Freitag, 9. August 2013

Im Westen nichts Neues



Im Westen nichts Neues

Heute standen sie alle neben und untereinander. In allen Zeitungen, online oder gedruckt. Die Dinge, die kein Mensch wissen will. Vor allem nicht das Fräulein Grete Meier. Und vor allem nicht Freitagnachmittag nach einer anstrengenden Woche. Wen interessiert schon, ob es bei Bauer Schäfer gebrannt hat, Boyoncé einen Kurzhaarschnitt trägt oder ob irgendein Künstler das Internet ausgedruckt hat. Die Grete mag sich überhaupt nicht vorstellen, dass es Menschen gibt denen etwas daran liegt zu erfahren, warum sich Schlagerstars bekriegen, Brüste zu klein sind, warum tätowieren beliebt ist und wo und wie und wer einen Affen mit dem Namen Paul erwischt hat. Die Bundesliga startet wieder und BILD macht natürlich gleich einen Form-Check. In einer anderen Zeitung schämen sich Deutsche im Urlaub für ihre Landsmänner neben einer Frau, die sich bitter über eine wahrlich hohe Handyrechnung beklagt, die sie aus Dummheit selber verursacht hat. Auf n-tv ist es auch nicht besser. Grün und Gelb sind verfeindet (ach nee!) und das Display eines Smartphones macht Appetit. Auf was, will die Grete schon gar nicht mehr wissen. Und neben all den nichtssagenden Meldungen blitzt überall eine nackte Lady Gaga hervor. Die macht nicht nur ihrem Namen alle Ehre mit dem Video, sondern der steht auch für den Inhalt der Zeitungen. Natürlich gab es auch wieder die üblichen Schreckensmeldungen über Unfälle und andere Übel des täglichen Lebens.

Grete jedenfalls war bedient ob all der Meldungen und fühlte sich schon selber ganz gaga.

Die Zeitungen wanderten in den Müll und die Tabs der Onlineausgaben wurden schnellstens wieder geschlossen. Nur die Kreuzworträtsel schnitt Grete wie immer vorher aus. Schließlich können die ja nichts dafür.

Noch immer an die nackte Lady denkend ging Grete auf den Balkon, setzte sich auf ihre Bank und zündete sich eine Zigarette an. Blauer Rauch stieg auf und die Grete versuchte kleine Kringel in die Luft zu pusten. Nach mehreren vergeblichen Versuchen gelang es ihr dann auch. Der Kringel stieg langsam auf, wurde größer und größer, franzte an den Rändern aus und löste sich dann langsam in Luft auf. Das ganze dauerte nur ein paar Sekunden. So ist es wohl auch bei den täglichen Meldungen, dachte sie. Die Reporter suchen und finden etwas, was sie lautstark vermelden können, blähen es auf und  nur nach Sekunden verschwindet es wieder.

Natürlich dauerte es nicht lange bis sich in den blauen Dunst von der Grete der Rauch von Herrn Heinevetters Zigarette mischte. Und seine Sätze in ihre Gedanken. Die Grete ließ all die nichtigen Meldungen des Tages in gewohnter Manier stillschweigend nochmals über sich ergehen. Gab hier und da ihren Senf dazu, und bescherte damit dem Herrn Heinevetter einen für ihn gerundeten Abschluss des Tages.

Sie weiß ja, dass er sich immer freut, sobald sie nach Feierabend auf dem Balkon ihre Zigarette raucht. Er plaudert doch so gern und tagsüber hat er kaum Gelegenheit dazu, seit seine Frau tot ist.

Mit einem fröhlichen "Schönen Abend noch Frau Meier, mit ihnen kann man sich immer so schön unterhalten und über Gott und die Welt reden, sogar über Lady Gaga und kleine Brüste" im Ohr, ging Grete wieder in ihr Wohnzimmer zurück, weil das Telefon klingelte.  Na, vielleicht ist es doch nicht so nichtig, was alles in den Zeitungen steht, dachte sie, während sie den Hörer abnahm. Ab und an braucht man es ja vielleicht doch.

Am Telefon war dann das Lieschen, die ihr nur kurz mitteilen wollte, dass es am Samstag nichts wird mit dem üblichen Telefonat, sie sei nämlich nicht zuhause. Grete kommt das recht, denn sie will am Samstag eh zu Tante Heidi und Onkel Günther fahren. Das macht sie nämlich einmal im Monat. Gern. Sehr gern. 



Kommentare:

  1. Wen kümmert das Geschwätz der Promis ob A oder B. Frl Grete Meier war mir heute außerordenlich sympathisch und ich fühlte eine leichte Verbundenheit und das sich sich um Herrn Heinevetter kümmert ist auch sehr sozial. Schade, dass das Lieschen keine Zeit hat, aber das wird.
    LG von Geli

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    1. Hallo Geli, schön dich hier zu sehen. Für Small-Talk reicht das Promi-Geschwätz allemale aus. Und ebben auch für ein Schwätzchen abends auf dem Balkon. Ja, das Haus von der Grete mit all den Nachbarn ist schon besonders. Da kennt jeder noch jeden. Und jeder sorgt sich auch. Wollen wir mal hoffen, dass es viele solcher Häuser und Nachbarschaften gibt.Danke dir.
      Lg vonner Grete

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  2. Du schreibst mir aus der Seele... und noch alsd ich las dachte ich: manchmal schadets nicht, zu wissen, was es an nichtigen Informationen in der Zeitung steht... Was die Promiwelt betrifft, brauch ich bei meinen Teeniekids immer ein kleines, solides Grundwissen, du verstehst?
    Übrigens schneide ich die Sudokus aus :) und mach es mir nun bei dir gemütlich!

    Liebe Grüße und viel Spaß bei Tante und Onkel
    wünscht die Netzstreunerin

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    1. Ein neues Gesicht, wie nett liebe Netzstreunerin, dass du hier auf der Seite gelandet bist. Hmmm, dieses Grundwissen parat haben, kennt die Grete in der Tat. Bei Teenies sicherlich von besonderer Bedeutung. Aber auch bei Susis und beim Bäcker usw.
      Vielen Dank fürs Folgen und den netten Kommentar.
      Lg vonner Grete

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  3. Ja, wen interessiert es – all jene Nachrichten (besser Meldungen, denn Nachrichten sind es ja kaum), die man eigentlich nicht wissen will.
    Es gibt sie wohl, diese Menschen, die sich darauf stürzen, es inhalieren, wie den rauch einer Zigarette und sich dann dem nächsten „Zug“ zuwenden. Es gibt sie zu Genüge, denn sonst könnte die Boulevardpresse wohl kaum überleben.
    Grete mag das nicht, aber auch sie kann sich nicht völlig entziehen. Dieses „Geschwätz“ überstülpt alles und jeden. Und zuweilen nagelt sich dann solch eine Meldung sogar in unseren Gedanken fest.
    Es hat aber auch sein Gutes.
    Wie sonst könnte Fräulein Grete mit Herrn Heinevetter so unbeschwert plaudern? Anknüpfungspunkte finden, in dieser Welt, die doch immer stärker anonymisiert?
    So kann sich eine gewisse Nähe auch im scheinbar Unbedeutenden zeigen.
    Auch wenn man gar nicht weiß hinterher, über was man sich nun ausgetauscht hat, ein kleines Restgefühl von Zufriedenheit bleibt.
    Gern bin ich mit Grete durch diesen kleinen Querschnitt an Nebensächlichkeiten, die sich so rasch in Rauch auflösen..., gewandert.
    Und nun eine kleine Zigarettenpause und über Lady Gaga nachdenken – hoffentlich, ohne gaga zu werden.
    Ein schönes Wochenende wünsche ich der Grete.
    Liebe Grüße
    Enya

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    1. Anonymisiert ... genau so ist es heutzutage sehr oft. Auch in den Mietshäusern immer stärker, obgleich man Wand an Wand lebt. Gerade deshalb sind solche Kleinigkeiten, wie Geplauder von Balkon zu Balkon wichtig. Für manch einen sogar lebensnotwendig. Einsamkeit sollte klein geschrieben werden.
      Vielen Dank und einen lieben Gruß in das We
      vonner Grete

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Da freut sich die Grete aber, dass du was zu sagen hast ...