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Dienstag, 26. Januar 2016

Das Fräulein Grete Meier erkennt die Zeichen

Das Fräulein Grete Meier erkennt die Zeichen

So hatte sich das Fräulein Grete Meier den Montag nicht vorgestellt. Und dabei hatte der Tag im Grunde gut angefangen. Kein Glatteis, recht milde Temperaturen, sogar der Himmel hatte ein wenig Blau gezeigt. Und mit der Post war auch endlich das Paket aus Burano angekommen. Mit einer Ladung Lieschentee. Den könnte ich jetzt gebrauchen, dachte die Grete, während sie nervös auf dem Krankenhausflur auf und ab lief. Aber der ruhte ja noch friedlich auf dem Schreibtisch im Büro. Denn gerade als die Grete damit beschäftigt gewesen war die Kostbarkeit auszupacken, war der Chef ins Büro gekommen. Grußlos, was sonst überhaupt nicht seine Art ist, war er an Grete vorbeigelaufen. Da hätte es mir eigentlich schon auffallen müssen, schoss es ihr durch den Kopf. Nu mach dir mal keine Vorwürfe, schalt sie sich. Das konnte doch keiner ahnen. 
Irgendjemand klopfte auf ihre Schulter. Grete drehte sich um. Gott sei Dank, es war nicht der Arzt oder eine der Krankenschwestern. "Herr Wenig, jetzt haben sie mich aber erschreckt!"
Herr Wenig lachte. "Mensch Frau Meier, was machen sie denn hier. Sind sie krank?"
Grete packte Herrn Wenig am Arm und zog ihn zu der Bank, die im Gang stand. "Nee, ich nicht. Aber mein Chef." Ihre Augen füllte sich mit Tränen. 
"Nu setzen se sich erst mal, Frau Meier." Klaus Wenig drückte Frau Meier runter auf die Bank und nahm neben ihr Platz. "Und jetzt erzählen sie mir genau, was passiert ist. Sie sind ja ganz durcheinander!" Er reichte ihr ein Taschentuch.
Grete wischte sie die Tränen aus dem Gesicht und schneuzte kräftig in das Tuch. "Wenn ich doch nur mehr auf ihn geachtet hätte. Aber nein, die Karte von Lieschen zu lesen war mir wichtiger. Ach Gottchen ... und jetzt liegt er da ...  !"
Herr Wenig legte beruhigend seinen Arm auf Gretes Knie. "Nun mal gannz von vorne. Was hätten sie sehen müssen?"
Grete schneuzte sich noch einmal. "Naja, der Chef kam wie immer ins Büro. Ich war dabei ein Paket von Lieschen auszupacken. Und da war auch eine Karte mit drin von ihr. Und weil ich die lesen wollte, ist mir entgangen, wie merkwürdig der Chef sich benommen hat. Kein "Guten Morgen Frau Meier" und kein "Ist der Kaffee fertig". Er ist einfach an mir vorbei ins Büro gegangen. Ich hab gedacht, dass er vielleicht schlecht gelaunt ist und hab mich nicht weiter gekümmert. Dann wollte ich mir einen Lieschentee machen und bin in sein Büro. Eigentlich wollte ich nur fragen, ob er auch eine Tasse möchte. Aber er hat auf meine Frage gar nicht reagiert. Hat mich nur angestarrt. So richtig merkwürdig. Das ist mir durch und durch gegangen. Chef, habe ich gesagt. Chef, is alles in Ordnung? Und dann wurde es richtig gruselig. Er hat den Mund aufgeklappt, als wolle er etwas sagen, aber nee, kein Ton. Ganz rot wurde er dabei. Udn mit der flachen Hand hat er immer auf den Schreibtisch gehauen. Ich hab mich so erschrocken, dass ich rückwärts zur Tür bin. Bloß raus habe ich gedacht. Der ist durchgedreht. Und dann viel mir ein, dass ich da letztens einen Bericht im Fernsehen gesehen habe. Die haben da gezeigt, wie man einen Schlaganfall erkennt. Ich also raus, nach Berta gebrüllt und dann habe ich den Notarzt gerufen. Und nu simmer hier. Und keiner sagt mir was. Ich bin ja nur die Sekretärin. Und seine Frau ist noch auf dem Weg. Ach Gottchen .. hätte ich doch nur gleich ..." Grete schluchzte.
Herr Wenig drückte ihren Arm. "Sie haben alles richtig gemacht. Was hat denn der Notarzt gesagt?"
"Ja also", antwortete die Grete, "also der Notarzt hat auch gesagt, dass der Chef wahrscheinlich einen Schlaganfall hat. Und hat ihm gleich was gespritzt. Und er hat mich gelobt, weil ich so schnell reagiert hab. Dabei hätte ich doch viel früher ..." Jetzt weinte die Grete. 
"Einen Schlaganfall zu erkennen, ist nicht einfach, Frau Meier", versuchte Herr Wenig sie zu trösten. "Da können so viele Symptome sein, das ist auch für Ärzte manchmal schwer. Glaubense mir, ich weiß wovon ich spreche. Den Notarzt so schnell zu rufen, war das Beste, was sie für ihren Chef tun konnten. Und jetzt warten Sie mal. Ich geh mich mal erkundigen, was genau los ist."
Mit bangen Blick schaute Grete zu, wie Herr Wenig hinter einer der Zimmertüren verschwand.












Dienstag, 6. Januar 2015

Von Schweinehunden und einem Dinner for one

Von Schweinehunden und einem Dinner for one

Das Fräulein Grete Meier saß in der Küche und sog genießerisch den Duft ein, den die Tasse Tee auf dem Küchentisch verströmte. Kirsche mit Marzipan - hach, das war so ganz nach Gretes Geschmack. Noch zwei Stückchen Zucker, umrühren, ein bisschen pusten und dann ... was für ein Genuss. Zufrieden mit sich und der Welt lehnte sich die Grete zurück. Sie schloss die Augen und lauschte hingebungsvoll der leisen Musik aus ihrem CD-Player. Chopin - Nocturnes. Tante Heidi und Onkel Günther hatten ihr die CD zu Weihnachten geschenkt. Zwischen den Tagen und an Sylvester war soviel Trubel gewesen, dass sie erst heute Zeit gefunden hatte, sich in aller Ruhe dieser wunderbaen Musik zu widmen.

Gleich nach Büroschluss war sie in den nächsten Edeka gestürmt. Eigentlich wollte sie nur etwas Salat besorgen. Denn wie jedes Jahr hatte sich die Grete an Sylvester etwas geschworen. "Keine Haferflockenkekse mehr und keine Schokolade. Ab jetzt esse ich gesund. Nur noch Salat, Obst und Gemüse." Natürlich hatte es Proteste gehagelt. Vor allem von Herrn Heinevetter. Und das auch nur, weil er auf gar keinen Fall auf Gretes Haferflockenkekse verzichten will. Auch Herr Heber und Klaus Wenig hatten protestiert. "Das haben sie doch nicht nötig!" Grete musste schmunzeln, an sie daran dachte.
Auch Marie hatte leicht das Gesicht verzogen. "Aberr ma Gretee, isch liebe doch dein Aferflockenkeeksee ..." Nur in Frau Wenig hatte sich eine Verbündete gefunden. "Nix da, wenn die Frau Meier gesund leben will, dann soll sie das auch tun. Euch täten ein paar Kekse weniger auch gut." Dabei hatte sie, nach einem kurzen Blick auf die Männer, der Grete verschwörerisch zugegrinst. "Aber hallo!", hatte ihr Mann geantwortet und sich dabei über seinen leichten Bauchansatz gestrichen. "Ein Mann ohne Bauch ist kein Mann! Und außerdem, Sylvester sagt man viel. Leider hat bei allen guten Vorsätzen der kleine Schweinehund auch noch ein Wörtchen mitzureden." Grete hatte natürlich sofort eingeworfen, dass sie den schon im Griff hätte.

Hatte sie auch. Solange bis sie an der Fleischtheke im Edeka vorbei musste. Die Steaks sahen aber zu lecker aus. Für die nächsten zwanzig Minuten war der kleine Schweinehund vollkommen vergessen. Sozusagen ins Hintertreffen geraten. Abseits. Gretes Wagen füllte sich schnell. Zu den Steaks kamen noch Ofenkartoffeln, Sauce Bernaise (die aus der Frischepackung, weil Grete nur mit Schaudern an dne letzten Versuch dachte, diese Sauce selber herzustellen), und last but not least - Karamellpudding. Und wo sie schon mal dabei war, wurden auch noch schnell alle Zutaten für eine köstliche Maronensuppe eingekauft. 
Erst im Auto bemerkte sie den kleinen Schweinehund, der sich zuerst zaghaft, dann immer hartnäckiger meldete.So sehr Grete auch versuchte sich abzulenken, er wurde immer lauter und ließ sich nicht verdrängen. Bis Grete der Geduldsfaden riss. "Ach scher dich doch zum Teufel", schrie sie und drehte das Radio auf maximale Lautstärke. Und tatsächlich, Helene Fischers "Atemlos" schickte den Schweinehund in die Wüste. Dahin wo der Pfeffer wächst. Es bleibt wohl für immer offen, ob tatsächlich die schöne Helene der Grund für das urplötzliche Verschwinden war, oder der Gesang von der Grete. Egal, er war weg und die Grete glücklich.
Zurück zuhause, bereitete die Grete sich ein perfektes Diner zu. Maronensuppe als Vorspeise. Den Hauptgang bildete das wunderbar zarte Steak mit Sauce Bernaise und  der Ofenkartoffel  und als Nachtisch dann - Karamellpudding. Dazu ein schön gedeckter Tisch (wenn auch nur in der Küche, aber was macht das schon bei dem Essen!), Kerzenlicht und ein Glas Wein. 
Jeden einzelnen Bissen hatte die Grete genossen. Und nun auch noch der Tee. Und die wunderbare Musik, die die ganze Küche erfüllte.
Grete war mit sich und der Welt zufrieden. Hochzufrieden. Aber sowas von. 








Dienstag, 21. Oktober 2014

Das Fräulein Grete Meier sitzt fest

Das Fräulein Grete Meier sitzt fest

Zu spät. Das Fräulein Grete Meier saß fest. Zwanzig Meter vor der rettenden Haustür entfernt. Regen peitschte über die Frontscheibe ihres Autos und nahm der Grete jedwede Sicht. Grete drehte den Autoschlüssel eine halbe Umdrehung und schaltete den Wischer ein. Sie ärgerte sich, weil sie nicht einfach etwas früher aus dem Büro abgehauen war. Wollte sie eigentlich, aber dann hatte die Berta noch ein Problem mit einer Bestellung gehabt, um das sich Grete dann noch kümmern musste. Musste ... naja ... eigentlich war das ja Eidos Aufgabengebiet, aber da er scheinbar ebenfalls mit einem Problem zu kämpfen hatte und hektisch im Lager herumlief, fluchend, mit einem Telefon am Ohr ...
Egal warum, Grete saß fest. Der Sturm schüttelte das kleine Auto von der Grete derart, dass ihr angst und bange wurde. Jetzt rollte auch noch eine leere Mülltonne über die Straße. Keine Menschenseele war zu sehen, sofern Grete überhaupt etwas erkennen konnte. Naja, dachte die Grete. Zumindest kein Gewitter. Donner und Blitz hätte sie jetzt nicht auch noch ertragen können. Wie schnell das doch gehen kann mit dem Wetter, überlegte sie. Gerade noch schien die Sonne und Minuten später gleicht der Himmel einer dunkelgrauen brodelnden Masse. Man könnte fast meinen, dass die Welt untergeht. Sie seufzte und kramte eine Zigarette aus ihrer Tasche. Mist, kein Feuerzeug dabei. Das auch noch. "Geduld, Grete, Geduld", sagte sie laut. "Einfach sitzenbleiben und der Dinge harren, die da kommen werden. Schlimmer kann es kaum noch werden!" 
Schlimmer kam es zwar wirklich nicht, aber Sturm und Regen dachten wohl auch nicht daran, sich zu verziehen. Es goss weiterhin in Strömen. Grete fielen ihre Blumenkästen auf dem Balkon ein. Oh Gott, hoffenlich sind die gut befestigt. 
Irgendwo musste doch ein Feuerzeug sein. Grete kramte in ihrem Handschuhfach. Aber außer einem Päckchen Tempos und eine halben Mars war das Fach leer. Na dann, etwas Schoki kann auch nicht schaden. Grete knabberte an dem hartgewirdenen Riegel herum. Vielleicht kann ich es doch wagen ... aber so ganz ohne Schirm ...
Der lag nämlich sicher verwahrt im Kofferraum. Eventuell ... wenn ich nach hinten krieche ... die Abdeckung kann man ja auch von innen öffnen ... und eine kleine Hilfe wäre der Schirm ja schon ...

"Nee, nee, Frau Meier, you made my day!" Klaus Wenig hatte sich auch eine Stunde später noch nicht von seinem Lachkrampf erholt. Grete zog eine Schnute und tat beleidigt. Tee dampfte in drei Tassen auf ihrem Küchentisch. Herr Heinevetter grinste ebenfalls. "Wer den Schaden hat ... gell, Frau Meier? Ach ich hätte das zu gern gesehen, wie sie durch das kleine Auto nach hinten zum Kofferraum gekraxelt sind!" Klaus Wenig brach sofort wieder in Gelächter aus."Da haben sie echt was verpasst, Herr Heinevetter. Ein Bein hing am Gurt fest und der Popo klebte am Seitenfenster. Am besten war ihr Gesichtsaudruck als ich gegen die Scheibe klopfte. Göttlich!"
"Na", michste sich die Grete ein. "Immerhin habe ich es geschafft, den Schirm herauszuziehen." 
"Genutzt hat es aber nüscht," bemerkte Herr Heinevetter. Dabei zeigte er auf ein trauriges Stückchen etwas, das triefend und kaputt an der Küchenwand lehnte. "Den Schirm hat der Sturm ja wohl in Nullkommanix zerlegt. Und ihre Frisur auch."
In der Tat, die Grete sah immer noch aus wie ein nasser Pudel. Verlegen strich sie ihre Haare zurück. "Besser Pudellocken, als gar keine Frisur!" Diese kleine Spitze an Herrn Heinevetter gerichtet konnte sie sich dann doch nicht verkneifen. Der lachte aber nur.  "Hat durchaus seine Vorteile, Frau Meyer, so ein kleiner Haarkranz. Bei mir kann nix verwehen." 
Wo er recht hat, hat er recht, der Herr Heinvetter. Aber sowas von ...












Dienstag, 16. September 2014

Das Fräulein Grete Meier will auswandern

Das Fräulein Grete Meier will auswandern

Vollkommen fertig saß das Fräulein Grete Meier an ihrem Schreibtisch. Da Susi die Türe vergessen hatte ins Schloss zu ziehen, kam sie nicht umhin zu hören, was diese der Frau Seelig auf dem Flur zurief. Das "Da gehense besser nicht rein, mit der Meier ist heute nicht gut Kirschen essen" ging ihr ganz schön unter die Haut. 
"Recht hat se ja, die Susi", dachte sie, während sie sich über die Haare strich. Die im Übrigen heute wie Spaghetti herunterhingen. Was kein Wunder war, bei den neuerdings merkwürdigen Schlafgewohnheiten der Grete. Wenn man denn überhaupt von einer Art Schlaf reden konnte. Denn meist lag die Grete hellwach und lauschte in die Dunkelheit. Dementsprechend gerädert war sie dann am nächsten Tag im Büro. Sogar der Chef ging ihr bereits aus dem Weg. Schuldbewusst starrte die Grete auf die geschlossene Tür zum Chefzimmer. "Grete, du musst was unternehmen, so geht es nicht weiter!"
Entschlossen klopfte die Grete an die Tür. Doch wie es im Leben oft genug ist, des einen Problem ruft beim anderen nur Lachanfälle hervor. So auch beim Chef, als Grete ihm schilderte, was sie seit Tagen um den Schlaf brachte. "Eine Spinne, Frau Meier, das ist doch nicht ihr ernst? Und deswegen schlafen sie Tagen unter einem Laken? Nee, Frau Meier, das ist ja zu köstlich! Alleine die Vorstellung wie sie zittternd unter einem Bettlaken liegen ..." 
Die Grete war ganz schön beleidigt. "Echt jetzt, Chef. Das ist nicht nur eine kleine Spinne. Handtellergroß ist die mit gaaanz haarigen Beinen. Und angestarrt hat die mich. Gruselig, direkt über meinem Kopfkissen hing die von der Decke runter." Grete schüttelte sich. "Total ekelig!"
"Ja in Gottes Namen, warum haben sie das Tier denn nicht entfernt? Und wenn sie das schon selber nicht hinkriegen, was ist denn mit den Herren bei ihnen im Haus. Dieser Herr Heinvetter wird ja wohl kaum vor einer Spinne Angst haben. Und Herr Heber und Herr Wenig ja wohl auch nicht!"
Grete schüttelte den Kopf. "Nee, haben die auch nicht. Zuerst habe ich ja den Herrn Heinevetter geholt. Der hat das Ding ja dann auch noch gesehen. Doch als er auf meinem Bett stand und mit seinem Schluffen draufhauen wollte, ist das Biest ab hinter den Schrank. Ich hab ihn dann als Wache dagelassen und Herrn Heber geholt. Der hat es dann allerdings nicht geschafft, den Schrank von der Wand zu rücken. Also musste Herr Wenig dann auch noch ran. Mit Marie habe ich dann erstmal den Schrank halb leer räumen müssen, damit die Herren ihn von der Wand wegbekamen. Aber das Biest war gar nicht mehr dahinter. Einfach weg war die Spinne. Wir haben die Kommoden abgerückt und alles ausgeräumt, weil Marie meinte, sie könnte sich ja auch in einer Schublade verkrochen haben. Sogar den Lampenschirm haben die runtergeholt. Nix ... spurlos verschwunden! Dabei sollte Herr Heinevetter doch aufpassen!"
Mittlerweile war Gretes Gesicht mit hektischen roten Flecken übersät, die sich langsam auf ihrem Hals ausbreiteten. Ein sicheres Zeichen für den Chef, sich nicht weiter über die Grete lustig zu machen. "Die ist bestimmt schon längst durch Flur und Wohnzimmer auf den Balkon und ab durch die Mitte", versuchte er die Grete zu beruhigen.
"Neee, neee, Chef, ganz bestimmt nicht. Die Tür vom Schlafzimmer haben wir immer zugelassen. Die muss noch da sein. Deswegen liege ich doch unter dem Laken. Krieg kaum Luft und ständig höre ich irgenwelche komischen Geräusche. An Schlaf ist da gar nicht zu denken." Grete holte tief Luft. "Chef, könnten sie nicht ... sonst muss ich auswandern!"
Der wehrte direkt ab. "Nee, Frau Meier, für eine Spinnenjagd habe ich nun wirklich keine Zeit. Sie wissen doch ...Termine, Termine ..." Ernst schaute er die Grete an. "Vielleicht ist auswandern gar keine so schlechte Idee ...!" Danach konnte er nicht anders. Er prustete vor Lachen und schlug sich auf die Schenkel.
Grete, total empört, drehte sich auf dem Absatz um und rauschte aus dem Büro. Die Tür fiel mit einem lauten Knall ins Schloss. Auswandern soll ich ... auswandern. Was fällt dem denn ein.
Wütend schnappte sich Grete ihre Tasche. Auswandern, das kannste haben. Mit einem letzten Fünkchen Verstand öffnete die Grete nochmals die Tür zum Chefzimmer. "Überstundenabbau!" Sprachs und ward für den Rest des Tages nicht mehr im Büro gesehen. 

Als Grete zuhause ankam, hatte sie sich wieder etwas beruhigt. Ein Übriges tat ein Tasse Lieschentee und eine Zigarette auf ihrem Balkon dazu. Vielleicht ist auswandern ja keine so schlechte Idee, sinnierte sie. Die Couch im Wohnzimmer ist doch im Grunde ganz bequem und ich könnte dann endlich mal wieder schlafen. 
Während die Grete schon gedanklich dabei war ihr Nachtlager vom Schlafzimmer ins Wohnzimmer zu verlegen spürte sie plötzlich etwas an ihrem rechten Fuß, der wie immer, wenn sie zuhause war, in einer offenen Birkenstockksandalette steckte.

Gretes Schrei war mit Sicherheit noch drei Straßen weiter zu hören. Immerhin hatte er die Spinne scheinbar so erschreckt, dass diese rüber zu Herrn Heinevetter floh. Den Grete die nächsten Tage ganz bestimmt nicht mehr besuchen gehen wird. So viel ist sicher.












Donnerstag, 19. Juni 2014

Das Fräulein Grete Meier spielt nicht mit Yogi

Das Fräulein Grete Meier spielt nicht mit Yogi

Während die Stimmung in Gretes Wohnzimmer sich mehr und mehr hochschaukelte, also von Tor zu Tor immer lauter und ausgelassener wurde, wurde die Grete immer stiller. Sonst vorne immer mit dabei, wenn Yogis Jungs zu Höchstformen auflaufen, saß sie diesmal in ihrem Sessel wie ein Schluck Wasser in der Kurve und starrte mehr in die Luft als auf den Fernseher. Selbst Herr Heinevetters "Abseits" Schreie, die wie immer völlig ohne Sinn und Verstand durch den Raum tönten, tangierten sie nicht im Geringsten. Weder die Hebers, noch Herr Heinevetter bemerkten in ihrem Torrausch etwas von Gretes Desinteresse. Nur Marie, die eigentlich für Fußball nichts übrig hat, wohl aber für Klaus Wenig, der sich direkt neben ihr platziert hatte, warf der Grete ab und an einen fragenden Blick zu. 
Nach dem Abpfiff der ersten Halbzeit wurde Gretes Badezimmer gestürmt, eine Amtshandlung, der mehr als 80% aller Fußballfans fröhnen. Was einen sofortigen, sintflutartigen Anstieg desWasserverbrauches zur Folge hat. Grete indes verzog sich in die Küche, um die Schnittchenplatten wieder aufzufüllen. Marie folgte ihr auf dem Fuße. "Ma Grete, was iis los mit diisch?" Grete zuckte nur mit den Schultern. "Nix Marie, alles in Butter! Bin nur ein wenig müde." Wie zur Bekräftigung drückte sie Marie ganz fest. 
Was hätte sie auch sagen sollen, wusste sie doch selber nicht so recht, warum sie heute so gar nicht fußballmäßig bei der Sache war. Zum einen hing sie mit ihren Gedanken noch in Burano bei Lieschen, zum anderen verdarben ihr die Schreckensberichte über die Ausschreitungen in Brasilien die Lust auf die WM. Was schwerer wog, mochte und konnte sie nicht beurteilen. Zeit, in sich zu gehen, hatte sie eh nicht, denn Herr Heinevetter zog sie auf den Balkon, sobald sie die gefüllten Schnittchenteller auf dem Wohnzimmertisch abgestellt hatte. "Schnell noch eine rauchen, Frau Meier, bevor es weiter geht." 
Weiter ging es dann auch, mit Yogis Jungs, den Toren, dem Jubel und, dann doch nicht so ganz unbemerkt von der Grete, mit Marie und Klaus Wenig, die immer näher aneinander rückten. Grete schmunzelte, als sie sah, dass die Hand von Marie auf Herrn Wenigs Oberschenkel ruhte. "Na sieh mal an, Yogi", dachte sie. "Wozu deine Jungs alles gut sind. Nicht nur zum Toreschießen!" Die Ablenkung war aber nur von kurzer Dauer. Immer wieder glitten Gretes Gedanken zurück nach Burano. Zurück zu Lieschen. Was für wundervolle Tage das gewesen sind. Jede einzelne Minute mit Lieschen hatte die Grete genossen. Selbst die ständige Anwesenheit von Hermann hatte ihre Stimmung nicht trüben können. Zumal sie Hermann endlich mal besser kennenlernen konnte. Vielleicht war es genau das gewesen, dachte die Grete. Dieses "Besserkennenlernen". Denn in Deutschland war Grete mit Hermann nie so richtig warm geworden. Jetzt, so im Nachhinein betrachtet, musste sich die Grete eingestehen, dass sie auch nicht unbedingt versucht hatte, mehr von Hermann zu erfahren. Gut, Lieschen hat auch nie viel erzählt. Aber sie hätte ja fragen können. Grete schüttelte den Kopf.  Wie dumm ich mich verhalten habe. Wie ein Teenager, der seine liebste und beste Freundin plötzlich teilen muss. Dabei passte Hermann zu Lieschen wie das Deckelchen zum Topf. Die zwei ergänzen sich so wunderbar, das hat die Grete in den drei Wochen, die sie mit ihnen verbracht hatte, dann doch erkannt. Und, endlich verstanden, warum Lieschen ihrem Hermann, ohne wenn und aber, in die Ferne gefolgt ist. Nur gesagt hatte sie das alles Lieschen nicht. Und genau das war es, was Grete nun so beschäftigte. "Ich hätte es Lieschen sagen müssen! Das alles und vor allem, dass ich mich so dumm verhalten habe." Die Grete weiß genau, dass Lieschen im Grunde wusste, und trotz allem, nie etwas gesagt hatte, wenn die Grete bei der Nennung von Hermanns Namen oftmals das Gesicht verzogen hatte. "Nee, Grete, was hast du für eine tolle Freundin, das musste dir täglich hinter die Ohren schreiben."
Kurz vor Spielende hielt es die Grete nicht mehr in ihrem Sessel. Sie stand auf, schnappte sich Telefon und eine Zigarette, verzog sich damit auf ihren Balkon und wählte Lieschens Nummer.

Die hatte natürlich gewusst, hörte geduldig wie immer der Grete zu und unterbrach Gretes Redeschwall erst, als diese zum wiederholten Male sagte, wie leid ihr das alles tun würde. "Grete, dat is alles menschlich und glaub mir mal, auch der Hermann weiß das. Nu komma wieder runter. Es ist alles in bester Ordnung. Bei mir, und bei Hermann sowieso. Sach mal, guckste keinen Fußball?" Grete grinste von einem Ohr zum anderen. Typisch Lieschen. Immer wenn es bei der Grete so richtig emotional wurde, mal eben schnell das Thema wechseln. Aber, und das gestand sich die Grete ein, das war genau das Richtige um Grete wieder auf den weniger gefühlsüberladenen Boden zurückzuholen. Erst als Grete sichtlich erleichtert den Hörer aufgelegt hatte, fiel ihr ein, dass Lieschen und ihr Hermann ja auch immer Fußball schauen. "Und ich Dusseltier hab sie gestört. Dafür lieber Hermann, schreib ich dich ab jetzt ohne das doppelte R. Und nu guck ich mal was Yogis Jungs so machen."
Allerdings war es mit Fußball dann natürlich nix. Alles schon vorbei. Zumindest das Spiel. Bei Marie und Herrn Wenig fing es wohl gerade erst an. Das Spiel. Und da wollte die Grete von Abseits und einem Abpfiff mal so rein gar nichts wissen. Nee, lieber darauf warten, das Tore fallen.


Die Geschichten von Grete und Lieschen könnt ihr hier nachlesen.
Natürlich kostenlos.



Viel Vergnügen


Dienstag, 13. Mai 2014

Das Fräulein Grete Meier und der europäische Gesang

Das Fräulein Grete Meier und der europäische Gesang 

Generell schaut sich die Grete ja mal ganz gerne Musiksendungen im Fernsehen an. Sofern es sich nicht um Sendungen handelt in denen Blasorchester spielen und Jodelattacken ihre Ohren quälen. Denn Volksmusik, nee, das ist nix für die Grete. Lediglich Andreas Gabalier hat da eine kleine Chance. Den mag sie nämlich. Aber auch erst seit dieser neuen Sendung "Sing meinen Song". 
"Der ist ja sowas von sympathisch", hat sie erst neulich der Berta Kalt im Büro vorgeschwärmt und den ganzen Tag "I sing a Liad für di" vor sich hin geträllert. Sehr zum Leidwesen von Susi. Nun, immerhin, die konnte in ihre Abteilung flüchten. Der Chef leider nicht. Aber weil er es sich nicht mit der Grete verscherzen wollte, machte er lediglich seine Bürotür zu.
Schon vor einer Woche war der Grete eine Einladung ins Haus geflattert. Besser gesagt, sie klebte mittig an ihrer Wohnungstür. Unverhofft kam sie nicht, die Grete hatte sie schon ewartet. Denn schon seit Jahren war es Tradition im Haus, dass jedes Jahr, wenn der europäische Songcontest (kurz ESC) ansteht, im Haus eine Party organisiert wird. Dieses Jahr war Marie an der Reihe, ihr Wohnzimmer zur Verfügung zu stellen.
Am Samstagabend war es dann soweit. Klaus Wenig hatte seinen Mega-Fernseher zu Marie hochgeschleppt. Denn Marie selber besitzt gar keinen Fernseher. "Ach ma Gretee, isch biin doch kaum zu ause ..." 
So nach und nach trudelten die anderen ein. Die Hebers hatten Sohn Luis zur Oma gebracht und turtelten schon im Flur miteinander. Grete sah es mit Vergnügen. Ist doch schön für die zwei, mal kinderfrei und losgelöst vom Alltag, dachte sie, während sie die Teller mit ihren mitgebrachten Schnittchen auf dem Tisch verteilte. Herr Heinevetter hatte es sich bereits in Maries Schaukelstuhl bequem gemacht und redete in einem fort auf Frau Korters ein, die in einem Sessel neben ihm saß. Und, wie Grete schmunzelnd feststellte, heimlich ans Ohr griff, um ihr Hörgerät leiser zu stellen. Grete setzte sich auf einen Stuhl, denn die Couch wollte sie den Hebers, Herrn Wenig und Marie überlassen. Letztere trippelte aufgeregt auf ihren High-Heels um Klaus Wenig herum und sah bewundernd zu ihm auf. Ist ja auch ein toller Kerl, dachte die Grete. Wäre doch super wenn die zwei ... Grete, ganz ruhig. Kuppeln is nich. Aber wer weiß, nachher, so auf der Couch, ganz dicht beieinander ...hach, wäre doch schön.
Gerade noch rechtzeitig, bevor Grete vollends in rosa Wolken versinken konnte, schaltete Klaus Wenig den Fernseher ein. Wurde auch höchste Zeit, denn in Kopenhagen war man schon startbereit. Von Kandidat zu Kandidat stieg die Stimmung in Maries Wohnzimmer. Es wurde mitgeträllert und jeder Song heiß diskutiert. Einig war man sich grundsätzlich nicht. Während Grete und Frau Korters den Beitrag aus den Niederlanden favorisierten, hing das Herz von Marie und, wie kann es auch anders sein, das von Herrn Wenig an dem deutschen Beitrag. Die Hebers dagegen waren für Herrn oder Frau Wurst ( von welcher Seite aus man es eben betrachtet). Einzig Herr Heinevetter hielt sich konsequent aus jeglicher Diskussion heraus. "Das is doch alles Mist. Ja, früher, da wurde noch richtig gesungen beim ESC. Wenn ich da noch an Conny Froboess denke ... zwei kleine Italiener!" Bei so einigen Liedern wünschte sich auch die Grete insgeheim die Conny oder den Udo Jürgens auf die ESC-Bühne zurück. 
Später, als die Votingergebnisse bekanntgegeben wurden, kochte die Stimmung nochmal so richtig hoch. Die Hebers jubelten als feststand, dass ihre "Conchita" die begehrte Trophäe erhalten würde. Marie und Klaus Wenig waren spürbar enttäuscht, dass der deutsche Beitrag kaum Punkte erhalten hatte. So ganz nachvollziehen konnte die Grete die verschiedenen Votings auch nicht. Sie gönnte es aber Österreich. Denn eigentlich war der Beitrag doch recht nett gewesen. Also gesanglich. Über den Rest mochte sie nicht urteilen. Auch nicht am nächsten Tag, als in den Zeitungen und im Internet dem Wort "Wurst" eine immense Bedeutung zugewiesen wurde.  
"Jedem Tierchen sein Pläsierchen", sagt Onkel Günther immer. Und daran hält sich die Grete. Meistens jedenfalls. 





Donnerstag, 23. Januar 2014

Von einen Unfall und dem gewissen Blick

Von einen Unfall und dem gewissen Blick 

Mittwochskaffee. Ohne Lieschen. Nix für mich, dachte das Fräulein Grete Meier und schob den leeren Kuchenteller von sich. Aber immerhin, Lieschen, ich habe es probiert. Ehrlich, wärst du hier, du würdest mir beipflichten. Total langweilig isses nämlich so ganz alleine. Nicht mal Lust auf eine Zigarette hatte ich.
Grete winkte den Kellner heran, zahlte und machte sich auf den Heimweg. Im Auto drehte sie das Radio auf kaum noch erträgliche Lautstärke. Aber das brauchte sie jetzt einfach. Volle Dröhnung. "Keine Angst, Lieschen", brüllte sie gegen OneRepublic`s "Counting stars" an. "Echt jetzt nicht, ich lass mir für den Mittwoch schon was einfallen. Versauern gilt nicht!" 
Zehn Minuten später war das Radio zwar etwas leiser, dafür grölte die Grete lauthals bei "Next to me" von Emeli Sandé mit. Den Song noch im Ohr und ihn leise vor sich hin summend, schloss sie die Haustür auf. Im Flur kam ihr eine aufgeregte Marie in Jeans und Sweatshirt engegen. Ohne Klackerdiklack, denn die zierlichen Füße von Marie steckten in roten Turnschuhen. "Ma Gretee, ma Gretee, vite vite, sie müüßen `elfen!" Sie griff nach Gretes Hand und zog sie die Treppe hinauf in den zweiten Stock. Aus der offenen Wohnungstür der Hebers drang herzerweichendes Geheule von Luis, begleitet von der tröstenden Stimme von Frau Heber. Marie eilte voraus und öffnete die Küchentür. Eine seltsame Szenerie bot sich der Grete, als sie völlig außer Atem im Türrahmen stand. Herr Heber saß mit schmerzverzerrtem Gesicht auf der Eckbank, sein linkes Bein lag ausgestreckt auf dem Stuhl vor ihm. Luis hatte sich unter dem Tisch verkrochen und heulte in einem fort. Frau Heber war gerade dabei eine Salbe auf den nackten Fuß von ihrem Mann aufzutragen. Sie redete dabei in einem fort. Wobei sie ständig den Tonfall wechselte. "Luis, nicht weinen, dem Papa geht es gleich wieder gut - Halt doch mal still, so kann ich den Verband nicht anlegen - Luis, ist alles nicht so schlimm - Dass du aber auch immer so stur bist. Du musst ins Krankenhaus - Ich mach dir gleich einen Kakao, Luis - Das sieht doch ein Blinder, dass das nicht nur eine Verstauchung ist - ... Erst jetzt bemerkte sie die Grete. "Ach Gott sei Dank, Frau Meier. Mein Mann ist heute morgen auf einer Baustelle ausgerutscht. Der Fuß ist schon ganz lila, aber er will einfach nicht ins Krankenhaus. Männer!" 
Grete, die sich mittlerweile Luis geschnappt hat und beruhigend auf ihn einredete, fackelte nicht lange. Sie drückte Luis Marie in den Arm, schob beide auf die andere Seite der Eckbank, und betrachtete dann in aller Seelenruhe den geschwollenen, farbenfrohen Fuß von Herrn Heber. "Krankenhaus, aber sofort. Entweder gebrochen oder ein Bänderriss." Sie setzte sich und sah Herrn Heber abwartend an. Der verzog nur das Gesicht. "Keine zehn Pferde kriegen mich die Treppe runter. Ich bin froh, dass ich es bis in die Wohnung geschafft habe. Und dass mir es keiner wagt, deswegen einen Krankenwagen zu rufen." 
"So geht das schon seit Stunden, Frau Meier, ich seh ja, dass er Schmerzen hat und die Treppe ein Hindernis ist. Tragen können wir ihn ja schlecht. Ach, was machen wir nur, der Fuß sieht schlimm aus!" 
Der Meinung war die Grete auch. Herr Heber musste ins Krankenhaus. Zur Not mit einem Krankenwagen. Gretes Stirn legte sich in Falten. Vielleicht, dachte sie, vielleicht ... 

"Na, und dann Herr Heinevetter", erzählte sie zwei Stunden später auf dem Balkon, "dann hatte ich die rettende Idee. Ein bisschen Glück war aber doch dabei. Herr Wenig war nämlich in der Tat zuhause. Mit seiner Hilfe und mit Unterstützung einer Krücke, die ich noch von meiner Knieverletzung im Keller hatte, haben wir es dann geschafft den Herrn Heber die Treppe runter, in mein Auto und ins Krankenhaus zu bringen. Und was sag ich ihnen, Bänderriss! Von wegen - nur verstaucht!"
"Wie spannend. Da ist mal was los hier im Haus", nörgelte Herr Heinevetter, "und ich bin nicht da. Isser denn jetzt wieder zurück, der Herr Heber?" Grete musste schmunzeln. Typisch Herr Heinevetter, dachte sie. "Isser, lieber Herr Heinevetter. Mit Schiene. Schonen muss er sich. Bein hochlegen. Vier bis sechs Wochen hat der Arzt gesagt. Und spannend? Nee, das nicht. Spannend ist höchstens was anderes! Wie spannend, na das wird sich noch zeigen." Richtig geheimnisvoll hörte sich die Grete an. Herr Heinevetter beugte sich über das Mäuerchen. "Wassen los? Nu spannen se mich mal nich auf die Folter."
Machte die Grete aber, zu ihrem Vergnügen und zum Verdruss von Herrn Heinevetter. "Sie werden schon sehen, ich mach mir jetzt erstmal ein par Schnittchen. Hab ich mir verdient!" Noch ehe Herr Heinevetter darauf reagieren konnte, war die Grete in ihrem Wohnzimmer verschwunden. Verdutzt schaute Herr Heinevetter ihr nach. 
Grete indessen, lachte sich halbtot. "Mal sehen, was die nächsten Wochen so bringen", kicherte sie. Sie hatte ihn nämlich ganz genau gesehen. Den Blick. Diesen einen ganz bestimmten. An den sie sich noch ganz genau erinnern konnte.  Allerdings galt er dieses Mal nicht ihr. Und er kam auch nicht von Rolf. Aber von Herrn Wenig, als er Marie in der Küche sitzen sah, mit Luis auf dem Schoß.





Freitag, 27. Dezember 2013

Von Eierpunsch und falschen Geschenken

Von Eierpunsch und falschen Geschenken

Uff, dachte das Fräulein Grete Meier, geschafft. Wieder mal. Das Fest der Liebe, also Weihnachten, ist vorbei. Völlig in Gedanken an die letzten Tage versunken, rührte die Grete in ihrem Lieschentee. Viel war nicht passiert, zumindest kaum etwas, was nicht auch in den letzten Jahren zum Weihnachtswahnsinn gehört hätte. Denn egal was auch Heiligabend tagsüber passiert, abends haben sich eh wieder alle lieb. Liegt wohl in der Natur der Menschen. Grete regt sich über so etwas wie mittlere Katastrophen schon lange nicht mehr auf. Irgendwie findet sie es sogar lustig, wenn sich Tante Heidi und Onkel Günther in die Haare kriegen, weil der Baum entweder zu groß geraten oder zu klein ist. Dieses Jahr war er zu groß. "Die Kugeln reichen nicht", tönte Tante Heidi. "Und überhaupt, ich habe zu wenig Kerzen!" Natürlich reichten die Kugeln und zu den Kerzen (solche modernen mit Batterie) gesellte sich kurzerhand eine alte Lichterkette. Die natürlich total verheddert war. Mit drei kaputten Birnchen. Also musste Onkel Günther nochmal los, Ersatz besorgen. Im Endeffekt erstrahlte, pünktlich zum abendlichen Essen, der Weihnachtsbaum dennoch im alljährlichen Glanz. So endete der Abend friedlich, so wie jedes Jahr. Die Grete blieb über Nacht und fuhr erst wieder nach einem ausgedehnten Frühstück nach Hause. Dort machte sie es sich auf der Couch bequem, mit Tante Heidis Makronen und selbstgemachtem Eierpunsch. Immerhin, Weihnachten haben die Sendeanstalten ja doch einiges an schönen alten Filmen zu bieten. Weihnachtsfilme mag die Grete nämlich sehr. Braucht sie sonst im Jahr keinerlei Herz-Schmerz-Gedöhne, an solchen Tagen passt es einfach. Abends hat sie dann noch eine ganze Stunde mit Lieschen telefoniert. Kein skype, denn Lieschen hat noch keinen Internetanschluss. "Wird wohl noch ein bisschen dauern Grete." Lieschen hat sich schon etwas eingelebt, was die Grete ungeheuer beruhigt hat.
Am zweiten Weihnachtstag hat die Grete dann alles für den obligatorischen Weihnachtskaffee vorbereitet. Hat sich in den letzten Jahren so ergeben, dass sich die Hebers, Frau Korters, und nicht zu vergessen der Herr Heinevetter bei der Grete nachmittags zum Punsch trinken treffen. Es wird gewichtelt und alle haben Spaß. Dieses Jahr war es besonders lustig, weil Luis alle auf Trab hielt. Herr Heinevetter hat ihm nämlich eine kleine Trommel gekauft, die er ausgiebig bearbeitete.
Zufrieden mit sich und der Welt dachte die Grete daran, wie glücklich die junge Frau Heber ausgesehen hatte. Entgegen aller Unkenrufe und Befürchtungen was die liebe Schwiegermutter anging, war der Heiligabend doch ein voller Erfolg gewesen. "Stellen sie sich mal vor, Frau Meier, sogar in den Arm genommen hat sie mich. Und meine Gänsekeulen haben ihr auch geschmeckt. Und schauen sie nur, dieses hübsche Armband hat sie mir geschenkt." Stolz hatte sie dabei ihre Hand der Grete entgegengestreckt, an dem ein silbernes Arband mit kleinen Anhängern glänzte. Herr Heinevetter hatte den Heiligabend bei seinem Neffen verbracht. "Ist wirklich ein lieber Junge, Frau Meier. Und so einen netten Freund hat der jetzt. Ganz verliebt sind die zwei." Später kam dann noch Herr Wenig vorbei. Aber nur kurz, denn er musste wieder ins Krankenhaus zurück. "Schade um den Punsch, liebe Frau Meier, aber Alkohol ist tabu wenn ich arbeiten muss."
Nun, der Kinderpunsch, den die Grete extra für Luis gemacht hatte, schmeckte dann auch dem Herrn Wenig. 
Der Tag heute im Büro war auch sehr ruig verlaufen. alle waren immer noch in dieser friedlichen Weihnachtsstimmung gewesen. Nur der Chef nicht. Grete fragte aber nicht nach. Sie konnte sich schon denken, was los ist. Ist nämlich jedes Jahr so. Im Grunde mag sie die Frau vom Chef. Ist eine ganz nette, wie sie immer sagt. Scheinbar schafft der Chef es aber nie, das richtige Geschenk für seine Frau auszusuchen. Ergo hängt jedes Jahr der Haussegen schief. Geburtstag, Hochzeitstag, ja, da besorgt die Grete das passende Geschenk. Aber Weihnachten? Nee, Chef, sagt sie immer wenn er fragt, das machen sie mal schön selber. Weihnachtsgeschenke muss man selber aussuchen und auch selber verpacken.. Da ist die Grete eigen drin. Und wirklich, der Chef gibt sich immer alle Mühe. Doch was er auch veranstaltet, das Fettnäpfchen ist nicht weit. "Echt jetzt, Frau Seelig, letztes Jahr waren es die teuren Diätbücher und der Weightwatcherskurs. Und obwohl sie wochenlang von nix anderem gesprochen hat, als dass sie unbedingt abnehmen will, hat sie die Bücher aus dem Fenster geschmissen. Muss man nicht verstehen, oder?" Heidi Seelig allerdings verstand die Reaktion.
Egal, dachte die Grete, stellte ihre leere Tasse in die Spüle und schnappte sich den neuen Krimi ("Noah" von Sebastian Fitzek), den sie beim Wichteln ergattert hatte.
Jetzt kann es kommen, das neue Jahr. Dabei schmunzelte sie und schlug das Buch auf. 

Montag, 18. November 2013

Das Fräulein Grete Meier auf der Suche nach dem Glück

Das Fräulein Grete Meier auf der Suche 

nach dem Glück

"Also, wenn ich gewusst hätte, Herr Wenig, was das für Folgen hat, dann hätte ich doch nie davon gegessen. Jedenfalls nicht beim Autofahren!" Das Fräulein Grete Meier zog ihren Schal fester. Es war nämlich lausig kalt im Hausflur. Herr Wenig grinste. "Das weiß auch kaum einer, Frau Meier. Ich würd an sowas auch nicht denken. Na, wenigstens haben sie Glück gehabt. Der Führerschein ist noch da. Ich wünsch ihnen noch einen schönen Abend."
Glück gehabt, sinnierte die Grete als sie die Treppe hinauf lief, ob man das so nennen kann? Schließlich habe ich ja wirklich nichts getrunken. Nur ein paar Mon chéri gegessen während der Fahrt. Nie wäre mir doch in den Sinn gekommen, dass man danach eine "Fahne" hat. Allgemeine Fahrzeugkontrolle, hatte der Polizist gesagt und dann geschnuppert. Grete lachte laut auf, als sie ihre Wohnungstür aufschloss. Ich muss ja ganz schön dumm aus der Wäsche geguckt haben, als der mich nach der Kontrolle der Fahrzeugpapiere fragte, ob ich Alkohol getrunken hätte. "Ihrer Fahne nach zu urteilen, eine ganze Menge, Frau Meier. Sind sie mit einem Alcotest einverstanden?"

Ob die Grete wollte oder nicht, sie musste pusten. Ein bisschen schlug das Gerät auch an. Grete empörte sich natürlich, denn wenn sie eines nicht macht, dann ist das, sich nach dem Genuss von Alkohol ans Steuer zu setzen. Nicht mal nach einen winzigen Glas Sekt fährt die Grete noch. Sie diskutierte zehn Minuten mit den Beamten herum. Und bestand auf einem zweiten Test. Der fiel dann negativ aus. Nicht für die Grete, für die war das Ergebnis positiv. Null Promille. "Sehn sie, hab ich doch gesagt, ich hab nichts getrunken!" Der Beamte, der ihre "Fahne" gerochen hatte, war immer noch skeptisch. Mit einer Taschenlampe leuchtete er den Innenraum von Gretes Wagen aus, denn mittlerweile war es dunkel geworden. Schnell wurde er fündig. Er hielt der Grete die Mon Chéri Schachtel, die auf dem Beifahrersitz lag, unter die Nase. "Haben sie die hier gegessen?" Dabei konnte er ein Grinsen kaum unterdrücken. Grete bejahte. Das war also des Rätsels Lösung und der Grund für Gretes Alkoholfahne. Pralinen mit einer Piemontkirsche, gefüllt mit Branntwein. Grete wusste nicht ob sie lachen oder weinen sollte. Natürlich konnte sie weiterfahren. Die halbleere Schachtel verbannte sie allerdings auf den Rücksitz. "Sowas kann auch nur mir passieren", sagte sie später, als sie dem Herrn Wenig im Hausflur davon erzählte.

Dieses "Glück gehabt", von Herrn Wenig, wollte ihr sogar nicht mehr aus dem Kopf gehen. Nicht unter der Dusche und auch später nicht, als die Grete ihr Abendessen in der Küche zubereitete. Was ist das überhaupt, Glück? Was ist es für mich, was für Frau Korters oder für Herrn Wenig? Ist es nicht so, dass Glück so vielschichtig ist, dass man es im Grunde gar nicht beschreiben kann?
Während die Grete eine Kartoffel schälte, überlegte sie, wann sie selber glücklich ist. Weit kam sie nicht. Denn irgendwie blieb es immer bei solchen Sätzen die mit "Ich freue mich über ..." oder "Ich freue mich, wenn ... " Grete fragte sich, ob man Freude mit Glück gleichsetzen kann. "Bin ich glücklich, wenn ich mich freue, dass es Tante Heidi und Onkel Günther gut geht, oder wenn ich mich freue, dass ich so eine liebe Freundin wie das Lieschen habe?  Die Grete erinnerte sich an den Tag, als sie das rote Hütchen fand. War das Glück? Gretes Gedanken bogen sich hier hin und dort hin. Bis nur noch ein verknotetes Gestänge übrig blieb. 
Nein, dachte die Grete, das kann ich nicht alles alleine lösen. Sie legte das Schälmesser aus der Hand und betrachtete die Kartoffel, von der vor lauter Schälerei nur mehr eine kleine Kugel übrig geblieben war. 

"Glücklicherweise, Lieschen", sagte die Grete später am Telefon, "glücklicherweise habe ich ja noch mehr Kartoffeln gehabt"

Was Lieschen davon hält könnt ihr hier nachlesen ---> KLICK
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Dienstag, 22. Oktober 2013

Das Fräulein Grete Meier hält Kriegsrat

 Das Fräulein Grete Meier hält Kriegsrat

Aufgeregt war der Herr Heinevetter vorhin als die Grete nach Hause kam. Völlig aufgelöst. Total von der Rolle, wie Grete immer sagt. Deshalb hat sie zuerst auch nichts verstanden von dem, was alles aus dem Mund von Herrn Heinevetter sprudelte. "... zu alt ... Gefahr für die Öffentlichkeit ... die arme Frau ... schrecklich, einfach schrecklich ... aber ich muss doch auch mal zum Arzt und einkaufen ... abgeben, morgen gleich ... ich bin doch kein Mörder!" An dieser Stelle wurde die Grete so richtig hellhörig. Mörder, der Herr Heinevetter? Was hat der bloß wieder angestellt.
"Jetzt atmen se mal tief durch Herr Heinevetter. Und dann machense die Zigarette aus und kommen rüber. Ich koch Lieschentee. Der beruhigt. Und dann werden wir schon sehen, wer hier ein Mörder ist!"
In Gretes Küche, zwischen Lieschentee und Haferflockenplätzchen, kam dann bruchstückweise raus, was den Herrn Heinevetter so in Aufregung versetzt hat. 
In der Zeitung hatte er von einem schrecklichen Unfall gelesen. Ein älterer Herr hat auf einem Parkplatz bei Ausparken eine Frau angefahren. Nicht nur einmal, sondern gleich ein zweites Mal, nachdem die Frau wieder aufgestanden war. "Ein Baby hatte die dabei und ein kleines Mädchen. Und nu isse tot. Fünf kleine Kinder soll die haben. Ach das ist so schrecklich!" Schrecklich fand die Grete das auch. "Aber was hat das mit ihnen zu tun, das verstehe ich nicht."
"Was gibbet da nicht zu verstehen, Frau Meier. Habense nicht zugehört? Ein älterer Mann! Also so einer wie ich es bin. Klingelts?" Grete kapierte noch immer nichts und zeigte das auch deutlich. "Häääh?" 
"Also heute sind se aber schwer von Begriff, Frau Meier. Das könnte mir doch auch passieren. Denkense mal an meine Augen. So richtig gut sehen ist anders. Und dann, toter Winkel und so. Neee, neee, ich geb morgen sofort meinen Führerschein ab. Da kann mich keiner von abhalten. Ich bin kein Mörder! Und mein Auto geb ich meinem Neffen. Nur, Fau Meier, ein wenig bange ist mir schon. Wie soll ich denn jetzt meinen Wocheneinkauf erledigen. Mit der Bahn müsste ich ja dreimal hin und herfahren, um alles zu besorgen. Das schaff ich doch gar nicht mit meinem kaputten Knie!" Ganz unglücklich klang er, der Herr Heinevetter. 
Grete schickte ihn erstmal auf den Balkon. "Rauchen sie erstmal in Ruhe eine. Ich überleg mir was." Nach ein paar Minuten kam die Grete zu dem Schluss, dass sie Helfer bei ihrem Vorhaben braucht. Also klingelte sie bei den Hebers. Und sie hat Glück gehabt. Herr Heber war schon zuhause. Grete schilderte ihm das Problem. Herr Heber eilte zu Herrn Wenig und kurz darauf war jeder Stuhl in Gretes Küche besetzt. Sogar Frau Korters hat es sich nicht nehmen lassen, unterstützend an der Krisensitzung teilzunehmen. Grete kochte noch mehr Lieschentee und füllte die Schüssel mit den Plätzchen auf. Nach kurzem Palaver war die Sache geklärt und Grete holte Herrn Heinevetter dazu. Der war ganz schön erstaunt, die halbe Nachbarschaft in Gretes Küche vorzufinden. Grete nickte ihm aufmunternd zu und erteilte Herrn Heber das Wort.
"Alos, lieber Herr Heinevetter, es gibt da noch eine Möglichkeit. Meine Frau geht mit ihnen nächste Woche zum Optiker und dann wird ihre Sehkraft überprüft. Vielleicht brauchen sie ja nur eine stärkere Brille. Und wenn das geklärt ist, wird der Herr Wenig sie zu einem Freund mitnehmen, der eine Fahrschule hat. Und da machen Sie dann einfach nochmal einen Fahrtest. Das gibt es nämlich, sowas. Und dann, aber erst dann, Herr Heinevetter, sehen wir weiter. Den Führerschein können sie auch in zwei Wochen noch abgeben." Jetzt viel ihm die Grete ins Wort. "Und wenn es soweit kommt, dann fahren sie einfach mit mir zum Einkaufen. Mein Autochen schafft auch zwei Wocheneinkäufe. Und wenn sonst irgendwas anliegt, wo sie nicht mit Bus oder Bahn hinkommen, kriegen wir das auch geregelt. Nu, was sagen sie?"
Herr Heinevetter sagte nichts. Er schaute nur jeden einzelnen überrascht an. "Nee, was bin ich froh, dass meine Hilde nie hier wegziehen wollte. Solche Nachbarn, hat sie immer gesagt, solche Nachbarn haben wir nur hier. Wenn das alles so stimmt, was ihr sagt, dann brauch ich ja vielleicht wirklich meinen Führerschein nicht abgeben. Kann ich noch ein Tässchen, Frau Meier? Hamse übrigens schon gehört ... "


Was Lieschen zu allem sagt, gibt es hier zu lesen --> KLICK

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Sonntag, 13. Oktober 2013

Von Luftballons und 2,4 Promille



Von Luftballons und  2,4 Promille


Das Fräulein Grete Meier zittert. Am ganzen Körper. Immer noch. Und dabei hatte der Tag so gut angefangen.

Punkt elf hat sich die Grete mit Herrn Heinevetter, der Frau Korters und den Hebers vor der Haustür getroffen. Gemeinsam wollten sie zum alljährlich stattfindenden Straßenfest aufbrechen. Eigentlich wollte der Herr Wenig auch mitkommen, aber da er in letzter Minute gestern noch für einen erkrankten Kollegen den Nachtdienst übernehmen musste, brauchte er erst mal Schlaf. "Ich komme dann nach, Frau Meier. Ganz bestimmt."

Stolz schob die Grete den Kinderwagen mit Luis vor sich her. Der quiekte vergnügt vor sich hin, während die Erwachsenen fröhlich plauderten. Die Straße war abgesperrt, rechts und links gab es Stände mit allerlei Krimskram, unterbrochen von Buden mit köstlichen Leckereien. Die Gruppe blieb ab und an mal stehen um sich dies und das mit begleitenden Ahs und Ohs anzuschauen, oder um etwas zu essen. Das Straßenfest wird von den ansässigen Geschäften organisiert und von vielen Anwohnern unterstützt. Jeder der was anzubieten hat, sei es Getränke oder Speisen, Handarbeiten oder Bücher und Hausrat, darf das an diesem Tag tun. Ob am Straßenrand oder in einer Einfahrt oder Garage. Trotz strenger Auflagen der Stadt, was die Hygiene betrifft, gelingt es jedes Jahr wieder, das Fest auf die Beine zu stellen. Sogar ein kleines Kinderkarussell gab es. Drei Runden ist die Grete mit Luis auf dem Schoß gefahren. Eingequetscht in ein Feuerwehrauto. Danach gab es für den Luis ein kleines Bockwürstchen und die anderen labten sich an frischer Pizza. Grete gönnte sich ein Glas Wein im Stehen, die Frau Korters einen Schnaps, während die anderen jeder ein Bier tranken.

Mittlerweile war es auch schon Zeit für den Höhepunkt des Festes. An der großen Bushaltestelle stand ein LKW-Anhänger aus dem pausenlos Musik dröhnte. Eine gute Mischung aus moderner  und Schunkelmusik. Der DJ ergriff das Mikrofon und kündigte die Aktion unter dem Jubel der Zuschauer an. Jeder der wollte konnte sich nun einen Luftballon, der mit Helium gefüllt war, am LKW abholen. Dazu wurde eine Karte gereicht, die mit Name und einem netten Gruß an den Finder versehen wurde. Nachdem alle Luftballons ausgegeben waren kam der Countdown. Bei Null ließen alle die Ballons in den Himmel steigen. Alle Karten, die von den Findern in den nächsten vier Wochen zurückgesendet werden, kommen in eine Lostrommel. Hauptpreis ist immer ein schöner Fresskorb. Aber darum geht es im Grunde nicht. So viele Luftballons am Horizont, das gibt einfach ein schönes friedliches Bild ab. Luis passte das allerdings nicht. Er schrie und weinte seinem Luftballon hinterher. Solange, bis Herr Heber einen neuen organisiert hat. Nicht so bunt und ohne Helium, aber das war Luis egal. Er gluckste zufrieden. Man schlenderte weiter, vorbei an Bierbuden und einem Weinausschank  und blieb an einem Kuchenstand hängen. Kuchen zieht die Grete ja magisch an. Vor allem Apfelkuchen mit Zimt. Die Stimmung war so ausgelassen, dass Herr Heinevetter mit der Frau Korters ein Tänzchen wagte. Zum Schneewalzer. Grete lachte sich kaputt. Vor lauter Lacherei bemerkte sie erst spät, dass etwas nicht in Ordnung war. Irgendwas war an der Bierbude im Gange. Leute schrien und es herrschte ein großes Durcheinander.  Herr Heber war schon in Richtung der Bude unterwegs. Die Grete drückte ihren Apfelkuchen der verdutzten Frau Korters in die Hand und eilte ihm nach. Sie drängelte sich durch die Mange, die einen Kreis gebildet hatte. Mittendrin lag ein etwas 14-Jähriges Mädchen auf dem Boden. Herr Heber kniete über dem Mädchen und brachte sie in die stabile Seitenlage. Sturzbesoffen - hörte die Grete und - Ist einfach umgekipptRuf doch mal einer den Notarzt. Grete fackelte nicht lange und nahm die Beine in die Hand. Sie klingelte Sturm bei Klaus Wenig. Der öffnete verschlafen die Tür.  "Sofort mitkommen!", bestimmte die Grete. "Junges Ding, wahrscheinlich Alkoholvergiftung. Nicht ansprechbar." Klaus Wenig reagierte sofort. Schnappte sich seinen Notfallkoffer und eilte im T-Shirt und Schlafshorts der Grete nach. Zehn Minuten später kam dann auch endlich der Rettungswagen. Klaus Wenig begleitete das Rettungsteam ins Krankenhaus. Grete und den anderen war es nicht mehr nach Feiern zumute. Völlig erstarrt und in sich gekehrt gingen sie nach Hause. "Verdammt!", sagte die Grete noch zu Herrn Heinevetter an der Tür. "Wer zum Teufel gibt Minderjährigen Alkohol? Dem sollte man die Hände abhacken!"

Herr Heinevetter schüttelte nur den Kopf. "Schlechte Welt, Frau Meier, schlechte Welt."

Gegen Abend hat der Klaus Wenig noch bei Grete geklingelt. "Alles wieder gut. Die Kleine hat nochmal Glück gehabt. Aber stellen sie sich vor, 2,4 Promille hat der Alkoholtest ergeben. Die muss nicht nur Bier, sonder auch Härteres getrunken haben. Wir haben ihr den Magen auspumpen müssen, um Schlimmeres zu verhindern. Die Eltern waren auch auf dem Fest, haben aber angeblich nichts mitbekommen. Na, ich weiß nicht so recht. Was sind denn das für Eltern?"

Was das für Eltern sind, darüber wollte die Grete erst gar nicht nachdenken. Das würde ihr Blutdruck heute auf keinen Fall mehr mitmachen.




Wie Lieschen das sieht könnt ihr spätestens morgen hier lesen ---> KLICK

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Montag, 30. September 2013

Das Fräulein Grete Meier und Zombieaugen



Das Fräulein Grete Meier und Zombieaugen

Auf dem Weg zum Autochen hat das Fräulein Grete Meier heute Morgen den Klaus Wenig getroffen. Zumindest jemandem der ihm irgendwie ählich sah. Denn erst nachdem der Herr Wenig der Grete ein mattes "Schönen guten Morgen, Frau Meier", zuwarf, erkannte sie ihn überhaupt. Sonst ein fröhlicher, aufrecht gehender Mensch, stand vor der Grete jetzt ein Häufchen Elend mit gebeugten Schultern. "Ja was ist denn mit Ihnen passiert?"
"Nix Frau Meier, nix. Hab Vierundzwanzigstundendienst gehabt. Und das seit vierzig Stunden. Brauch jetzt erst mal eine Mütze Schlaf." Die Grete sah ihm verwundert hinterher. Vierundzwanzigstundendienst und das seit vierzig Stunden? Gehört hatte sie ja schon davon, dass in vielen Krankenhäusern die Ärzte, besonders die Assistenzärzte, immens viele Überstunden machen müssen. Aber so viele? Das ist doch lebensgefährlich. Nicht nur für die Gesundheit von dem Herrn Wenig, auch für die Patienten. Und dann fährt der auch noch völlig übermüdet Auto! Ein Schreckenszenario nach dem anderen stellte sich die Grete auf der Fahrt zum Büro vor. Rechtes Knie operiert statt dem linken, vergessene Klammern im Bauchraum nach einer Blinddarmoperation, Herr Wenig mit Kreislaufkollaps auf dem Parkplatz und Augen wie ein Zombie, und eine Massenkarambolage auf der Autobahnverursacht durch einen Falschfahrer nach einer 40-Stundenschicht im Krankenhaus. Ebenfalls mit Zombieaugen. Grete wurde es ganz schlecht.
Im Büro wartete dann ein Schreckensszenario anderer Art auf die Grete.  Ein Mantel hing an der Garderobe im Vorzimmer. Der Chef war schon im Büro. Vor der Grete. Das konnte nichts Gutes bedeuten. Das letzte Mal war ein kompletter Systemabsturz in der Firma die Ursache gewesen. Und das war drei Jahre her. Komisch, das Auto vom Chef stand doch gar nicht auf dem Parkplatz. Grete stellte ihre Tasche ab und klopfte vorsichtig an die Bürotür vom Chef. Keine Antwort. Keine Antwort vom Chef heißt für Grete: Tür aufreißen!
Der Anblick von einem schnarchenden Chef auf dem Teppich, mit dem Kopf auf seinem Aktenkoffer, verstörte die Grete. Aber nur für einen kurzen Moment. Resolut packte sie den Chef an der rechten Schulter und schüttelte ihn kräftig. Alkoholdunst schlug ihr entgegen. Überhaupt, stank das ganze Büro nach Alkohol. Dass ihr das erst jetzt aufgefallen war! Der Chef regte sich nach Gretes Attacke, murmelte unverständliches Zeug, schlug dann aber die Augen auf. Zombieaugen! Grete fühlte sich verfolgt.
Zwei Tassen Kaffee später war die Grete im Bilde. Total abgerutscht in irgendeiner Bar war der Chef gestern Abend. Mit Geschäftspartnern. Und dann hat er sich nicht mehr nach Hause getraut. Wo genau die Bar war, konnte er der Grete nicht sagen. Nur wo er seinen Wagen abgestellt hatte. Grete war sichtlich erleichtert, dass der Chef wenigstens nicht mehr mit dem Auto gefahren ist. In dem Zustand! Wer weiß was hätte da passieren können! Grete schimpfte und schimpfte. Bis der Chef sich die Ohren zuhielt. Das passte der Grete nun gar nicht. Sie stoppte ihre Schimpftirade, zog dem Chef die Hände von den Ohren weg und befahl ihm sich frischzumachen. Gut, dass die Grete immer frische Sachen für den Chef parat hielt. Für den Notfall. Also wenn der Chef mal urplötzlich noch zu einem Geschäftsessen musste und keine Zeit mehr hatte, nach Hause zu fahren um sich umzuziehen. "Nicht, dass gleich noch einer kommt und sie so sieht. Vorbildfunkton sag ich nur, Vorbildfunktion!"
Und der Chef spurte. Als Susi kam, um der Grete guten Morgen zu sagen, wurde sie von ihr aus dem Büro gescheucht. "Wichtige Konferenz Kindchen. Sag das auch den anderen. Vorerst keine Störung heute Morgen. Und besorg mal zwei belegte Brötchen für den Chef!" Mittlerweile sah Gretes Chef wieder einigermaßen manierlich aus. Grete schenkte ihm noch einen Kaffee ein. " Chef, das Auto hole ich nachher, sie können noch nicht fahren. Aber was ist mit ihrer Frau? Die ist doch bestimmt ganz krank vor Sorge. Sie müssen anrufen." Nackte Panik keimte in den Augen vom Chef auf. "D … d… das … k... kann … ich … nicht", stotterte er. "Die reißt mir den Kopf ab! Können sie nicht ... ?"
Grete griff zum Telefon und wählte. " Das eine sag ich ihnen, lügen tu ich nicht!"
Relativ schnell wurde am anderen Ende abgenommen. Grete legte gleich los. "Morgen Frau Wiegand, hier ist Grete Meier, ich wollte sie nur beruhigen, ihr Mann …" Weiter kam die Grete nicht.
"Ach, hamse ihn gefunden? Total betrunken war der gestern. Hat mich noch aus dem Taxi angerufen, weil er unsere Adresse nicht mehr wusste. Hab ihm gesagt, er soll das Handy dem Taxifahrer geben, ich würde die Adresse durchgeben. Hab ich ja dann auch." Dabei lachte sie in den Telefonhörer. "Ehrlich Frau Meier, so eine Nacht auf dem harten Boden im Büro tut dem mal ganz gut. Sagense ihm einen schönen Gruß von mir. Und … diesmal muss er mehr springen lassen, als Blumen. Mindestens ein Wochenende in Paris. Wir zwei ganz allein. Ohne Handy und Laptop. Suchense schon mal was Schönes für uns raus." Grete ließ den Hörer sinken. Und lachte … und lachte …
Der Chef verstand die Welt nicht mehr und Susi stand sprachlos mit den belegten Brötchen im Türrahmen. "Komische Konferenz", sagte sie später zu Eido. "Äußerst merkwürdig. Aber da komm ich noch hinter!"




Was Lieschen zu all dem sagt, erfahrt ihr hier ---> KLICK

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