♫♥**♥♫♫♥**♥♫♫♥**♥♫♫♥**♥♫♫♥**♥♫♫♥*

    AntwortenLöschen
  2. Liebe Grete,
    gut diagnostiziert. Herr Heber wird es überstehen.
    Ob Herr Heinevetter seine Neugier aber bezähmen
    kann, das bleibt abzuwarten.
    Ich kann nachvollziehen, dass es ohne das Lieschen
    stink langweilig ist. Aber halte dir diesen Tag frei -
    überleg dir was.
    Einen schönen Abend wünscht Dir
    Irmi

    AntwortenLöschen
  3. Schicksal nimm deinen Lauf, kann ich da nur sagen.
    Wie gut, dass Herr Wenig Zuhause war - nicht nur wegen dem armen, sturen Herrn Heber.

    Grete - wie immer tatkräftig und von raschem Entschluss...ja, zuweilen muss man die Männer überlisten.
    Herrn Heber drücke ich die Daumen, dass es ihm bald besser geht.

    Und was Marie und den Wenig betrifft: Ich wünsche natürlich, dass er nun mal öfter zuhause sein kann oder eben nichtberuflich auswärts...

    Ich musste schmunzeln, wie Grete den lieben Herrn Heinevetter "im Regen" stehen ließ. Ist ja fast ein bisschen gemein. Der grübelt jetzt.

    Lieschen wird bestimmt auch schmunzeln, wenn sie hört, wie der Versuch des Mittwochskaffees geendet hat.
    Tja, "ohne dich ist alles doof..." So hat sich Grete bestimmt gefühlt. Aber sie wäre nicht Grete, wenn sie diesem Gefühl die Oberhand gegönnt hätte.

    Toll geschrieben. Ich bin gespannt, was sich da noch tut.
    LG
    Enya

    AntwortenLöschen
  4. Das praktische Gretchen, ich bewundere sie immer ein wenig und es geht nichts über ein gut funktionierende Hausgemeinschaft - Sehnsucht nach Lieschen, das kann ich soooo gut verstehen.
    bin auch gespannt wie es weiter gehen wird - Geli

    AntwortenLöschen

Da freut sich die Grete aber, dass du was zu sagen hast ...