Montag, 11. November 2013

Von Pyjamas und Idolen

Von Pyjamas und Idolen

So ein schöner Tag war das heute. Der Himmel blauer als blau und strahlender Sonnenschein. Und das Fräulein Grete Meier konnte ihn in vollen Zügen genießen, weil sie frei hatte. Sogar ein bisschen länger im Bett geblieben ist sie morgens. Das Frühstück mit Kaffee, Aufbackbrötchen und Zeitung hat sie einfach dorthin verlagert. Das Radio spielte im Hintergrund gängige Musik, ansonsten war es himmlisch ruhig. So gegen halb neun hörte die Grete den Herrn Heinevetter auf dem Balkon rumoren. Normalerweise hätte sie sich eine Zigarette geschnappt und wäre auch raus gegangen. Doch heute hatte die Grete keine Lust und zudem steckte sie ja auch noch im Schlafanzug. Nachthemden sind nämlich nichts für die Grete. Ein Pyjama ist viel bequemer findet sie. Vor allem Herrenpyjamas haben es der Grete angetan. Gestreifte. Aus glattem glänzenden Stoff. Damit vor den Herrn Heinevetter treten, wollte sie jedoch nicht. Muss nicht sein. Also blieb sie wo sie war - im Bett. Gerade als die Grete beim Sportteil angelangt war, fing es an. Irgendjemand stöhnte und ächzte ganz fürchterlich. Grete horchte. In Sekunden war sie sich sicher, dass es vom Balkon kam. Herr Heinevetter, dachte die Grete und sprang aus dem Bett. Da ist bestimmt was passiert. Sie eilte ins Wohnzimmer und riss die Balkontür auf. Niemand zu sehen. Nicht bei ihr auf dem Balkon und auf den ersten Blick war auch der Balkon von Herrn Heinevetter leer. Das Stöhnen und Ächzen war aber immer noch deutlich zu hören, lediglich kurz unterbrochen von einem "Scheiße" und einem "Leck mich am Arsch". Und diese Stimme ordnete die Grete auf jeden Fall dem Herrn Heinevetter zu. Nur, wo war der bloß? Grete kletterte kurzerhand über die Mauer auf den Nachbarbalkon. Nicht, dass er verletzt im Wohnzimmer liegt. Gretes Gedanken überschlugen sich. Sie schob die Tür zu Herrn Heinevetters Wohnzimmer auf. Doch das war leer. Jetzt registrierte die Grete, dass die Stimme von irgendwo hinter ihr kam. Sie drehte sich um. Das Blut gefror ihr in den Adern. Auf der Balkonaußenmauer lagen zwei Hände, in dicke Lederhandschuhe gepackt, die sich langsam von links nach rechts an der Brüstung entlang bewegten. Mit einem Satz war die Grete an der Brüstung und schaute hinab. Da hing er, der Herr Heinevetter. Stöhnte, ächzte und fluchte. Grete fackelte nicht lange und packte ihn mit einem Aufschrei an den Armen. "Um Gottes Willen, was machen sie denn da!" Herr Heinevetter sah zu ihr hoch. "Frau Meier, Gott sei Dank. Sie müssen mir helfen. Allein komm ich nicht mehr hoch!" Helfen, ja das wollte die Grete zu gerne, doch war es mehr als schwierig den Herrn Heinevetter hochzuhieven. Nach, ihr endlos erscheinenden, Minuten war es dann geschafft und der Herr Heinevetter stand wieder auf seinem Balkon. Auf sicherem Boden. Er zitterte ein wenig, schien aber ansonsten wohl auf zu sein. Erst jetzt bemerkte die Grete, wie merkwürdig er gekleidet war. Outdoorjacke und Jeans. Jeans? Seit wannn trägt der denn Jeans, dachte die Grete. Hat doch sonst einen Anzug an. Mit Hemd und Krawatte. Immer. Grete verstand gar nichts mehr. Und als Herr Heinevetter dann auch noch auf ihre Frage, warum er an der Brüstung hing antwortete: "Wegen Schimmi!" war es vollends aus. Grete musste sich setzen. Allerdings im Wohnzimmer von Herrn Heinevetter. Draußen war es einfach zu kalt. "So, jetzt aber mal raus mit der Sprache. Wer oder was ist ein Schimmi, und warum wollen sie sich deshalb den Hals brechen?" Herr Heinevetter, der mittlerweile die Outdoorjacke über einen Stuhl gelegt hatte, antwortete nicht gleich. Grete musste also die Frage nochmal stellen. Zögerlich und sichtlich verlegen kam dann die Erklärung. "Der Schimmi ist doch der Götz, also der Schimanski. Haben sie denn gestern den Tatort nicht gesehen?" Hatte die Grete nicht. "Ja was hat das denn alles mit dem Tatort zu tun?" 
"Nicht mit dem, Frau Meier, nicht mit dem. Nur mit dem Schimanski. Alle Stunts hat der selber gemacht. Großes Kino sag ich ihnen. Fit wie ein Turnschuh ist der. Und die Muskeln. Haben sie die Muskeln von dem mal gesehen? Und dabei ist der so alt wie ich!" Herr Heinevetter machte eine Pause und Grete stand noch immer auf dem Schlauch. Zumal sie die Muskeln von Herrn Schimanski noch nie interessiert haben. Da gibt es doch wahrlich knackigere Männer. Henning Baum zum Beispiel. Der letzte Bulle. Den schaut sich die Grete gerne an. Und gerät dabei regelmäßig ins Schwärmen. Grete du schweifst ab, schalt sie sich. Und dann begriff sie so langsam. "Sie wollten wohl einmal Schimanski spielen, Herr Heinevetter!" Als der nur ergeben nickte, schwoll der Grete der Kamm. "Das kann ja wohl nicht wahr sein. So dumm Herr Heinevetter, so dumm. Da hätte ja wer weiß was passieren können!"
Herr Heinevetter machte noch einen Versuch sich zu verteidigen. "Is aber nich, Frau Meier. Ich hab mir eben gedacht, was der kann, kann ich auch noch. Zwanzig Liegestütze hab ich locker geschafft.  Und wenn sie nicht eingegriffen hätten, dann wäre ich ganz sicher auch die Brüstung wieder hoch gekommen." Da blieb der Grete glatt die Luft weg. Hatte sie doch immer noch dieses - Frau Meier, sie müssen mir helfen - im Ohr. "Jetzt reicht es aber Herr Heinevetter. So nicht. Machense doch was sie wollen. Von mir aus. Kletternse am Balkon entlang im ersten Stock. Warum nicht gleich bei der Frau Korters? Ist noch ein bisschen höher. Ich stör sie garantiert nicht mehr bei diesem Schwachsinn. Und jetzt, entschuldigen sie mich bitte. Mein Kaffee wird sonst kälter als kalt." 
So wütend hat der Herr Heinevetter die Grete noch nie erlebt. Betroffen sah er ihr nach, als sie erhobenen Hauptes durch die Balkontür schritt und schwungvoll über die Mauer auf ihren Balkon kletterte. Und das alles in  einem gstreiften Pyjama.


Was Lieschen davon hält könnt ihr hier nachlesen ---> KLICK
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Kommentare:

  1. Ich lache schallend, das ist zu komisch und doch typisch Mann. Der Götz George ist Schauspieler ob der real so fit ist, das weiß ich gar nicht. Ich mochte ihn früher gern, heute ist er nicht mehr so ganz meine Welt, also habe ich den Tatort gar nicht gesehen.Stattdessen Les Miserables seufzzzzz. Trotzdem hat die liebe Grete ein gutes Werk getan, denn sie ist hilfsbereit und aufmerksam. Es gibt viele Nachbarn die sich überhaupt nicht um ihre unmittelbare Umgebung kümmen, die Gleichgültigkeit sieht man überall.
    Ich habe mir heute einen neuen Pyjama gegönnt, das nur mal am Rande. Gruß Geli

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  2. Oh je ich komm aus dem Lachen nicht mehr raus, ganz schön verückt der Herr Heinevetter.
    Nur gut das du ihn gerettet hast. Komischerweise hat Götz George seinen "Schimanski" weg, dabei spielt er super Theater, doch das wissen die wenigsten.

    Liebe Abendgrüße
    Angelika

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  3. Hallo Grete,
    die Überschrift "Idiot" finde ich treffend. Ist schon irrsinnig, auf was für Ideen Mann so kommen kann. Ist für mich rational nicht nachvollziehbar. Götz George halte ich zwar für einen klasse Schauspieler. Als Schimanski hat er mir nicht so richtig gefallen.

    Gruß Dieter

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  4. Nee, oder?
    Sorry, ich lach mich gerade schief - und das am frühen Morgen - wie bekomme ich jetzt diese Bilder wieder aus dem Kopf?
    Das ist ja mehr als skurril. Auf welche Gedanken und Ideen die Menschen kommen!
    Schimmi spielen...Da kann ich nur den Kopf schütteln.
    Ich dachte, im Alter von Herrn Heinevetter sei man über solche Eskapaden erhaben - von wegen idole, nacheifern und so.

    Grete hat natürlich geholfen, aber ihre Wut kann ich auch verstehen.
    Was, wenn es schief gegangen wäre?

    Den Schimanski habe ich mit halbem Auge gesehen, weil mein mann das schauen wollte (er ist dabei eingeschlafen). Aber das ist nicht so meins. ich wusste im Voraus, dass er wieder um sich haut und alles Mögliche zerschlägt....
    Es gibt bessere rollen, die der Götz gespielt hat.
    Hoffentlich konnte grete ihren freien Tag nun noch genießen und hat den Ärger über ihren Nachbarn mit Kaffee runtergespült.

    Eine herrliche Story, filmreif (würde dem Schimanski in nichts nachstehen...)

    Liebe Grüße
    Enya

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  5. Dieser Kommentar wurde vom Autor entfernt.

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  6. genialer text, hat mir gerade echt den tag versüßt!

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  7. also wer dazu nix zu sagen hätte!!!...ich lach mich schlappi....sooo bildhaft beschrieben, eine schöne geschichte, herzhaft und deftig wenn ich an die Darstellungen vom George als Schimanski denke, ( aber da war er noch um etliches jünger"!...und da macht so ein oller Irrer den auch noch nach und erklettert Brüstungen um sich seine Fitheit zu beweisen....tsss...da hat sich das Frollein Grete aber allerhand einfallen lassen um ihn zu retten", hät auch schiefgehen können!
    eine köstlich erfrischende geschichte..meint Angel...die sich HIER ausnehmend gut unterhält.

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Da freut sich die Grete aber, dass du was zu sagen hast ...