Von Knochenbrüchen und Wahlpannen
So schön hatte sich das
Fräulein Grete Meier das Wochenende vorgestellt. Wohnung putzen, Einkaufen,
Ausspannen und am Sonntag gemütlich ins Wahllokal spazieren. Das stand auf
ihrem Plan. Der dann allerdings ins Wanken geriet, als Freitagabend noch spät das
Telefon klingelte, und der nach dem Anruf kläglich scheiterte.
Beim ersten Klingelton hatte
die Grete schon ein ungutes Gefühl. Sie hört nämlich am Klingeln schon, wer sie
sprechen möchte. Tante Heidi, nach neun, das kann nichts Gutes bedeuten. Und in
der Tat, was Gutes hatte die nicht zu berichten. Aus dem Krankenhaus käme sie
gerade, tönte ihre aufgeregte Stimme durch den Hörer. Grete musste sich erst
mal setzen. Tante Heidi war so aufgeregt, dass die Grete einige Zeit brauchte, um
die komplette Situation zu erfassen. Onkel Günther ist die Treppe vor dem Haus heruntergestürzt.
Ausgerutscht auf einem regennassen Reklameblättchen, das wohl aus dem
Briefkasten gefallen war. Und Tante Heidi, die hinter ihm ging, ist über ihn
gefallen. Mit samt einem Kessel heißer Kartoffelsuppe. Damit wollten sie zu den
Nachbarn. Das machen sie öfter, gemeinsam mit den Nachbarn essen und dann
Karten spielen. Die Nachbarin war es dann auch, die einen Krankenwagen
gerufen hat. Für Beide. Das Ende vom Lied ist, dass Onkel Günther einen komplizierten
Unterschenkelbruch erlitten hat und Tante Heidi starke Verbrühungen am rechten
Arm durch die Suppe. "Gretchen, Liebes, was soll ich denn jetzt nur tun? Günther
kommt Montag aus dem Krankenhaus. Mit Gipsbein, für mindestens 6 Wochen. Und
ich kann den rechten Arm kaum bewegen." Die Grete fackelte nicht lange.
Beruhigte Tante Heidi, so gut es eben ging, legte den Hörer auf, packte ein
paar Sachen zusammen für die Nacht, sagte kurz dem Herrn Heinevetter Bescheid
und marschierte zu ihrem Autochen. Während sie die Reisetasche verstaute, rief
sie noch schnell das Lieschen an.
Zwei Stunden später saß sie
bereits bei Tante Heidi auf dem Sofa. Die sah wirklich erbärmlich aus. Man sah
ihr die Schmerzen an. Was sie aber nicht davon abhielt, der Grete alles nochmal
haarklein zu erzählen. Die hörte
geduldig zu, half später der Tante Heidi noch im Bad und danach ins Bett und
legte sich dann selber schlafen. Der Samstag war dann angefüllt mit Krankenhaus,
einkaufen, wieder Krankenhaus und zuletzt mit der Suche nach einer Lösung für
die kommenden Wochen. Dank der guten Nachbarschaft von Tante Heidi und Onkel
Günther konnte das Problem schnell gelöst werden. Frau Gevers von gegenüber,
seit einiger Zeit Witwe, bot an, jeden Tag für die zwei zu kochen, solange bis
Tante Heidi ihren Arm wieder benutzen konnte. Der direkte Nachbar, bereits in
Rente, würde sich um die anfallenden Fahrten zum Arzt kümmern, während seine
Frau die beiden im Alltag unterstützt.
Gut, dass Tante Heidi und
Onkel Günther in einem Bungalow leben. Treppensteigen zum Schlafen mit Gipsbein
ist nämlich äußert schwierig. Tja, und die Grete? Die kommt für die nächsten
Wochen jeden Samstag. Um zu putzen und um die Einkäufe zu erledigen und alles
was eben sonst noch so anfällt, in einem Haushalt zweier lädierter Personen. Grete
macht das aber gerne. Schließlich liebt sie die beiden über alles.
Heute Morgen hat die Grete
Wäsche gewaschen, gebügelt, Tante Heidi zum Verbandwechsel gefahren, nochmal
Onkel Günther besucht und ist dann wieder gen Heimat gedüst. "Ich muss
doch noch wählen gehen!"
Völlig erschöpft stieg sie am
Wahllokal (Kindergarten!) aus ihrem Autochen. Schnell die Kreuzchen und dann
heim. Auf das Sofa. Lieschen anrufen. Doch mit schnell wurde es nichts. Vor der
Grete stand ein aufgeregt schnatterndes Grüppchen. "Lassen sie den Jungen
doch wählen, der darf doch, der hat eine Karte", hörte sie heraus. Nach
einigem Hin und her, die Schlange hinter der Grete wurde im länger, stellte
sich heraus, dass der junge Mann wohl zweimal auf der Liste stand. Das galt es
zu klären. Vorher durfte niemand anderes wählen. Sehr zum Unmut einiger
Umstehenden, die scheinbar absolut keine Zeit mitgebracht hatten. Zumindest
konnte man das dem Gemaule und den Zwischenrufen entnehmen. Grete wartete.
Geduldig. Die Schlange der Wahlwilligen
wurde länger und länger. Es wurde telefoniert und nochmal telefoniert und dann
durfte der junge Mann endlich seine Kreuzchen setzen. Grete wollte dann auch, schließlich
war sie jetzt an der Reihe. Kam aber immer noch nicht dazu. Denn eine aufgetakelte
Frau, wohl in Gretes Alter, mit Designerhandtäschen, drängelte sich von ganz hinten
vor die Grete. Grete war die schon vorher aufgefallen, durch ihr Gemecker.
Sie hätte die Wahlkarte
verloren, mit Zeitungen wahrscheinlich in den Müll geworfen, aber ihren Ausweis
hätte sie dabei, man solle doch bitte einfach mal in die Wahlunterlagen
schauen. "Ich hab es eilig! Und im Übrigen steht im Internet, ich habe
mich extra informiert, dass man keine Karte braucht!" Die Stimmen hinter
der Grete wurden nun wieder lauter. Vordrängeln ist nicht – Was ist das denn
für eine – Hinten anstellen – usw. Die Wahlhelfer, mittlerweile völlig
überfordert, versuchten Ruhe hineinzubringen. Was ihnen aber mehr oder weniger
nur gelang, in dem sie die Dame bevorzugt behandelten, nachdem die drohte, kein
Kreuzchen zu setzen. Grete war es mittlerweile egal, sie amüsierte sich
köstlich. Man muss nur dreist genug
sein, dachte sie, dann scheint alles zu klappen. Aber die kommt auch noch an einen
Punkt, wo sie mit ihrer penetranten Dreistigkeit auf den Hintern fällt. Ganz
bestimmt.
Endlich konnte sie auch ihre
Kreuzchen machen. Und endlich nach Hause fahren. Auf das Sofa fallen und mit
Lieschen telefonieren. Von Duellen, Wahlplakaten, Tengelmannanzeigen und all
dem Gedöhne hat die Grete jetzt erst mal die Schnauze voll. Aber sowas von.
Zumindest für die nächsten
vier Jahre.
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Nun, da hat das liebe Gretchen ein aufregendes Wochenende hinter sich. Es ist löblich, sich für die Verwandten aufzuopfern, zumal sie Tante und Onkel lieb hat. Hoffentlich wird es gedankt!!!!
AntwortenLöschenDie Geschichte im Wahllokal ist schon witzig, bei uns war es eher langweilig gähn..... Dieselben Gesichter wie in jedem Jahr und dann noch der Bewacher an der Wahlurne. Nun kennen wir das Ergebnis, einige schimpfen, andere sind hochzufrieden. Da wünsche ich der Grete eine gute, nicht so stressige Zeit, ein Beinbruch dauert oft lange, von Verbrennungen ganz zu schweigen. LG Geli
Oh wei liebe Grete was für ein Wochenende, das braucht kein Mensch. Gut das liebe Nachbarn sich um Tante und Onkel kümmern können. Hoffe Beiden geht es schnell wieder gut. Erhol dich und geniesse den Abend, hoffentlich in Ruhe.
AntwortenLöschenLiebe Grüße
Angelika
Ach, Du Arme,
AntwortenLöschenda kann man nur wieder sagen: Und erstens kommt es anders und zweitens als man denkt. Alle Achtung, dass du sofort zu Deiner tante gefahren bist und alles geregelt hast. Das werden noch ein paar Wochenenden, die fast nicht planbar sind.
Die Sache im Wahllokal ist schon zm Schmunzeln. Die Dame musste eben auffallen. Hoffentlich war sie in der Lage, überhaupt ein richtiges Kreuz zu setzen.
Einen spannenden Restabend wünscht
Irmi
Ja, wahrlich ein aufregendes Wochenende für Grete.
AntwortenLöschenArme Tante Heidi, armer Onkel Günter. Das war schon Pech auf der ganzen Linie.
Grete richtet es mal wieder, ist hilfsbereit und eben tatkräftig.
Was ich schön finde bei all dem Unglück: Es gibt wohl noch Nachbarschaftshilfe.
Die Menschen sind gar nicht so gleichgültig, wie man oft erzählt.
Für Onkel und Tante scheint erst einmal gesorgt - dennoch: ein Beinbruch und Verbrennungen, das ist beides übel.
Grete weiß nun, wie sie die nächsten Wochenenden verbringen wird.
Das ist sehr lieb von ihr, aber sie selber braucht ja auch mal Erholung.
Mal sehen, wie es wird.
Ich bin ein wenig in Sorge...
Die Wahllokal-Story ist recht erheiternd. Wieder mal zeigt es sich, dass Frechheit siegt - zumindest kurzfristig für den Moment.
Bei meiner Tochter durfte heute ihr dreijähriger Sohn nicht mit in die Wahlkabine. Auf die Frage, warum nicht, bekam sie zur Antwort: Wahlgeheimnis...
Na ja, hier ist es ja üblich, dass Dreijährige lesen und über die Tischplatte in der Wahlkabine reichen. Immerhin bekam der Kleine ein Stück Schokolade....
Jetzt hoffe ich mal, dass Grete die Woche gut herumbringt, denn erholsam war das Wochenende für sie nicht.
Tante Heidi und Onkel Günter wünsche ich gute Besserung.
Liebe Grüße
Enya
Ihr Lieben alle, vielen Dank für eure netten Kommentare. Die Grete wird die Genesungswünsche weitergeben ;-)
AntwortenLöschenGruß vonner Grete