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Dienstag, 9. Februar 2016

Das Fräulein Grete Meier haut auf den Putz

Das Fräulein Grete Meier haut auf den Putz 

Das Fräulein Grete Meier rollte mit den Augen. "Nicht schon wieder", knurrte sie vor sich hin. Stand dann aber doch von ihrem Schreibtisch auf. 
Ich mag sie, ich mag sie - tickte es wie ein Uhrwerk in ihrem Kopf, während sie gemessenen Schrittes zum Büro des Chefs ging. Dennoch, so sehr sie sich auch bemühte ruhig zu bleiben, mehr als ein genuscheltes "Was´n los", brachte sie nicht über die Lippen, als sie die Tür öffnete. 

"Und dann", schnaubte die Grete zehn Minuten später in der Küche, "dann hat Madame doch tatsächlich verlangt, dass ich einen Termin beim Friseur und anschließend noch einen Termin zur Massage machen soll. Sie bräuchte unbedingt Entspannung nach der vielen Arbeit. Entspannung .. das ich nicht lache ... viel Arbeit ... jajaja ... Fingernägel lackieren ist ja sowas von anstrengend!" 
Berta Kalt sah sie mitleidig an. "Hab schon von der Seelig gehört, dass es wohl keine so gute Idee war vom Chef, seiner Frau die Leitung zu übertragen während er in der Reha ist. Die is auch schon mit den Nerven fertig. Gestern hat sie die Warenbestelllisten zig mal über den Haufen geworfen." 
Grete nippte an ihrem Kaffee. "Scheiße, heiß .. das auch noch!" Sie rieb sich die schmerzende Lippe. "Es ist zum Mäusemelken. Ich fand die Frau vom Chef immer so nett. Ich hätte nie gedacht, dass das so ein Drachen ist. Keine Ahnung von nix, aber immer was zu kamellen. Was hat der sich nur dabei gedacht?"
"Wahrscheinlich nix", antwortete Berta. 
Grete prustete und schüttelte den Kopf. "So sieht es auch aus. Und jeden Abend lüg ich ihm die Hucke voll, wenn er anruft. Chef, sag ich dann immer. Chef, alles in bester Ordnun. Ihre Frau hat alles im Griff. Ha, von wegen. Aber ich sach dir Berta, heute abend ...."
"Besser nich, Grete", wurde sie von Berta unterbrochen. " Aufregung ist Gift für ihn. So ein Schlaganfall ist kein Zuckerlecken. Der braucht Ruhe und nochmals Ruhe. Wenn du dem was sagst, kommt der glatt direktemang aus der Reha zurück. Nee, nee, reiß dich besser zusammen."
Grete schüttete den restlichen Kaffee in den Ausguss. "Hast ja recht, Berta, dennoch ... so kann es nicht weitergehen! Ich muss jetzt auch wieder zurück. Rechnungen durchgehen. Eigentlich sollte sie das ja machen, aber das Computerprogramm ist ihr zu schwierig. Dabei hat der Simon es ihr gestern erst zigmal erklärt. Bis später dann."

Wieder zurück in ihrem Büro musste Grete sich erstmal mittels Schokolade stärken. Während sie sich ein Stück nach dem anderen in den Mund schob, rasten ihre Gedanken wie ein Kettenkarussell im Kreis herum. Was für ein Dilemma, dachte sie. Irgendwas muss ich doch machen können. Grete, denk nach. Was würde Lieschen in soner vertrackten Situation tun? 
Beim Gedanken an Lieschens Art, stets geradeheraus zu sein, hielt das Karussell endlich an. Ja, so mache ich es. 

Grete zog an ihrer Zigarette und lächelte in die Kamera. "Und dann hab ich an dich gedacht, Lieschen. Also was du da so tun würdest. Hab meinen ganzen Mut zusammen genommen und bin in ihr Büro. Und hab ihr alles gesagt. Das es so nicht weitergeht und alle schon ganz wuschig sind in der Firma."
Lieschen, am anderen Ende der Welt, lachte lauthals los. "Echt jetzt Grete? Das haste ihr alles gesagt?" Dann wurde sie ernst. "Ich hoffe, in ruhigem Ton, oder Grete?
Grete tat empört. "Was denkst du denn von mir! Ich war ruhig. Aber sowas von. Und, ich habe ihr nicht nur alles gesagt, sondern ihr auch meine Hilfe angeboten. Und die von Berta, der Seelig, dem Eido und ..ach einfach von allen. Und ich sag dir was. Die war total erleichtert. Frau Meier, hat se gesagt, Frau Meier, ich bin ihnen ja so dankbar. Ich habe mich nie um die Firma gekümmert, weiß gar nicht wo ich hier anfangen soll. Ich will ja alles richtig machen und alles lernen. Und auf keinen Fall will ich meinen Mann enttäuschen. Ehrlich Lieschen, die hat nur die Chefin raushängen lassen, weil sie sich geschämt hat, dass sie im Grunde keine Ahnung von dem hat, was ihr Mann alles so leistet."
Lieschen hate ihr interessiert zugehört. "Irgendwie verständlich. Sowas habe ich mir schon gedacht. Und nu?"
Jetzt war es die Grete, die lachte. "Also als erstes habe ich nochmal das Rechnungsprogramm erklärt. Dann haben wir alle Rechnungen zusammen fertig gemacht. Und morgen, stell dir mal vor, morgen will sie es ganz alleine versuchen. Und mit der Seelig hat sie auch noch geredet und sich entschuldigt. Was sagste nun ...?" Zufrieden lehnte sich die Grete zurück.
"Was willste jetzt von mir hören, Grete?  Das du alles richtig gemacht hast? Ja, das haste, aber ... du hättest das schon früher machen sollen, anstatt dich so aufzuregen und alles in dich reinzufressen. Dennoch, Hut ab, besser spät als nie!"

Lange saß das Fräulein Grete Meier später noch, als sich das Lieschen längst verabschiedet hatte, vor dem dunklen Bildschirm. Lieschen hat ja recht, sinnierte sie. Hätte ich früher auf den Putz gehauen .. . nächstes Mal mache ich es besser. Dann sag ich gleich was.








Dienstag, 1. Dezember 2015

Das Fräulein Grete Meier löffelt ihre Suppe

Das Fräulein Grete Meier löffelt ihre Suppe

"Boah Lieschen, ich bin ja sowas von blöde ... ich könnt mich in den Hintern treten!" Das Fräulein Grete Meier schlug sich mit der Hand vor die Stirn. Lieschen, auf dem Bildschirm, sagte nichts. Sie hob nur ebenfalls eine Hand und zeigte der Grete einen Vogel. Sehr deutlich. 
"Ja was soll ich denn nun machen", jammerte die Grete. "Echt jetzt, du bist mir auch keine Hilfe!" Grete warf einen vorwurfsvollen Blick in die Kamera. Lieschens Antwort bestand lediglich aus einem schiefen Grinsen.
"Nu sag doch mal was, bevor ich hier total ausklinke!" 
"Mensch Grete", tönte es aus dem Lautsprecher. "Da kann ich dir nun wirklich nicht helfen. Diese Suppe haste dir selber eingebrockt. Was biste auch immer so voreilig. Und überhaupt, was is denn schon dabei. Der Holzmann ist doch ganz umgänglich. Sagste ihm einfach was los is und dann .."
Grete unterbrach sie. "Nee, auf keinen Fall. Eher fall ich tot um. Ihh muss mir was anderes einfallen lassen. Ich hab da auch schon ne Idee. Grippe ... ja, so mach ich es. Ne richtig schöne Grippe. Heiser kann ich, Liescchen. Das merkt keiner. Hör mal ..." Grete hustete dreimal und sprach mit Flüsterstimme weiter. "Leider, ich kann nicht kommen, die Stimme, der Hals und Schnupfen habe ich auch und das Fieber ... 41 Grad, ich muss bestimmt ins Krankenhaus." 
Lieschen konnte sich vor Lachen kaum noch halten. "Grete, komm mal wieder runter", gluckste sie, nachdem sie sich einigermaßen von Gretes Ichmalmalaufkrank erholt hatte. "Denk nach und dann tuste das, was de immer tust. Pack den Stier bei den Hörnern. So, nu muss ich aber auflegen. Herrmann hat die Pizza fertig. Ich meld mich am Sonntag, dann kanste mir erzählen, wie es ausgegangen is ... und bis dahin ..halt die Ohren steif." Noch ein letztes Winken in die Kamera und das Lieschen verschwand vom Bildschirm.
Pizza ... na, die brauchte sich ja um  sowas keine Sorgen machen. Die hat ja Herrmann. Ehe Grete den Faden weiterspinnen konnte, wusste sie bereits, wie ungerecht das von ihr war. Beschämt senkte sie den Kopf. Grete, denk nach ... Sie griff nach einer Zigarette und zündete sie an. Lieschen hat ja recht. Schuld biste selber. Nur wie aus der Nummer herauskommen?
Drei Zigaretten später wusste die Grete immer noch nicht, was sie tun sollte. Krankstellen war im Grunde keine Option. Dafür mochte sie die jährliche Weihnachtsfeier viel zu gerne. Was zum Henker hatte sie nur heute morgen im Büro geritten. Sie wusste es nicht. 
Heidi Seelig hatte morgens die Liste der Teilnehmer erstellt. Und nur ganz zufällig hatte die Grete mitangehört, wie sie zu Eido gesagt hatte, dass Grete ja wie jedes Jahr alleine kommt und somit neben Berta Kalt sitzen soll, die ja auch ohne Anhang ist. Dieses Jahr sollten nämlich zu der Weihnachtsfeier auch die Partner eingeladen werden. Grete verfluchte innerlich die Idee vom Chef. Doch anstatt den Mund zu halten hatte die Grete spontan in Richtung von Frau Seelig gerufen: " Ich bin nicht allein. Ich bring meinen Freund mit. Den Herrn Holzmann. Jawoll!" Schon als die Säze heraus waren, hatte die Grete sie bereut. Über das Gesicht von der Seelig hatte sie sich dennoch amüsiert.
Nu denn, Grete, jetzt gibbet kein Zurüch mehr. Is ja nich so wie bei den Politikern, die heute was sagen und morgen davon nix mehr wissen wollen! Nee, nee, wenn die Grete wat sacht, dann stehtse auch dazu.... Grete ordnete ihre Gedanken, dann das Haar. Noch ein Blick in Spiegel, etwas Lippenstift ( is immer gut, wenn man einem Mann etwas abringen möchte ...) und dann ...
Schultern gestrafft und ab in die Höhle des Löwen. Grete griff nach ihrem Schlüsselbund. Entschlossen öffnete sie die Wohnungstür und trat in den Flur. "Na, dann wollen wir mal. Wäre doch gelacht, wenn ich den Holzmann nicht überreden kann mit mir zur Weihnachtsfeier zu gehen ...!"





 


Dienstag, 27. Januar 2015

Das Fräulein Grete Meier hat eine Mission

Das Fräulein Grete Meier hat eine Mission

Das Fräulein Grete Meier genoss die sonntägliche Stille und ihr Rührei. Völlig entspannt blätterte sie im Wochenblättchen, dass immer Sonntags den Weg in sämtliche Briefkästen der Stadt findet. Neben der Sonntagszeitung gehört das Wochenblättchen zu Gretes Sonntagsmorgensentspanndichgefälligstmalritual, ist also somit Pflicht für die Grete. Die Werbebeilagen lässt sie meistens außer acht, mehr interessiert sie der Veranstaltungskalender und die großen und kleinen Nachrichten, die direkt ihre Stadt betreffen und die, wegen "wen interessiert schon der Dackelclub", keinen Passierschein für die Tagespresse erhalten hatten.  Heute jedoch interessierte sie nicht mal, dass im Kindergarten unten an der Ecke schon wieder die Rutsche kaputt ist. Gretes sonntägliches Interesse galt nur zwei Seiten der Zeitung. Den zwei Seiten, auf denen man die Kontaktanzeigen findet. Und es handelte sich hierbei keinesfalls um ein flüchtiges, der Neugierde entsprungenes Interesse. Nein, eher um ein um vielfach gesteigertes. Zumindest, seit ihr die Berta vor ein paar Tagen angeraten hatte, sich diese Kontaktanzeigen doch mal genauer anzuschauen. "Weißte, Grete, eine Bekannte von mir hat so ihren Mann gefunden. Man muss sich auch mal was trauen." 
Heidi Seelig hatte natürlich sofort eingeworfen, dass Kontaktanzeigen oldscool sind und man heute Internetkontaktbörsen bevorzugt. Susi hatte sich nur kaputtgelacht und ein "ich sag nur Disco" in die Runde geschmissen. Etwas leiser war dann noch "aber dafür sindse ja schon zu alt, Frau Meier", zu hören gewesen. Spätestens ab diesem Zeitpunkt hatte es die Grete zutiefst bereut, dass sie von ihren IchsuchmireinenMann-Plan so leichtfertig in der Frühstückspause erzählt hatte. Erst als die Grete nachmittags mit Nachdruck die Vorzimmertür ins Schloss hatte fallen lassen, hatten sie aufgehört, die ungebetenen Ratschläge. Zumindest vorerst.
Nun, Grete ist ja nicht nachtragend und guten Ratschlägen durchaus schon mal zugetan. Und ein bisschen neugierig, was da in solchen Kontaktanzeigen wohl steht, ja, das war sie dann wohl auch.
Grete nahm noch einen Schluck Kaffee, atmete einmal tief ein und begann sich der ersten Anzeige in der Kategorie "Er sucht Sie" zu widmen. Jung, dynamisch sucht ... Grete stockte. Schnurzelbärchen zum Kuscheln? Was sollte das denn. Nee, ein Schnurzelbärchen bin ich nicht, will ich auch gar nicht sein. 
Nächste Anzeige. Guterhaltener Mittfünfziger sucht anlehnungsbedürftiges Mädchen ... das wird ja immer doller. Zwei Annoncen gelesen und schon hatte die Grete die Nase voll. Erst nochmal einen Schluck Kaffee und ein bisschen Rührei. Und dann ...  sei tapfer Grete, les einfach weiter. Mehr Schwachsinn geht schon gar nicht, kann nur noch besser werden. 
Lebenskünstler, 35 Jahre, gutaussehend sucht Dame, gern auch älter, die er verwöhnen kann. Keine finanziellen Absichten ... Also das ist doch ... Grete war empört. Keine finanziellen Absichten! Ach nee! Was ist das hier? Eine Seite mit Kontaktanzeigen oder ein einschlägiges Magazin?
Eine Tasse Kaffee später lag das Sonntagsblättchen bereits im Müll. Und mit ihr der erste Teil der Mission "GretesuchteinenMann". 
Bertas Kontaktanzeigen? Abgehakt. Aber sowas von.



Dienstag, 11. November 2014

Das Fräulein Grete Meier hat Tomaten auf den Augen

Das Fräulein Grete Meier hat Tomaten auf den Augen 

Eigentlich wollte das Fräulein Grete Meier nur eine Lichterkette für den Weihnachtsbaum im Büro besorgen. Die vom letzten Jahr hatte nämlich den Geist aufgegeben. Vom letzten Jahr ist gut. Uralt isse schon die Lichterkette. So alt, dass man die Birnchen der einzelnen Kerzen nicht mehr nachkaufen konnte. So schwang sich die Grete in der Mittagspause in ihr Auto und düste in das nächstgelegene Einkaufszentrum. In der Erwartung, dass so ein Lichterkettenkauf in ein paar Minuten erledigt ist. Gab es da doch einen Woolworth. Doch Pustekuchen. Der kostenfreie Parkplatz? Rappelsvoll. Und vor dem gebührenpflichtigen Parkhaus? Eine Schlange. Endlich. Grünes Licht. Trotzdem hat die Grete ganze 15 Minuten hat gebraucht, um einen Parkplatz zu finden. Ist ja nun auch wirklich nicht leicht. Da zeigt die Anzeige der Tafel großspurig an ... 1 Parkplatz frei. Nur wo der freie Platz sich auf den drei Etagen befindet ... weiß der Geier. Grete wusste es jedenfalls nicht. Immerhin, direkt neben dem Aufzug. Und der, fuhr erst mal von der dritten Etage in die erste, dann zurück in die zweite. Grete kämpfte mit den Knöpfen, aber es half nichts. Erst nach einem nochmaligen Stopp in der dritten Etage, fuhr er wie gewünscht ins Erdgeschoss. Dort angekommen musste die Grete nach einigen Minuten verzweifelten Umherirrens, immer auf der Hut vor Döner, Coffee to go und Pommes Rot-Weiß (müssen denn alle immer ihr Mittagessen im Gehen verzehren?), feststellen, dass sich der Woolworth in der zweiten Etage befindet. Was man auch deutlich neben den Knöpfen im Fahrstuhl ablesen konnte. Wenn man denn hingeschaut hätte. Grete hatte nicht. Jedenfalls nicht so richtig. Sie hatte es eben anders in Erinnerung. Woolworth im Erdgeschoss. Eigentlich unverschämt, den Laden einfach so zu versetzen. Nur um Grete zu ärgern.
Grete prüfte noch einmal, ob der Reißverschluss ihrer Handtasche auch ja richtig geschlossen ist. Man kann ja nie wissen. Wo doch immer so viel über Handtaschendiebe in der Zeitung steht. Mit mir nicht, dachte die Grete. Mit mir nicht. Und klemmte die Tasche noch fester unter ihren Arm. So gerüstet stürzte sie sich in Getümmel. Und ein Getümmel war es wahrlich. Jeder drängelte und schubste. Vor allem in der Abteilung mit dem Christbaumschmuck war die Hölle los. Im Gang mit den Lichterketten war es etwas ruhiger und so konnte die Grete in aller Ruhe nach einer passenden Beleuchtung suchen. Was es da nicht alles gab. Kerzen mit Batterie, so ganz ohne Kabel, hatten es der Grete angetan. Doch der Preis war ganz schön happig und sprengte das Budget. Also suchte Grete weiter. Die Hongkongware war zwar recht günstig, sah aber auch dementsprechend aus. Als letztes blieb nur ein rieser Tisch übrig, angefüllt mit den verschiedensten LED Lichterketten. Na, dachte die Grete. Das ist doch mal was. LEDs sind modern und außerdem noch praktisch. Man kann diese Ketten ganz einfach im Baum verteilen, ohne dieses lästige stundenlange ausrichten der Kerzen. Grete nahm eine der großen Verpackungen in die Hand. 550 LEDs mit Fernbedienung und Farbwechsel, je nach Bedarf. Etwas kitschig vielleicht, aber da Susi und Heidi Seelig dieses Jahr auf einen weniger traditionellen Weihnachstschmuck bestanden haben, alles sollte kunterbunt sein, würde das schon passen. Grete suchte nach dem Preis. Auf der Packung war nichts vermerkt, aber mitten auf dem Warentisch prangte ein riesiges Schild. 7,99 Euro. Na, wenn das nicht ein Schnäppchen ist. Grete schnappte sich einen zweiten Karton und ab ging es zur Kasse. Schlange, was sonst. 
"Tüte?" Grete nickte. "Macht 179,80 Euro. Tüte ist gratis."

Auf dem Weg zurück ins Büro schwor sich die Grete, niemandem, aber auch wirklich niemandem davon zu erzählen.  Hundertmal hatte sie sich mindestens schon in Gedanken vor den Kopf geschlagen. Dämlich biste, Grete, aber sowas von. Und dann machste auch noch son Aufstand an der Kasse. Gott, war das peinlich als die Verkäuferin mir süffisant das Schild gezeigt hatte. AB 7,99 Euro hatte darauf gestanden. Deutlich lesbar. Hätte ich ja auch draufkommen können, dass eine Lichterkette mit 550 LEDs nicht sooo billig ist. Wer lesen kann ist eben klar im Vorteil. Nun, passiert ist eben passiert. Jetzt muss ich mir nur noch eine gute Ausrede einfallen lassen, warum ich ohne Lichterkette ins Büro zurückkomme. 







Sonntag, 8. Dezember 2013

Das Fräulein Grete Meier hat ein Herz für Kinder

 Das Fräulein Grete Meier hat ein Herz für Kinder

Weihnachtszeit - Spendenzeit. So ist es nun mal. Wie sagte die Bankerin von Fräulein Grete Meier neulich: "Da spenden sie alle, als ob es nur zu Weihnachten Menschen und Tiere in Not gibt. Die wollen doch nur ihr schlechtes Gewissen beruhigen." Die Grete sieht das etwas differenzierter. Besser Weinachten spenden, als überhaupt nicht. Und wenn das Geld eben in der Zeit aus unerfindlichen Gründen lockerer sitzt, so what? Also "so what" hat die Grete natürlich nicht gesagt. Das war der Simon, als Grete ihm von ihrem Besuch bei der Bank erzählt hat. Dabei ist es meist nicht das schlechte Gewissen was es zu beruhigen gilt. Die Gründe, warum jemand spendet, sind recht vielfältig. Und niemand hat je ein schlechtes Gewissen erwähnt, wenn das Thema mal aufkam. Vor allem Rentner spenden vor Weihnachten. Auch Onkel Günther. "Grete", sagt er immer, "Grete, ich hab doch genug. Und ich weiß was es heißt, Hunger zu leiden." Ähliches sagt auch Frau Korters. "Meine Generation kennt Krieg, Leid und Hunger. Auch wenn ich nicht viel habe, an Weihnachten muss ich einfach was abgeben!" Susi kennt selber keinen Hunger und keinen Krieg. Nur aus Geschichtsbüchern. Aber sie spendet auch. Für Tiere. Grete findet das in Ordnung. Heidi Seelig spendet nie. "Ist doch für die Katz, die stecken sich das doch alle in die eigene Tasche. Das Geld kommt doch nie da an, wo es gebraucht wird!" Ein bisschen muss ihr die Grete da leider recht geben. Zu oft hat man da schon Negatives lesen müssen. Letztens erst hatte die Grete einen Bericht gesehen, in dem es um Altkleidersammlungen ging. Die Grete war ganz schön schockiert gewesen, dass der größte Teil der Kleidung irgendwo in Afrika landet. Aber nicht bei den ärmsten der Armen, sondern auf Verkaufstischen. Seitdem gibt die Grete ihre Sachen immer direkt in der Kleiderkammer der evangelischen Kirche ab. Ist zwar aufwendiger als zum Container zu laufen, aber effektiver. Also so gar nicht spenden, nichtmal an Weihnachten, findet die Grete doof. Deshalb hatte sie ja auch die Diskussion am Freitag in der Gemeinschaftsküche angeregt. Mit Einverständnis vom Chef. Der spendet nämlich jedes Jahr eine größere Summe an die Organisation "Ein Herz für Kinder". Vielleicht, weil er selber keine hat. Oder aus anderen Gründen. Grete ist das egal. Sie findet das gut. Denn bei "Ein Herz für Kinder" kann man auf der Webseite genau nachlesen, wohin das Geld wandert. Mal wird ein Spielplatz in einer Hochhaussiedlung gebaut, mal eine  Kita unterstützt. Oder eine Behindertenschule. Auch einzelne Kinder erhalten Hilfe. Da wird ein dringend benötigter Rollstuhl angeschafft oder auch eine ganze Wohnung behindertengerecht umgebaut, weil die Eltern sich das nicht leisten können. Zwei Drittel der Spenden bleiben in Deutschland. Auch das gefällt der Grete.
Und gestern war es ja mal wieder soweit. Der Spendenmarathon "Ein Herz für Kinder" im ZDF. Grete hatte am Freitag mit Simon, Susi, Eido und der Berta fleissig in der Firma gesammelt. Richtig stolz war sie, weil mit einem bisschen Überzeugungsarbeit jeder Mitarbeiter etwas in das Riesenschwein gesteckt hatte, welches Eido extra besorgt hatte. Was war das für ein Spaß gewesen, als es nachmittags geschlachtet wurde! Ein schönes Sümmchen ist dabei zusammen gekommen. Der Chef hat dann die Summe auf einen ansehnlichen runden Betrag aufgestockt.Und dann hat er die vier Sammler noch zu sich nach Hause eingeladen am Samstagabend. "Nichts großes, meine Frau macht nur ein paar Schnittchen. Wir haben doch diesen riesigen Fernseher. Da können wir uns gemütlich die Sendung anschauen." 
Der Abend war wirklich gelungen. "Auch wenn die Schnittchen nicht an ihre rankommen, Frau Meier", wie Eido später sagte. Grete ist daraufhin ganz rot geworden. 
Heute morgen hat sie dann gelesen, dass mehr als sechzehn Millionen Euro gespendet wurden. "Da wird einem ja ganz schwindelig vor so viel Hilfsbereitschaft", hat die Grete bei einer Zigarette auf dem Balkon zu Herrn Heinevetter gesagt. Der hatte die Sendung natürlich ebenfalls gesehen. "Und gespendet habe ich auch", sagte er stolz. "Fünfzig Euro! Ach Frau Meier, hamse schon von dem Pocher und der Lisicki gehört? Die sollen ja jetzt zusammen sein. Doll, wie der das immer schafft!"





Dienstag, 3. Dezember 2013

Das Fräulein Grete Meier und ihr Laster

Das Fräulein Grete Meier und ihr Laster 

Ein wenig Zeit hatte das Fräulein Grete Meier heute morgen noch im Büro, bevor der Trubel los ging. Das Handelsblatt war gelesen und so surfte die Grete durch ein paar Blogs, die sie, wenn es ihr die Zeit erlaubt, besucht. Virtuell versteht sich. Auf dem Blog von Irmi, hat sie dann etwas entdeckt. Neben den informativen Schilderungen von Bildern, die sich so alles in Kathedralen finden lassen. Irmi hat nämlich überlegt, ihr Lieblingslaster unter ihren Schreibtischstuhl zu kleben. Dann könne ihr Hinterteil meditierend darauf sitzen und der Versuchung den Kampf ansagen. Mit den Worten: Du kannst mich mal. Also richtig ausgedrückt und aufgrund der Tatsache, das das Laster nun unter dem Hinterteil sitzt - somit wortwörtlich genommen: Du mein Lieblingslaster, kannst mich mal am Arsch lecken. 
Die Grete hat laut gelacht. Zu komisch ist aber auch die Vorstellung, dass da so ein Laster unter dem Stuhl hockt. Komisch aber auch, dass man unter all seinen Lastern auch ein Lieblingslaster hat. Die Grete kam ins Grübeln. Hat sie etwa auch ein Lieblingslaster? Eines dem sie vor allen anderen Lastern den Vorzug gibt? 
Laster kommt von Last. Eine Last kann man entweder tragen oder nicht. Und wenn man sich schon für das Tragen entschließt, dann kann man sie auch irgendwann abstellen. Irgendwo. Vielleicht am Straßenrand. Oder zwischenlagern. Falls man sie wieder mal braucht, die Last, irgendwann. Man könnte so ein kleines Laster auch verstecken. Unter dem Mantel oder so. Damit es keiner sieht. Wobei, überlegte die Grete, das geht wohl nur, wenn es wirklich klein ist. So ein richtig großes Laster, das lässt sich nicht mal eben in die Tasche stecken.
Wer beurteilt denn, ob so ein Laster klein oder groß ist? Der der es trägt, der der es sieht? Grete ist überfragt. Immer tiefer dringt sie in ihre Gedanken ein. "Ist mein Hang zu Torte und Kuchen schon ein Laster? Naja, ein kleines vielleicht für mich. So ein persönliches. In den Augen von der Heidi Seelig wird es wahrscheinlich zu einem Monster anwachsen. Die achtet ja immer so auf ihre Figur. Ob ein Monster wohl unter meinen Schreibtischstuhl passt? Sicherlich nicht. Auch nicht unter den Stuhl von der Frau Seelig. 
Jetzt musste die Grete grinsen. Sie stellte sich ein riesiges, tortenvertilgendes rosa Moster unter ihrem Stuhl vor, das verzweifelt versucht ihrem meditierenden Popo zu entkommen. 
"Grete, komma zur Sache", schimpfte sie laut. "du schweifst wieder ab! Also los, geh in dich. Irgendwo muss doch auch DEIN Lieblingslaster lauern." Nur wo? 
Die Grete schaute unter ihren Stuhl. Aber da hockte nix. Noch nicht mal ein winzig kleines. Musste also woanders sein. Sie entleerte ihre Handtasche auf dem Schreibtisch. Auch da war alles normal. Auch in den Schubladen wurde sie nicht fündig. Nicht im Spiegel und nicht ... weiter kam sie nicht, denn der Chef steckte seinen Kopf durch die Tür. "Morgen Frau Meier,  wir müssen sofort ..." Und da hatte er sie wieder. Der Alltag. Die Gedanken vom morgendlichen Surferlebnis gingen im Bürostress dann völlig unter.

Total geschafft nach dem Tag, führte der erste Weg von der Grete, noch im Mantel, auf den Balkon. In Ruhe eine Zigarette rauchen wollte sie. Als sie es dann hörte, dieses "Hamse schon gehört" von Herrn Heinevetter, da wusste sie wie es aussieht - ihr kleines persönliches  Lieblingslaster. Und das, würde sie auf keinen Fall unter ihren Schreibtischstuhl kleben. 




Freitag, 15. November 2013

Das Fräulein Grete Meier wird gestylt

Das Fräulein Grete Meier wird gestylt

"Am besten, Frau Meier, fröhliche Farben, das kommt immer gut an bei unseren Kunden. Und bitte seien Sie pünktlich!" Leicht irritiert beendete das Fräulein Grete Meier heute morgen den Anruf und steckte ihr Handy wieder in die Tasche zurück. Susi schaute sie erwartungsvoll an. "Was warn das? Haben sie echt gewonnen? Fünftausend Euro?" Grete nickte automatisch. "Haste richtig gehört, Susi. Das war gerade meine Bankberaterin. Seit Jahren kaufe ich schon jeden Monat zehn Sparlose. Die kosten fünf Euro. Vier Euro wandern auf mein Sparkonto und ein Euro wird für einen guten Zweck gespendet. Also nicht so richtig. Ein Teil wird als Gewinn ausgeschüttet. Und da hab ich gewonnen." Grete konnte es noch immer nicht glauben, dass merkte man an ihrer Stimme. "Dabei hab ich noch nie was gewonnen. Soviel Geld!" Grete schüttelte den Kopf. "Ja sowas", kam es von der Susi, "das ist doch super. Warum passiert mir das nicht. Fünftausend Euro, was ich damit alles kaufen könnte. Neue Klamotten, einen Fernseher, das neue iPad ..." Betroffen hielt sie inne, als die Grete einen Seufzer ausstieß. "Mensch Frau Meier, warum freuen sie sich denn gar nicht?" Denn das die Grete alles andere als begeistert war, war offensichtlich. Zusammengesunken mit heruntergezogenen Mundwinkeln hockte sie auf ihrem Schreibtischstuhl und stierte in die Luft. Susi fuchtelte mit einer Hand vor Gretes Gesicht herum. Keine Reaktion. Sie stupste die Grete an. Immer noch keine Reaktion. Jetzt wurde es der Susi mulmig. Sie eilte aus dem Büro. Kurze Zeit später kam sie mit Heidi Seelig im Schlepptau zurück. Grete saß noch genauso da wie vorher. "Sehense, Frau Seelig, das meine ich. So sitzt sie schon ein paar Minuten. Das ist doch nicht normal!"
Heidi Seelig schüttelte die Grete, deren Gesicht keinerlei Farbe mehr aufwies. "Frau Meier, was machense denn für Sachen. Fünftausend Euro ist zwar ein doller Gewinn, aber es sind keine fünf Millionen. Wennse die gewinnen, dann könnense aus den Latschen kippen."
Jetzt reagierte die Grete endlich. "Ach Frau Seelig, das mit dem Gewinn, natürlich freue ich mich darüber. Aber  ..."
"Was aber, Frau Meier, da gibt es doch kein aber, oder müssen sie dafür etwa den Herrn Heinevetter heiraten?" Die Susi brach in lautes Lachen aus. "Kopfkino, ich krieg Kopfkino!" Auch Grete konnte ein Grinsen nicht unterdrücken. Und mit dem Grinsen kehrte auch wieder Farbe auf ihre Wangen zurück. "Äußerst witzig, Frau Seelig, aber ich muss ihn natürlich nicht heiraten. Viel schlimmer, viel viel schlimmer." 
Was Schlimmeres, als den Herrn Heinevetter zu heiraten, konnte sie die Susi gar nicht vorstellen. Höchstens noch, dass Robbie Williams schwul ist. Für den schwärmte sie nämlich. Heimlich natürlich. Wegen Simon und so. Männer sind da ja sehr empfindlich, hat sie mal gelesen. Heidi Seelig, die sich mittlerweile auf die Kante von Gretes Schreibtisch gesetzt hatte, wollte es nun genau wissen. "Was ist denn nun viel schlimmer?"
Grete sank wieder in sich zusammen. "Der Fototermin", sagte sie ziemlich kleinlaut.  "Die wollen mich fotografieren mit einem Scheck in der Hand. Zusammen mit meiner Bankberaterin. Und das Bild soll dann mit einem Bericht über die glückliche Gewinnerin in der Kundenzeitschrift von der Bank erscheinen. Furchtbar!"
Also was daran so furchtbar sein sollte verstanden weder die Heidi Seelig noch die Susi. Auch der Chef nicht, der nun auch seinen Kopf aus dem Büro gesteckt hatte. Grete hatte wirklich Mühe ihr Dilemma zu erklären. Denn wenn die Gretes eines überhaupt nicht mag, sind es gestellte Fotos. "Da sehe ich immer total blöde aus. Ich kann einfach nicht auf Kommando lächeln. Und außerdem, ich habe nichts anzuziehen. Die wollen fröhliche Farben sehen. Und der Fototermin ist doch schon in zwei Stunden. Ausgerechnet heute habe ich das graue Kostüm an. Mit grauer Bluse. Was mache ich denn jetzt nur. Nach Hause fahren kann ich ja nicht mehr. Dafür fehlt die Zeit. Und überhaupt. Meine Frisur sitzt auch nicht. Und Schminke schleppe ich nicht mit mir herum, das wissen sie doch."
Ganz verzweifelt war die Grete. "Das haben wir gleich!", tönte es von der Schreibtischkante. Susi verstand und blinzelte verschwörerisch Richtung Heidi Seelig.

Keine zehn Minuten später glich das Vorzimmer mehr einem Beautysalon, als einem Büro. Der Chef wurde rausgeschickt und Heidi Seelig, Susi und Berta Kalt legten los. Letztere drapierte einen bunten Seidenschal um Gretes Hals. Wo immer sie ihn auch aufgetrieben hatte, er passte perfekt zu den tristen grauen Kostüm. Mit einer großen bunten Brosche wurde er festgesteckt. Heidi Seelig fummelte, zog und zupfte an Gretes Haaren herum. Voller Elan verteilte sie eine halbe Dose Haarspray über ihr Werk. "Drei Wetter Taft, Frau Meier. Das hält bombig. Büro -  die Haare sitzen. Autofahrt - die Frisur hält. Bank - das Haar ist noch immer geschmeidig." 
Grete hätte gerne mit den anderen gelacht, es war ihr aber nicht möglich, da die Susi gerade mit ihrem Gesicht beschäftigt war. Sie schmierte und pinselte was das Zeug hielt. "Voila!", rief Heidi Seelig eine halbe Stunde später. Alle drei zogen die Grete in die Damentoilette vor den Spiegel. Grete traute sich erst gar nicht die Augen zu öffnen. Vorsichtig riskierte sie dann aber doch einen Blick. Sprachlos riss sie die Augen dann ganz auf. Aus dem Spiegel blickte ihr ein wohlfrisiertes, dezent geschminktes Gesicht entgegen. Rosige Wangen, rosige Lippen, alles farblich abgestimmt auf den wirklich schönen bunten Seidenschal. "Siehste, Grete, jetzt strahlste. Nu kannst dich auch über den Gewinn freuen. auch für das Foto."
Grete drehte und wendetet sich noch ein paar mal vor dem Spiegel, bedankte sich überschwänglich bei allen dreien, schnappte sich Tasche und Autoschlüssel und fuhr zur Bank. Den Fototermin überstand sie locker und strahlend, wie die Göttin der Morgenröte.
"Und, Frau Meier", wurde sie von der Bankberaterin gefragt, "was machen Sie mit dem Geld?" Grete lächelte. "Drei Damen zum Essen einladen. Ganz groß. So richtig mit allem SchickiMicki. Was haben sie denn gedacht?"


Was Lieschen davon hält könnt ihr hier nachlesen ---> KLICK
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Dienstag, 12. November 2013

Das Fräulein Grete Meier hätte es wissen müssen

Das Fräulein Grete Meier hätte es wissen müssen 

Heute war einfach nicht mein Tag. Seufzend ließ sich das Fräulein Grete Meier in ihren Sessel sinken. Eigentlich, dachte sie weiter, eigentlich hätte ich es heute morgen schon wissen müssen, als der Kaffee alle war. Aber man schiebt ja erstmal alles weg. Wird schon werden. Alles nicht so schlimm, Grete. Trinkste eben Tee. Doch das Wegschieben negativer Gedanken brachte der Grete nicht das Geringste. Unausweichlich schossen Ärger, sowie kleine und mittlere Katastrophen, auf sie zu. Wie ein Wirbelsturm, dem man nicht entgehen kann. 
Beim Anziehen zerriss die Strumpfhose. Natürlich war kein Ersatz mehr da. Die Grete entschied sich für Socken und einen Hosenanzug, statt ihrem obligatorischen Kostüm. Der, wie kann es auch anders sein, noch aufgebügelt werden musste. Nach dem Bügeln konnte die Grete zwar in einem völlig knitterfreien Anzug ins Büro fahren, aber auch mit einer Brandwunde am Unterarm, weil nämlich in der Hektik der Arm aus unerklärlichen Gründen dem heißen Eisen im Weg war. Ein schwerer Unfall  auf der Autobhan führte zu einem Stau, in dem die Grete natürlich festsaß. Für volle zwei Stunden. Als die Grete dann endlich im Büro ankam, stand ein völlig aufgelöster Chef vor dem Kopiergerät und diskutierte heftigst mit Susi und Eido. Jedwedes Lämpchen an dem Gerät leuchtete und zudem piepte es permanent. Scheinbar hatten alle drei hier mal gedrückt und da mal dran gezogen, um das streikende Gerät wieder ans Laufen zu bringen. Grete riss noch im Mantel einfach den Stecker raus. Sie kannte das schon. Einfach ausstecken, ein paar Minuten warten, wieder einstecken und das Ding läuft wieder. Nur heute eben nicht. Stecker rein, wieder raus, wieder rein. Tot. Der Geist des Kopierers schwebte irgendwo im Nirwana.  "Chef, ich sag ihnen schon seit Wochen, dass ein  neuer her muss. Jetzt haben wir den Salat. Ausgerechnet heute, wo die Rechnungen raus müssen!" Da es sich nämlich um ein Multifunktionsgerät handelt, war somit auch das Drucken für heute nicht möglich. Eido rettete zumindest die Rechnungssache. Er hievte zusammen mit Simon kurzerhand das Multifunktionsgerät aus der Versandabteilung in das Vorzimmer und schloss es auch gleich an. Beim Anblick von Simon brach Susi in Tränen aus und flüchtete in die Damentoilette. Grete schaute Simon scharf an. Der zuckte jedoch nur mit den Schultern und machte, dass er aus dem Büro kam. Grete blieb nichts anderes übrig als der Susi zu folgen. Die lehnte am Waschbecken und schluchzte zum Gotterbarmen. "Kindchen, was ist denn los?" Susi schluchze noch lauter. "Der Simon, der Simon, der hat eine andere ...!"  Grete mochte das nun überhaupt nicht glauben. "Der Simon doch nicht. Wie kommste denn darauf?" Unter weiteren Schluchzen erzählte die Susi, dass sie ihren Simon gestern Arm in Arm mit einer dunkelhaarigen jungen Frau gesehen hatte. In einem Café. "Und mir hat er erzählt er müsse lernen. Nie wieder will ich ihn sehen, diesen Mistkerl. Nie wieder!" Grete drückte der Susi ein Papiertaschentuch in die Hände. "Nu beruhige dich mal. Dafür gibt es bestimmt eine Erklärung. Du müsstest doch den Simon eigentlich gut genug kennen. Sowas macht der nicht." So etwas wie Hoffnung glomm in Susis Augen auf. "Meinense, Frau Meier?"
"Mein ich nicht nur, weiß ich", erwiderte die Grete und machte sich auf die Suche nach Simon. Des Rätsels Lösung - besagte junge Dunkelhaarige war Simons Schwester. Er hatte sich mit ihr getroffen, damit sie ihn wegen eines Weihnachtsgeschenkes für Susi berät. Gut, dass mittlerweile die Mittagspause anstand. Grete verfrachtete beide in die Küche, damit sie sich aussprechen konnten. Sie selber verzog sich samt Heidi Seelig und Berta Kalt in ihr Vorzimmer. Mit deren Hilfe war dann die Rechnungsangelegenheit schnell vom Tisch. Grete ließ die Tastatur klappern. Heidi Seelig faltete und die Berta tütete alles ein. So konnte die Grete später doch noch alles pünktlich zur Post bringen. Auf der Fahrt nach Hause, rannte ihr zwar noch eine schwarze Katze beinahe vor das Auto - Natürlich kam sie von links - aber das war der Grete jetzt auch egal. Sie wollte nur noch in ihren Sessel. Vorher musste sie aber noch Kaffee und Strumpfhosen kaufen. An der Kasse stellte sie fest, dass sie ihre Geldbörse im Büro liegengelassen hatte. Jetzt reichte es der Grete endgültig. Nix mehr pack ich heute an. Nix mehr.

Gerade als das Fräulein Grete Meier etwas zur Ruhe gekommen war, klingelte es an der Tür. "Bitte, lieber Gott, bitte. Keine Katastrophen mehr heute. Das halte ich nicht aus", murmelte sie noch, bevor sie öffnete. Herr Heinevetter, na dieser Schimanskiverschnitt hat mir gerade noch gefehlt. Grete war noch immer auf ihn sauer. 
Der wirkte reichlich bedrückt. Mit beiden Händen streckte er der Grete einen Blumenstraß entgegen. "Für sie Frau Meier, weil sie mich doch gestern gerettet haben. Es tut mir wirklich leid, dass ich mich so dämlich verhalten habe." Ganz zerknirscht klang das.
Grete überlegte nur einen winzigen Augenblick. "Sagense mal Herr Heinevetter, haben sie Kaffeepulver?"


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Dienstag, 8. Oktober 2013

Das Fräulein Grete Meier hält sich raus



Das Fräulein Grete Meier hält sich raus


Gerade als das Fräulein Grete Meier ihren ersten Schluck Kaffee intus hatte, stürzte eine, über das ganze Gesicht strahlende, Heidi Seelig in die Büroküche. "Ich hab sie, ich hab sie! Hach ist das aufregend!" Hinter ihr tauchte die Susi im Türrahmen auf und tippte sich vielsagend an die Stirn. "Jetzt drehtse glatt durch", kommentierte sie den Ausbruch von der Frau Seelig lakonisch. "Den ganzen Morgen hör ich nix anderes von der als -Helene Fischer hier, Helene Fischer da- die macht  macht mich noch ganz kirre!"

Die Frau Seelig drehte sich pikiert zu ihr um. "Ach, was weißt du denn schon.  Immer nur Hip-Hop, da verblödet man doch!" Susi wollte zu einer Antwort ansetzen, kam aber nicht mehr dazu, weil sich Eido in das Geschehen einschaltete. "Was haben sie denn Frau Seelig und was ist so aufregend?"

Das wollte die Grete natürlich auch wissen. Lange brauchte sie auch nicht zu warten. Es sprudelte förmlich aus der Frau Seelig heraus. Dass sie doch seit einem Jahr so ein Wahnsinnsfan von Helene Fischer ist, seit ihre Schwiegermutter ihr mal eine DVD geschenkt hat, und dass sie eben die ersten Tickets im Vorverkauf für ein Konzert im nächsten Jahr ergattert hat. "Spitzenplätze, ich freu mich ja so!" Eido starrte sie ungläubig an. "Helene Fischer, das ist doch nicht dein Ernst? Ich dachte du magst keine Schlagermusik."  Grete konnte dem nur nickend zustimmen. Soweit sie sich erinnern konnte, hört die Heidi Seelig in ihrem Büro doch immer Eins Live. Einen Radiosender, den die Grete so gar nicht mag. Viel zu laut, viel zu modern.

Keine zwei Minuten später war jedenfalls der Teufel in der Küche los. Die Heidi Seelig verteidigte IHRE Helene Fischer bis aufs Messer, während Eido und Susi lautstark anderer Meinung waren. Völlig anderer Meinung. "Hör sie dir doch einfach mal an Eido, ich leih die die neue CD, kann sie dir auch brennen." Eido wehrte sofort ab. "Im Leben nicht, darauf kannst du hundert Jahre warten. Das ist doch alles Schrott, dieser ganze Schlagerkram. Er gehört zu mir … Was für ein Müll."

"Das ist aber nun von Marianne Rosenberg und nicht von meiner Helene. Da sieht man mal, keine Ahnung haste von nix, Eido!" Jetzt mischte sich die Grete ein. "Fakt ist doch, die Auftritte von ihr sollen richtig gut sein. Hab da mal einen Ausschnitt gesehen, der hatte es in sich." Die Augen von Heidi Seelig leuchteten auf, weil endlich mal jemand zu verstehen schien. "So ist es Frau Meier, die Show ist super, überhaupt die ganze Frau. Sie sieht so toll aus. Und ist ja zudem auch noch mit dem Florian verheiratet. So ein schönes Paar."

"Jetzt ist alles vorbei. Ich bin dann mal weg, das ist mir zu viel. Florian Silbereisen! Nee, da arbeite ich lieber!" Und das von der Susi! Grete glaubte sich verhört zu haben. Aber die schnappte sich tatsächlich ihren Kaffee und stakste auf ihren hohen Hacken aus der Küche. Nicht ohne dem Eido noch einen "Dieistgarantgiertnichtvondieserweltblick" zuzuwerfen. Der ließ nicht locker und zählte der Heidi Seelig alle Argumente auf, gegen Helene Fischer und den Schlagermarkt überhaupt,  die ihm nur einfielen. Grete wurde es ganz schwindelig. Irgendwann wurde es der Heidi Seelig zu bunt. "Ach komm, du hast ja einen Schaden. Das ist mir zu blöd. Ich freu mich jedenfalls total und lass mir doch von dir die gute Laune nicht verderben. Singen kann die nämlich, die covert ja auch andere Lieder. Auch in Englisch."

Wo se recht hat … dachte die Grete,  auf das Laune verderben bezogen, hielt sich aber zurück. Eido war immer noch nicht still. "Einen Schaden? Ja, das kannste laut sagen. Covern, davon habe ich die Schnauze voll. Sitz du mal im Urlaub in der Türkei in einer Hotelbar abends beim Essen, wenn neben dir ein russischer Sänger mit starkem Akzent - Du hast mich tausendmal belogen - trällert. Schlager, für mich? Niemals!"

Eido machte das so gekonnt nach, inclusive Tanzeinlage, dass die Grete vor lauter Lachen auf einen Stuhl viel. Die Heidi Seelig musste ebenfalls lachen. Während die Diskussion dann noch munter weiter ging, suchte die Grete lieber still ihr Vorzimmer auf. Besser so, dachte sie. Nicht dass ich noch erzählt hätte, wie gerne ich doch manchmal noch Roy Black höre. Und da gab es ja auch noch - dabei kicherte sie ganz leise vor sich hin – Roland Kaiser. Lief bei ihr damals auch rauf und runter.

Alles im Leben hat seine Zeit, sinnierte die Grete. Und damals, ja damals passte der Roland eben gut. Brauch ja keiner zu wissen. Ebenso wenig, wie jemand von der Luftgitarre im Auto.


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Freitag, 4. Oktober 2013

Das Fräulein Grete Meier kratzt die Kurve



Das Fräulein Grete Meier kratzt die Kurve



"Und?" Heidi Seelig war ganz aufgeregt. "Wirklich, sie sehen zehn Jahre jünger aus, erzählen sie doch mal!" Das Fräulein Grete Meier lächelte fein. "Super war es, Frau Seelig, total entspannend. So wie sie es gesagt haben. Wirklich ein tolles Geschenk von allen. Danke nochmal." Sprach´s und machte, dass sie aus der Küche kam. Besser is, dachte die Grete. Nicht dass die Heidi noch lauter Einzelheiten wissen will. Aber die dachte gar nicht daran und nahm gleich Susi in Beschlag. Schließlich musste die doch auch wissen, warum die Grete auf einmal so verjüngt aussieht. Grete war das mal gleich egal. Sie setzte sich an ihren Schreibtisch, froh aus der Schusslinie zu sein.  Ein bisschen hatte sie ja schon ein schlechtes Gewissen. Das stieg noch, als der Chef seinen Kopf aus dem Büro raustreckte. "So frisch heute Morgen, Frau Meier? Sieht man gleich wo sie waren. Meine Frau schwärmt ja auch davon. Fährt einmal im Jahr eine ganze Woche dahin."

Eine ganze Woche? Grete schüttelte den Kopf. Wie kann man es nur eine ganze Woche da aushalten. Sie selber hatte es nicht mal 5 Stunden geschafft. Und das auch nur mit Mühe und Not. Mehr als ein Jahr hatte sie die Aktion schon vor sich hergeschoben. Immer Ausreden erfunden. Irgendwann ging es nicht mehr und sie musste in den sauren Apfel beißen. Ein Tag auf einer Schönheitsfarm. Geschenkgutschein von den Kollegen und vom Chef zum Firmenjubiläum. Zwanzig Jahre. Gestern war es dann soweit gewesen.

Früh morgens ist die Grete mit dem Autochen losgefahren. Nach einer halben Stunde Fahrt kam sie auf der Beautyfarm Sonnenschein an und wurde freundlich begrüßt. In einem geräumigen Raum musste sie sich dann ausziehen. Ganzkörperpackung. Grete war das unangenehm. Zwanzig Minuten Einwirkzeit. Während die Grete eingepackt in Frischhaltefolie auf einer Liege ruhte, kamen immer mal wieder Frauen, die mindestens 10 Jahre älter waren als die Grete,  splitterfasernackt an ihr vorbeigehuscht. Grete fand das alles lächerlich. Was die hier wohl wollen, dachte sie bissig. Da ist doch nichts mehr knackig, aber Hauptsache die Muschi rasiert. Das blieb sogar der Grete nicht verborgen. Nach der Packung folgte ein Peeling und dann eine halbe Stunde Whirlpool. Und immer wieder dieses anderen nackten Damen zwischendurch, die kein Wort mit ihr redeten. War wohl ein kleines Grüppchen, was gemeinsam hier war. So viel konnte die Grete jedenfalls aus den Gesprächen raushören. Jedes Jahr treffen die sich für 5 Tage hier. Um schöner zu werden. 

Fußmassage, Pediküre, Rückenmassage. Alles ließ die Grete geduldig über sich ergehen. Dem Laufzettel, der ihr morgens schon übergeben wurde, konnte sie entnehmen, dass noch ein Mittagessen folgen sollte und danach Sauna,  Maniküre, eine Gesichtsbehandlung und ein Tagesmakeup. Das Fräulein Grete Meier wurde immer unruhiger. Was hätte sie alles mit der Zeit anstellen können, anstatt diese hier zu verschwenden! Mit Herrn Heinevetter in Ruhe eine Zigarette rauchen  und plaudern, der Frau Korters ein paar Bücher hochbringen, mit Luis in ihrer Küche spielen und und und. Stattdessen saß sie hier, nackig unter einem viel zu kurzen Bademantel, zwischen irgendwelchen alten Weibern die Sekt schlürften, und wartete auf ihr  Mittagessen. Kurzentschlossen handelte die Grete. "Sind se mir nicht böse, junge Dame", wandte sie sich an eine der netten Kosmetikerinnen. "Kann ich nicht das Mittagessen ausfallen lassen und die Sauna und sie ziehen alle anderen Behandlungen vor?" Die junge Dame sah Grete konsterniert an. Aber nur für eine Minute. "Sie fühlen sich hier nicht wohl, stimmt`s? Das habe ich vorhin schon gemerkt." Na jedenfalls sprach sie mit ihren Kolleginnen und unter Kopfschütteln wurde Gretes Plan ausgeführt. Kein Mittagessen, keine Sauna. Nur noch schnell Maniküre, Gesichtsbehandlung, also Pampe überall im Gesicht verteilt, und das Tagesmakeup. Sichtlich erleichtert atmete die Grete auf, als sie kurz nach zwei wieder in ihrem Autochen saß. Jetzt erstmal eine Zigarette. Und dann … nix wie nach Hause. Obwohl, dachte sie unterwegs, irgendwie ist es ja jetzt wie ein freier Nachmittag. Vielleicht doch noch etwas für die Seele tun und zum Café? Ein Blick in den Autospiegel hielt die Grete allerdings von diesem Plan ab. "Herrgottnochmal, wie sehe ich denn aus? Haben die den Verstand verloren?" Grete war fassungslos. Die Haare standen ihr wirr vom Kopf ab (kein Wunder, denn sie hatte ja zwischendurch immer mal wieder ein Handtuch um den Kopf schlingen müssen) während es um die Augen grün schillerte und ihre Lippen ihr in einem giftigen Orange entgegenstrahlten. Grete wusste nicht, ob sie lachen oder weinen sollte. Über Geschmack lässt sich ja bekanntlich streiten, aber ihr Pullover war pink. Und dazu orange Lippen! Und dann diese dicke Puderschicht auf der Haut. Grete hielt am Straßenrand an. Kramte eine Packung Tempos aus ihrer Tasche und wischte sich das ganze Geschmiere aus dem Gesicht. "Nee, liebe Kollegen, ihr habt es gut gemeint. Aber Beauty, das ist nix für die Grete. Zumindest nicht auf so einer überkandidelten Farm."

Zuhause ließ sich die Grete dann ein Bad ein, angereichert mit Litamin Wellness-Salz Wolke, cremte sich von Kopf bis Fuß danach mit Niveamilch ein, wusch und fönte ihre Haare, schlüpfte dann in Hausanzug und dicke Socken, noch ein bisschen Wimperntusche und dann ab auf die Couch. Mit einem Krimi und Fertigpizza. Beautyfarm und Wellness vom Feinsten. Das würde sie allerdings im Büro nicht erzählen. Besser is.




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Freitag, 30. August 2013

Von Popcorn und feuchten Gebieten



Von Popcorn und feuchten Gebieten



Da saß sie nun, die Grete. Donnerstagabend, im Kino, letzte Reihe. Versteckt hinter einem Riesenbecher Popcorn. Mit roten Ohren, peinlich berührt und wusste nicht, wo sie hinschauen sollte. Nach vorne auf die Leinwand auf jeden Fall nicht. Zum wohl  hundertsten Mal innerhalb von zehn Minuten verfluchte sie den Moment, als sie Susi zugesagt hatte, mit ins Kino zu kommen. Weiß der Geier, welcher Teufel sie da geritten hat. Zuerst hatte sie ja auch nein gesagt, aber weil Susi, Berta Kalt und Heidi Seelig ihr vorwarfen prüde zu sein, hat sie sich dann doch überreden lassen. Prüde, nein das wollte das Fräulein Grete Meier nicht auf sich sitzen lassen. Jetzt hatte sie den Salat. Vorsichtig blickte sie zu Heidi Seelig, die rechts neben ihr saß. Die starrte zwar nach vorne, schien sich aber ebenfalls nicht recht wohlzufühlen in ihrer Haut. Das erkannte die Grete an der angespannten Haltung. Grete schielte nach links zu Berta Kalt. Die saß zusammengekrümmt da, als ob sie Magenschmerzen hätte. Nicht, dass die mir gleich auf mein Popcorn kotzt, dachte die Grete. Sie beugte sich ein wenig vor und riskierte hinter dem Popcorn einen Blick auf Susi. Die schien sich zu amüsieren. Jedenfalls lächelte sie  in Richtung Leinwand und nickte ab und an zustimmend mit dem Kopf. Wem, oder was diese Zustimmung galt, wollte die Grete gar nicht erst wissen.

Die ersten Minuten gingen ja noch, aber was dann so über die Leinwand flimmerte … Grete schüttelte sich allein schon bei dem Gedanken daran. Im Kinosaal war es recht still. Ab und an hörte die Grete mal das pubertierende Gekicher einiger Mädchen oder das röhrende Lachen von männlichen Spätpubertierenden. Grete war froh, sich für den Riesenbecher Popcorn entschieden zu haben. Bot der ihr doch jetzt genug Schutz vor all den glibbrigen Körpersäften die über die Leinwand schwallten. Die Ohren längst auf Durchzug gestellt, verharrte die Grete in ihrem Sitz. Zehn Minuten, fünfzehn Minuten und noch zweimal endlos scheinende fünf Minuten. Dann hielt sie es nicht mehr aus. Resolut stand sie ganz plötzlich auf. " Das is mir jetzt zu dumm. Egal was ihr von mir denkt. Dann bin ich eben prüde. Den Unsinn hier tu ich mir nicht weiter an. Ne, da bleibt einem ja das Popcorn einzeln im Hals stecken. Ich geh jetzt!" Sprachs, drückte der verdutzten Heidi Seelig den Popcornbecher in die Hand, schnappte sich ihre Tasche, quetschte sich an offenen Mündern und Gesichtern vorbei, die vor Ekel an Schieflage litten, und fand sich in Nullkommanix vor dem Kino wieder. Dort holte sie tief Luft, schüttelte sich noch einmal, schnappte sich dann ihr Fahrrad und machte dass sie nach Hause kam. In ihre Burg, hinter eine geschlossene Tür. Fernab von irgendwelchem Muschischleim und anderem Gedöhne. In Sicherheit.

Das Fräulein Grete Meier suchte und fand. In der hintersten Ecke im Schrank. Mirabellenschnaps. Selbstgemacht. Ein Geschenk von Tante Heidi. Für Notfälle hat auf der beiliegenden Karte gestanden.  Und so ein Notfall war jetzt da. Grete nahm einen tiefen Zug. Direkt aus der Flasche. Lieschen würde jetzt garantiert schimpfen, aber das war der Grete egal. Aufatmend ließ sie sich dann auf ihrem Sessel nieder. Prüde, prüde, na dann bin ich eben prüde. Eine prüde alte Schachtel. Den Preis zahle ich doch gerne, bevor ich mir so einen Mist nochmal antue.

Schon das Buch hat die Grete nicht gelesen. Auch  nicht Shades of Grey. Intim ist intim, das gehört nicht an die Öffentlichkeit. Und wie, oder mit was, oder mit wem man intim ist auch nicht. Ist denn heute nichts mehr dem Menschen heilig? Noch nicht mal die wunderbarste Sache der Welt? Muss alles breitgetreten, analysiert und von Kameras eingefangen werden? Wird das Wort Scham jetzt zum Unwort des Jahres gekürt? Grete nahm noch einen Schluck, und sehnte sich nach einer Zigarette und normaler Gesellschaft. Also ab auf den Balkon. Ganz bestimmt ist der Herr Heinevetter auch draußen und raucht.

War er auch. Grete war richtig erleichtert. Kein Muschischleim, keine Eiterbeulen und keine Hämorrhoiden, nur das Gesicht von Herrn Heinevetter. Allerdings etwas angespannt. "Ach Frau Meier, gut dass ich sie sehe. Wissense vielleicht ein Mittel gegen Durchfall? Also das lief heute wie …."

Und wie immer, hat das Lieschen auch eine Meinung zum Thema ---> KLICK